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Zeitungsmarkt Berlin ist erst der Anfang

16.10.2005 ·  Finanzinvestoren haben den deutschen Medienmarkt entdeckt. Was sie eigentlich vorhaben, weiß allerdings niemand und vielleicht ist die große Aufregung gar nicht gerechtfertigt.

Von Michael Hanfeld
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In Stuttgart wird das Wochenende durchverhandelt. Die Zeit drängt. Denn seit bekanntgeworden ist, daß sie den Berliner Verlag kaufen wollen, stehen die angelsächsischen Finanzinvestoren 3i, Mecom und Veronis Suhler Stevenson unter großem Druck. Wenn alles glattläuft, werden schon am Dienstag oder Mittwoch Nägel mit Köpfen gemacht.

Es herrscht Hochdruck, hebt doch plötzlich beinahe im Stundentakt ein Verlag nach dem anderen den Zeigefinger und deutet an, daß er doch ein viel besserer Partner für die Holtzbrinck-Zeitungen wäre. Besonders Neven DuMont schickt seine Abteilungsleiter aus, um in Stuttgart und Berlin vielleicht doch noch in letzter Minute den Blick gen Köln zu richten.

Erst wollte niemand, jetzt wollen sie alle

Die Chefin der SPD-Medienholding, Parteischatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier, warnt unheildrohend vor ausländischen Investoren und einem „Kulturbruch“. Die Essener WAZ hingegen schweigt vielsagend und bietet - weil sie eine prall gefüllte Kriegskasse hat - im Zweifel immer mit.

Der Süddeutsche Verlag gilt für den „Tagesspiegel“ als Wunschkandidat von Holtzbrinck, der norwegische Mischkonzern Orkla Media, der im Juli die „Netzeitung“ gekauft hat, sitzt ungeduldig im Hintergrund und hat sich vorsorglich schon mal nach dem Preis für den Berliner Verlag erkundigt, den man jederzeit zu zahlen in der Lage wäre. Die Mitarbeiter bangen derweil, was wird.

Welche Ironie: Monatelang bekam Holtzbrinck für seine beiden Zeitungen in der Hauptstadt, die beide auf dem Markt sind, keine vernünftigen Angebote. Und jetzt wollen auf einmal alle die „Berliner Zeitung“ haben. Und mit einem Mal ist im totgesagten deutschen Zeitungsmarkt Geld drin. Viel Geld. Geld für Investitionen, wo doch der Anzeigenmarkt so mau ist und die Redaktionen kurzgehalten werden.

Kein Investor will als Heuschrecke erscheinen

Die 150 bis 160 Millionen Euro, die der Berliner Verlag kosten soll, schrecken die potentiellen Käufer jedenfalls nicht, wobei man schon annehmen darf, daß Holtzbrinck - da sich jetzt so viele zu Wort melden, erst recht - es darauf anlegen wird, den Preis von rund zweihundert Millionen Euro, den man 2002 selbst für den Berliner Verlag bezahlt hat, wieder herauszubekommen. Aber nun, im Augenblick der Transaktion, heißt es: Es ist gar keine Frage des Geldes, zumindest nicht nur, sondern eine der Glaubwürdigkeit. Wer den Berliner Verlag kauft, muß beides mitbringen. Was kann sich ein Zeitungshaus Besseres wünschen?

Also sind die drei Finanzinvestoren darauf erpicht, nicht als jene Heuschrecken zu erscheinen, deren Plage der designierte Vizekanzler Franz Müntefering beschworen hat. Besonders David Montgomery, hinter dessen Firma Mecom auch einige der gefürchteten Hedgefonds stehen sollen, entspricht auf den ersten Blick genau dem Zerrbild.

Wenn Montgomery den Raum betrete, sinke die Temperatur um zehn Grad, haben sie in der englischen Presse über ihn geschrieben, und den Spitznamen „Rommel“ trägt der kleine, drahtige sechsundfünfzigjährige Workaholic nicht etwa deshalb, weil man ihn für einen besonders freundlichen Feldherrn hielte.

Finanzinvestoren scheiterten bislang

Doch ist der Mann mit dem harten nordirischen Akzent nicht nur einer fürs Grobe, sondern für die große Vision eines paneuropäischen Presseunternehmens, zu dem Zeitungen in England, Frankreich und Deutschland gehören sollen. Dafür hat er bei seinen Geldgebern Kapital eingesammelt und sich mit zwei Investmenthäusern zusammengetan, die nicht nur auf Hunderte von Transaktionen zurückblicken, sondern vor allem auch in Medienbetriebe investieren. Das muß die Verleger natürlich beunruhigen.

Die drei Finanzinvestoren sind, wie viele andere, ohne daß man dies groß bemerkt hätte, bereits seit zwei, drei Jahren dabei, sich in Europas Presse einzukaufen. Sie sind für die großen Verlagskonzerne, die aus strategischen Gründen kaufen und kaufen, zu ernsthaften Konkurrenten geworden.

Allerdings sind die Finanzinvestoren bislang auch immer wieder gescheitert - an den Verlagen oder der politischen Diskussion, die ihr Auftauchen mit sich bringt: Den „Daily Telegraph“ haben Montgomery, 3i und VSS im letzten Jahr haben wollen, aber nicht bekommen - er ging für den hohen Preis von 665 Millionen Pfund an die Barclay-Brüder; mitgeboten hatte bis zuletzt auch der Springer-Verlag. Sie haben sich vergeblich um die „Schweriner Volkszeitung“ bemüht. Und auch bei der „Frankfurter Rundschau“ hat 3i den kürzeren gezogen, eingestiegen ist dort bekanntlich die Medienholding der SPD, die DDVG.

Deutsche Medienkonzerne haben wenig Marktanteile

Doch was unterscheidet die Finanzinvestoren von den Verlegern? Was wollen sie, was macht den deutschen Zeitungsmarkt mit seinen mehr als dreihundert Verlagen für sie interessant? Genau das: Daß der Markt fragmentiert ist und man absehen kann, daß er sich weiter konzentrieren wird.

Viele kleine Verlage sind in der dritten Generation in Familienhand und haben immer weniger geschäftlichen Spielraum. Die Großen kaufen die Kleinen, wobei die großen Verlage schnell an die Grenzen des Kartellrechts stoßen und deshalb - beste Beispiele sind Springer, Gruner + Jahr, Bauer, Burda und WAZ - ins Ausland gehen, um sich dort auszubreiten.

An diesem Punkt kommen die Finanzinvestoren ins Spiel. Das Bundeskartellamt hält sie nicht auf. Was sie zudem antreibt: Die großen Konzerne sind hierzulande immer noch kleiner als anderswo. Springer, WAZ, Ippen, Madsack, DuMont & Co. mögen groß oder riesig genug sein, insgesamt kommen sie auf nicht mehr als dreißig bis vierzig Prozent am deutschen Zeitungsmarkt. In Nachbarländern wie Holland, Frankreich und Großbritannien haben die Branchenriesen Marktanteile von siebzig bis achtzig Prozent.

Das „Buy and Build“-Prinzip

Da ist also noch Platz, Platz für Investitionen und für Rendite, die nach dem Geschmack von Finanzinvestoren mit im Schnitt fünf bis sechs Prozent bei deutschen Zeitungsverlagen natürlich lächerlich gering ausfällt. Das wollen und können sie ändern. Die Frage ist, für wie lange und mit welchen Mitteln. Der Berliner Verlag könnte hier zum Präzedenzfall für die ganze Branche werden.

„Unsere Strategie folgt dem Prinzip ,buy and build'“, sagt dazu der Deutschland-Geschäftsführer des Investmentunternehmens Veronis Suhler Stevenson, Johannes von Bismarck. „Es ist überhaupt nicht unsere Intention, den Berliner Verlag zu zerschlagen. Es wäre absolut unsinnig, das Unternehmen zu zerlegen oder einzelne Teile zu verkaufen. Der Berliner Verlag wäre unsere Plattform, mit ihm wollen wir organisch wachsen und unser Engagement auf weitere Zeitungsverlage in Deutschland ausdehnen.“

Am Ende eines solchen Prozesses, den Bismarck auf fünf bis zehn Jahre schätzt, gebe man dem Markt „ein Schmuckstück von einem Unternehmen zurück“. Und in diesem Zeitraum „belassen wir unsere Mittel im Unternehmen“; es gebe nicht, wie sonst üblich, zwischendurch Ausschüttungen an Teilhaber. „Wir sind Wachstumsinvestoren“, sagt Bismarck, nicht solche, die auf die schnelle Mark aus seien, was sich an zahlreichen Beispielen belegen lasse, etwa an dem amerikanischen Unternehmen Cannon Communications, das man über acht Jahre hinweg aufgebaut habe.

Eine Frage der Glaub- und Vertrauenswürdigkeit

Bezogen auf den Berliner Verlag heiße das: „Unser verlegerisches Konzept beinhaltet nicht eine Abschwächung der Qualität. Im Gegenteil: Wir würden das Konzept der ,Berliner Zeitung' und des ,Berliner Kuriers' nicht grundsätzlich ändern. Mit der Arbeit der derzeitigen Managements und der Chefredakteure sind wir sehr zufrieden. Wir sind hoch überzeugt von den Zeitungen. Und wir haben einen großzügigen Betrag für Investitionen bereitgestellt.“

Die Investoren, die hinter dem Berliner Verlag her sind, wollen also erst einmal säen, bevor sie ernten, vom Kahlfressen - sagen sie - halten sie nichts. Und so ist es in der Tat eine Frage der Glaub- und der Vertrauenswürdigkeit. Packen 3i, Mecom und VSS die Sache so an wie Haim Saban bei ProSiebenSat.1? Der quatschte Politiker, Medienbürokraten und Insolvenzverwalter weich, gelobte, lange zu bleiben, groß zu investieren, und war dann doch bei erstbester Gelegenheit mit einem Milliardenbetrag wieder weg.

Und wenn man wissen will, was das „Private Equity“-Geschäft auf dem deutschen Medienmarkt sonst noch in Bewegung bringt, muß man nur auf den expandierenden Bezahlsender Premiere (Permira), die zwischendurch beinahe kollabierte Nachrichtenagentur ddp (Arques Industries), den aggressiven Kabelanbieter Kabel Deutschland (Apax, Goldman Sachs, Providence) oder Hellman & Friedman im Springer-Verlag sehen.

Vielleicht machen sie es sogar besser

Überall, wo etwas ins Stocken geriet oder eine große Transaktion unmöglich schien, waren und sind Investmentfirmen zur Stelle, die häufig aus amerikanischen Pensionsfonds gespeist werden, deren Gesamtvolumen auf eine Billion Dollar geschätzt wird. Da kann kein Konzern mehr mithalten.

Aus der Sicht Holtzbrincks sind 3i, Mecom und VSS ideale Partner: Das Bundeskartellamt wird - angeblich hat man schon vorgefühlt - keinen Einwand erheben. Sie bringen Geld mit und das mittelfristige Versprechen, den Berliner Verlag zu entwickeln. Daran werden sie gemessen werden. Und man wird darauf schauen, ob sie es vielleicht nicht sogar besser machen als die WAZ oder Neven DuMont, unter denen die „Berliner Zeitung“ sicherlich zur bloßen Filiale würde. Oder die DDVG der SPD, die auch jedes Jahr ihre Gewinne sehen will und die „Frankfurter Rundschau“ zusammenspart.

Sollte es in den nächsten drei Tagen im Berliner Verlag zu dem kommen, was die Investoren hoffen, wäre es ein „Kulturbruch“ - aber vielleicht nicht im Sinne von Inge Wettig-Danielmeier, deren Medienholding ja auch nur expandieren will und Rendite fordert. Neu wäre, daß Management und Chefredakteure mit drei bis zehn Prozent beteiligt werden sollen; David Montgomery will angeblich fünfzehn Prozent, den Rest sollen sich 3i und VSS teilen. Daß sie nur die Vorhut sind, die auf den deutschen Zeitungsmarkt drängt, davon ist Johannes von Bismarck überzeugt: „Uns werden weitere Investoren folgen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.10.2005
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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