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Innenstädte : Kampf um die Straße

Berufsverkehr in Berlin: Wo ist hier noch Platz für Radfahrer? Bild: dpa

Verstopfte Straßen, chronischer Parkplatzmangel, Gedrängel überall: Deutschlands Innenstädte sind überlastet, der Frust ist nicht nur bei Autofahrern groß. Welchen Ausweg gibt es?

          Morgens, halb acht in Deutschland: Der tägliche Kampf um die Straße kann beginnen. Fahrradfahrer bahnen sich ihren Weg durch die Stadt und ärgern sich über Autofahrer, die Radwege zuparken, ihnen beim Rechtsabbiegen den Weg abschneiden oder die Vorfahrt nehmen. Auf der anderen Seite ist die Wut nicht kleiner: Immer diese Radfahrer, die zu zweit nebeneinander fahren, sich an der Ampel vorbeischlängeln und dann auch noch über Rot rasen. Geht’s noch?

          Während der technische Fortschritt das Leben überall angenehmer macht, nehmen Frust und Aggressionen auf den Straßen zu: Polizisten und Verkehrspsychologen berichten von Fällen, in denen Autofahrer andere Menschen vom Fahrrad reißen und verprügeln, in denen geschimpft, gespuckt und getreten wird – und zwar von beiden Seiten. Besonders oft passiert das, wenn der Verkehr dicht ist, etwa an Freitagnachmittagen, wenn alle schnell nach Hause wollen und die Ausfallstraßen verstopft sind. Zu befürchten ist, dass die Auseinandersetzungen in Zukunft sogar noch zunehmen, schließlich wächst die Bevölkerung in den Städten: Frankfurt bis zum Jahr 2035 wohl um 80.000 Einwohner, München um 200.000, Berlin gar um 500.000, hat das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ausgerechnet. Was die Frage aufwirft: Kann man denn da gar nichts machen?

          Der „Tag des guten Lebens“

          Darüber nachzudenken ist die Aufgabe von Stadtplanern und Verkehrsforschern. Sie sind aber nicht die einzigen, die mit Ideen aufwarten, wie Städte von Staus und Parkplatzmangel befreit und idealerweise zugleich attraktiver und lebenswerter gemacht werden können. Fahrradfahrer demonstrieren in Großstädten für mehr Radwege und Stellplätze, Umweltgruppen fordern Fahrverbote für Dieselfahrzeuge und würden bei der Gelegenheit am liebsten wohl gleich alle Autos aus der Stadt verbannen. Was sich zwischen Auto- und Fahrradfahrern täglich auf Deutschlands Straßen abspielt, zeigt im Brennglas, wobei es in diesen Debatten eigentlich geht – nämlich die Frage: Wem gehört die Stadt?

          Martin Herrndorf hat darauf eine klare Antwort. Er ist Mitgründer der Initiative Agora, die einmal im Jahr in einem Kölner Stadtteil einen „Tag des guten Lebens“ veranstaltet. Die Straßen sind dann für Autos gesperrt und die Kölner dürfen tun, worauf sie Lust haben: ein Picknick machen, einen Flohmarkt veranstalten, Fußball spielen, Blumen pflanzen – nur nicht ins Auto steigen. Die Idee dahinter: Die Leute sollen bemerken, wie viel sie an Lebensqualität hinzugewinnen könnten, wenn die Stadt umgestaltet und mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger gemacht würde.

          Die Idee trifft einen Nerv. Allerdings nur den eines bestimmten großstädtischen Klientels. Für Autofahrer hingegen wird der Platz eingeschränkt. Und wer will schon auf sein Auto verzichten? Abgesehen davon, dass an der Automobilindustrie Millionen Arbeitsplätze und damit auch unser Wohlstand hängen, würden die Menschen dadurch auch in ihrem Alltag stark eingeschränkt. Mal eben das Kind zur Kita bringen und dann weiter ins Büro fahren, die Wasserkiste und Einkaufstüten in den Kofferraum laden, die neue Couch nach Hause transportieren – damit wäre dann Schluss. Überhaupt hängen ja nicht nur die Privathaushalte am Auto, sondern auch der Einzelhandel, der Supermarkt-Lieferservice oder der Postbote mit dem nächsten im Internet bestellten Paket. „In Frankfurt drängen wir, wie in vielen anderen Städten, die Autos in der Tendenz eher zurück“, sagt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling von der SPD. „Das funktioniert in der Regel auch. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Autos für die Funktionsfähigkeit einer Stadt heutzutage unerlässlich sind.“

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