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Immer mehr LKW : Chaos auf der Autobahn

Nicht nur die Staugefahr auf den Autobahnen wächst. Gerade Fernfahrer müssen auch steigende Kriminalität fürchten. Bild: dpa

Auf Deutschlands Fernstraßen drängen sich immer mehr Lastwagen. Das führt tagsüber zu langen Staus - und nachts zu gefährlichen Szenen auf Rastplätzen.

          Meckern über die Zustände auf deutschen Autobahnen gehört für viele Deutsche zum guten Ton. Das mag in der Vergangenheit oft übertrieben gewesen sein. Doch die Probleme, die sich inzwischen anhäufen, entwickeln sich zu einem echten Ärgernis: immer längere Staus, überfüllte Parkplätze und organisierte Banden, die nachts Lastwagen ausrauben. In diesen Wochen ist es besonders schlimm. Urlauberkolonnen quälen sich über die Fernstraßen und sorgen für hitzige Gemüter. Verschärft wird die Lage durch marode Strecken, kaputte Brücken, die wachsende Zahl von Baustellen - und immer mehr Verkehr. Im vergangenen Jahr zählte der ADAC jeden Tag 1900 Staus und knapp 420.000 Staustunden bundesweit, Tendenz steigend. Die Längen summierten sich auf fast 1,4 Millionen Kilometer, ein Fünftel mehr als im Vorjahr. In Nordrhein-Westfalen wurde die Regierung mit SPD und Grünen auch wegen der chaotischen Verkehrsverhältnisse abgewählt.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Max  Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das wirft ein Schlaglicht auf die Ursachen für die Missstände: Politische Entscheidungen und Behördenplanung hinken dem Bedarf nicht nur in NRW hinterher. Das zeigt sich an der Laster-Lawine, die durchs Land rollt. Brummifahrer, die ihre Ruhezeiten einhalten müssen, stellen Parkflächen zu. An Werktagen bilden sich am Nachmittag auf der rechten Spur der Autobahnen vor größeren Rastanlagen oft kilometerlange Laster-Staus. Nachts stehen die Lastzüge in Aus- und Auffahrten oder auf dem Standstreifen - oft unbeleuchtet. Auf der A 4 bei Chemnitz starben zuletzt drei Männer, nachdem ihr Auto unter einen in einer Abfahrt stehenden Laster geknallt war. Der ADAC spricht von "teilweise katastrophalen Verhältnissen" und fordert einen "weiter raschen Ausbau" der Stellplatzkapazitäten.

          „Wir kommen mit dem Bau nicht hinterher“

          Trotz Tausender neuer Parkplätze an Autobahnen in den vergangenen Jahren werden mittelfristig sogar eher mehr Stellplätze fehlen als vor vier Jahren. Das errechnet sich aus Zahlen des Bundesverkehrsministeriums. Demnach fehlen Ende 2025 etwa 13.000 Plätze für Laster an den Fernstraßen - verglichen mit 11.000 im Jahr 2013. Das Ministerium betont, dass im kommenden Jahr wieder eine Bestandsaufnahme anstehe, verbunden mit neuen Prognosen.

          Besonders betroffen von diesem Engpass sind die Straßen rund um Metropolen und die stark frequentierten Nord-Süd- sowie Ost-West-Verbindungen - wie die A 3. Die Autobahnpolizei dort spricht von "massiven Problemen". So sind die Autobahnpolizisten der Station Montabaur für den rheinland-pfälzischen Abschnitt der A 3 zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen zuständig. "Es kommt immer wieder zu gefährlichen Situationen und Unfällen. Unsere Beamten müssen am Abend regelmäßig ausrücken und für Ordnung sorgen", sagt der stellvertretende Dienststellenleiter Hans-Joachim Eggert.

          Die Bundesregierung hatte versprochen, die Kapazitäten in der laufenden Legislaturperiode bedeutend auszubauen, und zwar um 6000 neue Parkplätze. Dieses Ziel werde erreicht, teilt das Ministerium in Berlin mit. Damit würden zum Ende dieses Jahres bundesweit rund 49.000 Lkw-Parkmöglichkeiten zur Verfügung stehen. 500 Millionen Euro sind laut Regierung dann in den Bau von Rastanlagen geflossen, in diesem Jahr allein 130 Millionen Euro. Aber die Regierung kommt nicht dagegen an, dass die Lastermassen unaufhörlich steigen. Die Zielmarken für die neuen Parkplätze seien zu tief gesetzt worden, beschwert sich deshalb die Logistikbranche. Die Zahlen aus Berlin und ein Blick auf die Straßen bestätigen das, die Parkplatznot wird immer größer. In manchen Behörden hört man fast so etwas wie Resignation: "Wir kommen mit dem Bau neuer Parkplätze nicht hinterher", sagt die Sprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr in Sachsen.

          Auch Kriminalität wird zum Problem

          Derweil reichen die Probleme auf deutschen Autobahnen noch weiter: Tausende Überfälle auf Lastwagen sorgen jährlich für Milliardenschäden. Die Banden kommen aus der organisierten Kriminalität. Sie tummeln sich überall im Land. Mehr als jeder neunte Fall in Europa fällt auf Deutschland, rechnet der internationale Interessenverband Tapa im Jahresbericht für seine Mitglieder vor. "Deutschland und Großbritannien sind in Europa die führenden Nationen im Transportdiebstahl", sagt Tapa-Europachef Thorsten Neumann. Ein unrühmlicher Spitzenplatz. Auf 1,2 Milliarden Euro beziffert er den Wert der Waren, die jedes Jahr in Deutschland erbeutet werden. "Der wirkliche volkswirtschaftliche Schaden liegt fünf- bis achtmal so hoch." Damit meint er indirekte Effekte wie beispielsweise den, dass der Frachtdiebstahl die Lieferketten stört und in Zeiten der "Just in time"-Strategien Lieferausfälle verursachen kann. Im Verband Tapa (Transported Asset Protection Association) haben sich Hunderte Unternehmen zusammengeschlossen, von Industrieunternehmen über Spediteure bis zu Versicherern.

          Offensichtlich wird der große Autobahn-Klau von der organisierten Kriminalität vornehmlich aus Osteuropa gesteuert und funktioniert grenzüberschreitend. Das bestätigen die Polizei und das Bundesamt für Güterverkehr (BAG). Die Diebe stehlen nicht nur die Fracht, sondern oft auch Treibstoff und manchmal gleich den ganzen Laster. Letzteres passierte im Jahre 2015 nach BAG-Angaben 1605 Mal - also im Schnitt vier- bis fünfmal am Tag. Häufiger haben es die Banden aber nur auf die Fracht abgesehen: Eine Fallzahl im "hohen vierstelligen Bereich" meldet die Behörde.

          Die Täter schlitzen die Planen auf oder entwenden die Ladung anderweitig. Besonders beliebt bei den Dieben: Computer, Baumaterial und Werkzeuge, Haushaltsgeräte, Möbel und Kleidung. Tatorte sind häufig ungesicherte Parkplätze, Raststätten und Autohöfe entlang der Autobahnen. Dort gibt es zwar auch besonders gesicherte Parkplätze, doch die kosten extra. Die Autobahnpolizei kennt das Vorgehen der Diebe aus der täglichen Praxis: "Die Fahrer wollen und sollen ja nachts auch schlafen, tragen wegen des laufenden Verkehrs auf der Autobahn oft Ohrenstöpsel, zudem brummen in der Nacht bei manchen Lastern die Kühlgeneratoren."

          Quelle: F.A.Z. Woche

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