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Veröffentlicht: 14.02.2017, 07:24 Uhr

Elektromobilität Smart stoppt Benzinmotoren in Nordamerika

Benzinpreis niedrig, Absatz schwach: Daimler zieht die Notbremse. Der Kleinwagen versucht sein Glück künftig allein mit Elektroantrieb.

von
© Daimler AG Künftig soll nur noch der Smart Fortwo Electric Drive auf Amerikas Straßen unterwegs sein.

Der zu Daimler gehörende Kleinwagenhersteller Smart wird in den Vereinigten Staaten und Kanada keine Fahrzeuge mehr mit Benzinmotor verkaufen. Das geht aus einem Schreiben von Amerika-Chef Dietmar Exler an die Händler hervor, das der F.A.Z. vorliegt. Der Verkauf wird demnach zum September 2017, wenn in Nordamerika das neue Modelljahr beginnt, eingestellt. Stattdessen will sich Smart allein auf die batterieelektrisch angetriebene Variante seiner zweisitzigen Modelle Fortwo und Fortwo Cabriolet beschränken, die in ihrer jüngsten Form im Sommer auf den Markt kommen sollen. Besitzern von benzingetriebenen Fahrzeugen sichert Smart Serviceleistungen und Ersatzteile für die kommenden zehn Jahre zu.

Holger  Appel Folgen:

Auch Norwegen wird so verfahren und nur noch elektrische Smart anbieten. Für alle übrigen Märkte soll diese Entscheidung nicht gelten, wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage beteuert. „Ganz sicher auch nicht in Deutschland, denn insbesondere in den europäischen Märkten fahren viele Smart auch außerhalb der Großstädte und auf längeren Strecken. Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach Benzinmodellen“, heißt es aus Stuttgart.

144.000 Verkäufe im vergangenen Jahr

In Nordamerika, wo Pick-up-Trucks und SUV rund 60 Prozent Marktanteil am Neuwagenabsatz erreichen, leidet der Kleinwagen indes erheblich unter dem gesunkenen Benzinpreis. Nur 6211 Stück konnte Smart im vergangenen Jahr verkaufen. Der Anteil elektrisch betriebener Varianten daran lag zuletzt in den Vereinigten Staaten bei 25 Prozent, in Kanada sogar um 50 Prozent. Das Segment der hochwertigen Kleinstwagen ist zudem grundsätzlich ausgesprochen eng, Smart zählt hierzu als einzigen Konkurrenten den Fiat 500. „Der Elektroantrieb ist von zentraler Bedeutung für unsere langfristige Antriebsstrategie in Nordamerika, und der Smart Fortwo Electric Drive wird eine wichtige Rolle dabei spielen. Darüber hinaus stellt uns die Marktentwicklung im Kleinwagensegment vor einige Herausforderungen“, schreibt Exler.

Annette Winkler, die Vorsitzende von Smart, führt an, sie werde die „zugrundeliegende, erfolgreiche Strategie fortsetzen und weltweit sowohl Verbrennungs- als auch Elektroantriebe anbieten. In den Vereinigten Staaten und Kanada haben wir uns aber entschlossen, ausschließlich auf lokal emissionsfreies Fahren zu setzen“. So übermäßig erfolgreich wirkt Smart indes grundsätzlich nicht, der Hersteller bewegte sich lange Zeit um die Schwelle von 100.000 Autos und schaffte im vergangenen Jahr einen Rekord von 144.000 Verkäufen. Das dürfte für nachhaltige Profitabilität zu wenig sein.

Nachrüsten für knapp 1000 Euro

Mit Elektroautos probt Smart schon seit 2007 den Aufstand gegen das Establishment, doch der Abkehr von der Verfeuerung fossiler Brennstoffe wollte der Durchbruch nie richtig gelingen. Bescheidene 16.500 Autos mit Elektroantrieb hat Smart in den zehn Jahren auf die Straße gebracht, nicht gerade wenige davon in der hauseigenen Carsharing-Flotte. Der Smart Electric Drive Jahrgang 2017 ist voll alltagstauglich, relativ günstig und passt bestens in die Zeit. Sagt Smart. „Er ist halbwegs alltagstauglich, noch immer recht teuer und passt gut in die Zeit“, schrieb diese Zeitung nach einer ersten Probefahrt mit der nunmehr vierten Generation. Die vom französischen Entwicklungspartner Renault zugelieferte Elektromaschine mit ihren 81 PS (60 kW) und 160 Nm Drehmoment aus dem Stand sei ein munterer Geselle ohne Zicken, sie surre kaum hörbar und verzögere beim Energie aus der bremsenden Bewegung zurückgewinnenden Rekuperieren wohldosiert, hieß es in dem Bericht. Der neue Smart, dessen Grundkonzept bei Renault als benzingetriebener Twingo lebt, bewege sich erwachsener als die Vorgängergeneration. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 130 km/h. Auf die von der Deutschen Accumotive in Kamenz zugelieferte Batterie gewährt der Hersteller acht Jahre Garantie.

© Smart F.A.Z.-Probefahrt: Smart Electric Drive

Nach Norm soll der Wagen 160 Kilometer elektrisch zurücklegen können, im Alltag sind vielleicht 130 Kilometer realistisch. Für mehr Reichweite müssten größere Batterien an Bord, doch im Fahrzeugboden ist nur Platz für einen Lithium-Ionen-Akku mit 17,6 kWh Kapazität. Dann muss der Smart an die Steckdose, deren Aufsuchen erst mit Schnelllademöglichkeit Freude bereitet. Davon bieten Einkaufszentren in Amerika einige an, sie sind aber gern etwas unattraktiv in hinteren Ecken versteckt, dafür ist die Stromentnahme oft für den Nutzer kostenlos. In jedem Fall wird geraten, die entsprechende technische Einrichtung im Auto mitzubestellen, nachrüsten ist unmöglich. Sie hat bislang rund 3000 Euro Aufpreis gekostet. Künftig soll sie für knapp 1000 Euro zu haben sein, ist aber erst mit Verzögerung erhältlich.

Maximaler Ladekomfort kostet

Steht Drei-Phasen-Power zur Verfügung, soll der Akku binnen 45 Minuten zu 80 Prozent geladen sein. Für daheim bietet sich indes die Wallbox genannte Elektrotankstelle an der Garagenwand (Voraussetzung sind 32 Ampere Absicherung) an, sie erfordert weitere rund 900 Euro zuzüglich der Kosten des sie installierenden Elektrikers und lädt die Batterie in weniger als sechs Stunden. Die Nutzung der 230-Volt-Haushaltssteckdose ist natürlich am simpelsten und günstigsten, den komplett entleerten Akku zu befüllen dauert damit aber bis zu neun Stunden.

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Wer maximalen (Lade-)Komfort möchte, muss mithin einiges addieren zum Grundpreis, der hierzulande 21.940 Euro für den von April an angebotenen geschlossenen Zweisitzer beträgt. Das Halbcabriolet und der in Europa erhältliche Viersitzer werden ebenfalls unter Spannung gesetzt und sind noch etwas teurer.

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