http://www.faz.net/-gqe-7x7f1

Stadtflucht : Land, Stadt, Glück

  • -Aktualisiert am

In der Stadt sind die Wege kurz, deshalb fährt man Rad. Arndt Großkopf (rechts), seine Frau Paula Henriquez Kries (rechts) und ihre Kinder Bild: Wohlfahrt, Rainer

Spätestens, wenn die Kinder kamen, zogen die Städter früher aufs Land. Heute ist alles anders: Die Familien bleiben und fühlen sich wohl wie nie.

          Paula Henriquez Kries und ihr Mann Arndt Großkopf sind Rückkehrer. Zusammen mit ihren vier Kindern sind sie zurück in die Stadt gezogen. Acht Jahre lang haben sie auf dem Land gewohnt, in einer Kleinstadt namens Grünberg nahe Gießen, 50 Minuten Autofahrt von Frankfurt entfernt: eine Grundschule, eine Gesamtschule und ganz viel Grün.

          Dort konnte sich das Mediziner-Paar ein großes Haus leisten, und Arndt Großkopf hatte seine Praxis um die Ecke. Nur Mutter Paula musste nach Frankfurt pendeln, wo sie damals in der Klinik arbeitete. Heute ist sie als Kinderärztin niedergelassen.

          Was nach einem perfekten Lebensplan klingt, funktionierte nicht. „Wir haben uns nie richtig wohl gefühlt“, sagt Henriquez. Schon sechs Jahre nach dem Umzug war klar: „Wir wollten zurück nach Frankfurt.“ 2006 fanden sie das passende Haus mit Garten für die Rückkehr – mitten in Frankfurt, im Dichterviertel, wo es beschaulich aussieht, aber zentral ist. „Wenn schon zurück, dann mittendrin“, sagt Henriquez.

          Öffnen
          Wanderungsströme : Netto-Wanderungsströme in Deutschland

          Das Abschiednehmen fiel nur dem älteren Sohn schwer, der in Grünberg groß geworden war. Der Rest der Familie war in der Stadt sogleich glücklich – und ist es bis heute. „Ich würde das nie wieder aufgeben“, sagt Henriquez. Wenn sie heute nach Grünberg fährt, fällt ihr vor allem auf, dass der Ort sich leert. Geschäfte ziehen weg, Häuser stehen zum Verkauf. Familie Henriquez-Großkopf ist nicht die einzige, die den idyllischen Ort verlassen hat.

          Das Kind ist da – ab in die Stadt

          Mittlerweile gilt für ganz Deutschland: Nur noch wenige ziehen aufs Land, die meisten wollen in die Städte. Flüchtete man einst vor der lauten, dreckigen, gefährlichen Großstadt ins Grüne, ist es nun umgekehrt. Gerade in Großstädten wird es eng, weil immer mehr Menschen dorthin ziehen – und bleiben.

          Den Trend treiben zuallererst die Jungen zwischen 18 und 24 Jahren, rechnet Nikola Sander vor, deutsche Geographin am Vienna Institute of Demography. Noch im Jahr 1995 zog von 100 Personen zwischen 18 und 24, die auf dem Lande lebten, weniger als einer weg im Jahr – so ihre Auswertungen. 2010 waren es schon mehr als drei von 100 jungen Leuten, die weggingen. In den Städten wächst diese Altersgruppe hingegen rasant durch Zuzüge: jährlich um vier Prozent in Großstädten, in Kleinstädten sogar um sechs Prozent.

          Die Jungen mochten die Städte natürlich immer schon. Wirklich überraschend ist, dass auch eine andere Altersgruppe die Städte liebgewonnen hat: die 30- bis 49-Jährigen. Noch in den neunziger Jahren zogen sie in einer breiten Bewegung aufs Land. Wenn die Kinder kamen oder man ein Häuschen baute, war es Zeit, die Stadt zu verlassen. Jahr für Jahr verloren deutsche Städte Familien an die Vororte. Das ist vorbei. Zwar ziehen noch heute etwas mehr Menschen dieser Altersgruppe ins Umland oder aufs Land als in die Städte. Aber die Städte holen auf.

          „Das ist in der Stadt anders; hier bin ich normal“

          Viele junge Familien bleiben jahrelang mitten in der Stadt wohnen, oft in kleinen Wohnungen ohne Garten oder später in Häusern, die sie auf dem Land für die Hälfte haben könnten. Schon 2010 war es so, dass die Städte kaum mehr Personen zwischen 30 und 49 verloren haben. Die meisten Großstädte gewinnen seit zwei, drei Jahren sogar. In Berlin, Frankfurt, München ziehen Familien, Paare, Singles zwischen 30 und 59 zu.

          Weitere Themen

          Grauenvolle Details Video-Seite öffnen

          Horror-Haus in Kalifornien : Grauenvolle Details

          Die neuen Erkenntnisse der Polizei nach der Befreiung von insgesamt 13 Kindern aus ihrem Elternhaus, kommen wie Szenen aus einem Gruselfilm daher. Warum die Eltern ihre Kinder auf diese fürchterliche Weise festhielten, ist bislang unklar.

          Topmeldungen

          Islamistische Gefahr in Berlin : Gewachsene Gewaltbereitschaft

          In Berlin ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten: Die Zahl der Salafisten hat sich in den vergangenen sechs Jahren beinahe verdreifacht. Zur großen Mehrheit gehören keine Flüchtlinge.

          Nach der Katalonienwahl : Acht Sitze bleiben leer

          Die Separatisten dominieren auch das neue katalanische Regionalparlament – bei der Auftaktsitzung bieten sie aber kein Bild der Stärke. Und was ist mit Carles Puigdemont?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.