22.03.2006 · Privatkunden müssen länger auf das neue Betriebssystem Windows Vista warten - angeblich bis Januar. Mängel bei der Sicherheit will Microsoft noch beheben. PC-Hersteller hatten auf einen Nachfrageschub gesetzt. Die Verspätung schickt eine Schockwelle durch die Technologiebranche.
Microsoft hat die Markteinführung seines neuen Computerbetriebssystems Windows Vista für den privaten Nutzer auf das nächste Jahr verschoben. Das neue System solle jetzt im Januar 2007 auf den Markt gebracht werden, anstatt wie bislang vorgesehen in der zweiten Hälfte dieses Jahres, teilte der weltgrößte Software-Hersteller am Dienstag (Ortszeit) mit. An der Wall Street gaben am Mittwoch nicht nur die Aktien von Microsoft selbst, sondern auch die großer Hardwareproduzenten wie Dell oder Hewlett-Packard deutlich nach.
Die neue Version von Windows- das Betriebssystem läuft auf weltweit 90 Prozent der PCs - ist schon zwei Jahre im Verzug. Microsoft-Chef Stelve Ballmer sagte erst im Februar, das Produkt sei im Zeitplan für dieses Jahr. Um Vistas Anfälligkeit für Fehler einschätzen zu können, hat der Software-Hersteller im Herbst erstmals einen renommierten Wissenschaftler in die Datenbanken den Unternehmens eintauchen lassen. Andreas Zeller, Professor für Software-Technik an der Universität des Saarlandes, muß seine Erkenntnisse jedoch als streng geheim hüten (Software-Reparatur: Fragen Sie den Vollautomat, nicht den Programmierer).
„Das ist ein großer Ausrutscher“
Microsoft will die Qualität des neuen Produkts insbesondere im Sicherheitsbereich verbessern, hieß es zur Begründung. Außerdem hätten sich Computer-Hersteller gegen eine Auslieferung im Geschäft vor Weihnachten ausgesprochen, da eine neue Version Instabilität am Markt schaffen würde. Dieser Begründung wird von anderen widersprochen. Rob Enderle, Marktforscher und Technologie-Analyst aus Kalifornien, kritisiert: „Das ist ein großer Ausrutscher mit materiellen Konsequenzen. Das vierte Quartal zu verpassen, wird den Verkauf bei den Konsumenten deutlich beeinflussen.“ Die Verschiebung könnte Microsoft rund 500 Millionen Dollar Umsatz kosten, schätzt Charles Di Bona, Analyst bei Sanford C. Bernstein in New York.
Tatsächlich gehen Beobachter davon aus, PC-Hersteller hätten darauf gebaut, daß Vista die Nachfrage in der Weihnachtszeit ankurbeln könne. Auf diese Zeit entfielen 30 Prozent der Computer-Verkäufe in Amerika. Nach Einschätzung der Experten von IDC in Framingham, Massachusetts, wird der Welt-PC-Markt in diesem Jahr um 11 Prozent schrumpfen, nach einem 16-Prozent-Anstieg 2005. Die Verzögerung mit Vista versetze auch Microsoft einen Schlag, da das Unternehmen 31 Prozent seiner Erlöse mit dem Betriebssystem Windows für PCs erziele.
Das deckt sich mit Erwartungen an der Frankfurter Börse. Die neuen Nachrichten aus Redmond könnten nach Ansicht von Händlern die Halbleiterwerte belasten. „Mit der Einführung im vierten Quartal ist die Hoffnung auf eine deutlich anziehende Nachfrage nach neuen PCs verbunden gewesen“, so ein Marktteilnehmer. Da die Vista-Einführung allerdings lediglich um wenige Monate verschoben worden sei, sollte die Chip-Nachfrage insgesamt nicht stärker beeinträchtigt werden.
Eine Schockwelle
Die Verspätung, die nach Schätzungen der Forschungsgruppe Gartner acht bis zehn Wochen ausmacht, schickte eine Schockwelle durch die gesamte Technologiebranche. Sie traf von den PC-Herstellern die gesamte Zuliefererkette hinab bis zu den Chipproduzenten. Anleger fürchten, daß die verzögerte Einführung von Vista, mit dem weltweit 90 Prozent aller Personalcomputer laufen, zu Geschäftseinbußen der Hardware-Hersteller führen wird. Die Papiere von Dell gaben 0,9 Prozent, die von HP 1,8 Prozent nach. Auch die Aktien des weltgrößten Chipherstellers Intel wurden 0,4 Prozent ins Minus gedrückt. In Asien verloren die Titel des Branchenprimus bei Speicherchips, Samsung Electronics, mehr als drei Prozent. Der deutsche Chiphersteller Infineon verlor an der Frankfurter Börse bis zum Nachmittag 1,6 Prozent.
Dagegen notierten die Titel des amerikanischen Computerkonzerns Apple, der mit einem eigenen Betriebssystem mit Microsoft konkurriert, praktisch unverändert in einem negativen Marktumfeld. „Händler und PC-Hardware-Hersteller arbeiten mit sehr dünnen Margen, die Auswirkungen könnten daher ernst sein“, sagte David Smith von Gartner. Analyst Shaw Wu von American Technology Research in San Francisco äußerte sich ähnlich. „Die Verzögerung macht die zweite Jahreshälfte für PC-Hersteller schwieriger“, sagte Wu. „Es gibt weniger Antrieb für den Umsatz.“
Andere Branchenexperten sahen durch den verspäteten Vista-Start allerdings nur begrenzte Auswirkungen auf die Ergebnisse von Technologie-Firmen. Sie sprachen von einem psychologischen Effekt, der kurzfristig die Aktien belaste. Im Prinzip gelte Vista aber ohnehin erst für 2007 als Wachstumstreiber. Die Software soll in sechs Versionen zu haben sein, die sich je nach Funktionsumfang an unterschiedliche Kundenkreise unter Privat- und Profianwendern richten. Eine Beta-Version von Vista soll laut Microsoft ab April von zwei Millionen Computernutzern getestet werden. Es ist die erste große Überarbeitung von Windows seit der Markteinführung von Windows XP vor fünf Jahren.
Elefant aus Mücke
Arwed Schmidt (SDT)
- 22.03.2006, 18:11 Uhr
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