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Selbstfahrende Wagen : Der Autopilot will endlich ans Steuer

Einfach laufen lassen: Bundesverkehrsminister Dobrindt auf Testfahrt. Bild: dpa

Weniger Unfälle, weniger Staus: Autonomes Fahren ist technisch machbar, Kunden gäbe es auch bereits. Noch kämpft die neue Technik aber mit alten Verkehrsregeln.

          Geht es nach Audi, dann ist die automobile Zukunft serienreif. Schon im kommenden Jahr, wenn die neue Luxuslimousine A8 vorgestellt wird, will Audi das „pilotierte Fahren“ anbieten. Das Flaggschiff aus dem Volkswagen-Konzern wird über einen Stauassistenten verfügen und auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern selbständig lenken und bremsen. Für Audi-Chef Rupert Stadler ist das pilotierte Fahren eine Durchbruchstechnologie, das er am liebsten mit dem Etikett „Tested on German Autobahn“ versehen möchte. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat sich neulich jedenfalls schon einmal in einem fahrerlosen Audi-Testwagen über die A9 steuern lassen und war danach so angetan, dass die bayerische Autobahn nun zu einem „digitalen Testfeld“ aufgerüstet wird.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ob Automanager oder Politiker, das autonome Fahren begeistert viele. Fachleute sind sich einig, dass 129 Jahre nach dem ersten Motorwagen von Carl Benz das Automobil gerade neu erfunden wird. „Das autonome Fahren ist die Lösung für die Mobilität der Gesellschaft, für die Verkehrsinfarkte in den Großstädten“, sagt Nikolaus Lang, Partner der Boston Consulting Group (BCG). „Anders als in der Elektromobilität sind die technischen Hürden niedrig, zudem wird die Technologie in den kommenden Jahren immer erschwinglicher werden.“ Während die Elektroautos noch unter ihren teuren Batteriespeichern, der geringen Reichweite und der kaum vorhandenen Ladeinfrastruktur leiden, sind die selbstfahrenden Autos technisch schon ziemlich ausgereift. Abstandssensoren und Spurführungen sind in vielen Autos heute bereits Standard, an hochpräzisen Straßenkarten wird gearbeitet. So tobt gerade um den Kartenanbieter Nokia Here ein Bieterwettstreit unter Autoherstellern, Internetkonzernen und Mobilitätsdienstleistern. Nokia Here stellt digitale Landkarten her und ist neben Google und Tomtom einer der größten Anbieter. Für das selbstfahrende Auto sind solche Daten unverzichtbar. Noch unklar ist, wie autonome Fahrzeuge vor Cyber-Attacken abgeschottet werden können.

          Autofahrer wollen neue Technik

          Aber die gesellschaftliche Akzeptanz ist heute schon recht groß: Zahlreiche Studien belegen ein enormes Interesse der Kunden. So haben die Berater von BCG in den Vereinigten Staaten mehr als 1500 Autofahrer befragt und überwältigende Zustimmungswerte erhalten: 55 Prozent würden sich für ein teilweise, 44 Prozent für ein vollständig selbstfahrendes Auto entscheiden. Dafür würden sie auch mehr als 5000 Dollar zusätzlich investieren.

          „Die Kunden sind bereit, für Fahrspurassistenten, Einparkhilfen, Stadtverkehrspiloten und neue Technologien Geld auszugeben. Sie versprechen sich eine Steigerung ihrer Lebensqualität, wenn sie im Stau nicht selbst hinter dem Steuer sitzen müssen oder wenn ihr Auto allein in das Parkhaus fährt“, sagt BCG-Berater Lang. Er geht davon aus, dass bereits in zehn Jahren jedes zweite Auto der Premiumhersteller Audi, BMW oder Daimler über solche Assistenzsysteme verfügt. Weitere zehn Jahre später dürfte ein Viertel aller Autos auf dem Weltmarkt von allein steuern, bremsen und navigieren.

          Der Nutzen für alle wäre groß: Der Straßenverkehr würde sicherer, sind doch weit mehr als 90 Prozent aller Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen. Intelligente Navigation könnte für einen besseren Verkehrsfluss in den Städten sorgen und die Kapazitäten auf den Autobahnen effizienter auslasten, die Umweltbelastung wäre geringer.

          Audi A7 mit Autopilot : Selbstfahrendes Auto ist schon Wirklichkeit

          Deutschland darf nicht den Anschluss verlieren

          Das alles bleibt im Konjunktiv, denn autonomes Fahren ist derzeit verboten. Die Autoindustrie ist noch an gesetzliche Gegebenheiten aus der alten Welt gebunden. In vielen Weltmärkten herrschen unterschiedliche Regeln. Das Wiener Verkehrsabkommen von 1968 etwa, das in Europa und vielen anderen Ländern gilt, schreibt vor, dass der Fahrer „dauernd sein Fahrzeug beherrschen“ muss. Vom Autofahrer wird verlangt, „alle anderen Tätigkeiten als das Führen seines Fahrzeugs“ zu vermeiden. Zwar sind inzwischen Fahrerassistenzsysteme zugelassen, auch wird das Vertragswerk derzeit weiter überarbeitet. Aber die Fachleute der Hersteller und die Juristen in den Verkehrs- und Justizministerien streiten darüber, wie weit die Regeln aufgeweicht werden sollen.

          Der Verband der Automobilindustrie (VDA) dringt auf eine rasche Lösung: „Jetzt müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit das Fahrzeug rein rechtlich die Aufgaben übernehmen kann, die heute allein der Autofahrer wahrnehmen darf“, sagt VDA-Präsident Matthias Wissmann. Sowohl Zulassungs- als auch Verhaltensrecht müssten an die modernen Entwicklungen angepasst werden. Schließlich geht es um eine wichtige Industrie, und Deutschland darf international nicht den Anschluss verlieren. Längst sind die großen Internetkonzerne aus dem Silicon Valley zu ernsten Wettbewerbern geworden. Das selbstfahrende Google-Auto zum Beispiel hat schon etliche Millionen Testkilometer zurückgelegt.

          Wissmann weiß, dass nationale Alleingänge nichts bringen: „Der wichtigste Ort, um diese juristischen Fragen zu klären, sind die Vereinten Nationen. Deutschland wird in den relevanten UNECE-Gremien von der Bundesregierung kompetent vertreten.“

          Bei Audi wären sie froh, wenn alle für das automatisierte Fahren relevanten Änderungen im kommenden Jahr in Kraft treten würden – passend zum Serienstart des neuen A8, „tested on German Autobahn“.

          Quelle: F.A.Z.

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