28.10.2008 · Computernutzer verlagern ihre Aktivitäten immer stärker von der Festplatte ins Netz. Microsofts neue Offensive reagiert darauf: Bei einer Konferenz für Softwareentwickler hat der Konzern die Plattform „Windows Azure“ vorgestellt. Außerdem gab's einen ersten Blick auf das neue Betriebssystem Windows 7.
Von Roland Lindner, New YorkDer weltgrößte Softwarekonzern Microsoft passt sich mit einer neuen Software dem Zeitenwandel in der Computerwelt an, in der das Internet immer mehr zum Zentrum des Geschehens wird und der einzelne Rechner an Bedeutung verliert. Bei einer Konferenz für Softwareentwickler in Los Angeles hat Microsoft die Plattform „Windows Azure“ vorgestellt und erstmals einen Blick auf sein neues PC-Betriebssystem Windows 7 freigegeben.
Azure soll nach den Vorstellungen von Microsoft zu einer Art Betriebssystem für Internetdienste werden, ebenso wie Windows-Programme wie Vista oder XP dies auf den Festplatten von Personal Computern sind.
Größte Offensive im „Cloud Computing“
Mit der neuen Plattform startet Microsoft seine bislang größte Offensive im sogenannten „Cloud Computing“ (siehe dazu auch: Microsofts Strategiewechsel auf die Überholspur). Mit diesem Schlagwort beschreibt die Branche den Trend, dass Computeraktivitäten zunehmend vom lokalen Rechner ins Internet verlagert werden. Dieser Trend zeigt sich in der privaten Nutzung ebenso wie bei Unternehmen: Viele Menschen legen zum Beispiel ihre Fotos nicht mehr auf der Festplatte ab, sondern nutzen Online-Fotodienste wie Flickr.
Ein anderes Beispiel sind internetbasierte E-Mail-Dienste von Anbietern wie Yahoo oder Google. Unternehmenssoftware wird immer häufiger über das Netz vertrieben, anstelle des traditionellen Lizenzmodells. Der amerikanische Anbieter Salesforce.com, ein Wettbewerber des deutschen SAP-Konzerns, hat sich zum Beispiel ausschließlich auf Internetvertrieb spezialisiert.
Den Weg nur mit Widerwillen eingeschlagen
Der Begriff „Cloud“ oder „Wolke“ steht dafür, dass Programme und Dateien nicht mehr an einen Ort auf der Festplatte eines Computers gebunden sind, sondern nun irgendwo außerhalb davon in einer bildlichen „Wolke“ abgelegt werden. Mit dieser bildlichen Wolke sind in Wirklichkeit riesige Datenzentren gemeint, wie sie zum Beispiel von Google betrieben werden. Der Online-Händler Amazon hat sich das Konzept des „Cloud Computing“ zunutze gemacht, um damit ein zusätzliches Geschäft aufzubauen: Amazon vermietet Kapazitäten in seinen Rechnerzentren an andere Unternehmen.
Microsoft hat zwar auch schon seit einiger Zeit einzelne internetbasierte Programme wie den E-Mail-Dienst Hotmail, ein umfassendes Konzept für das Cloud Computing fehlte aber bisher. Vielmehr hat Microsoft diesen Weg nur mit Widerwillen eingeschlagen, denn die Domäne des Unternehmens ist gerade der standortgebundene Computer: Programme wie Windows oder die Bürosoftware Office mit Bausteinen wie Word für Textverarbeitung oder Excel für Tabellenkalkulation gehören zu den wichtigsten Umsatzsäulen des Konzerns.
Allerdings haben sich Wettbewerber wie Google mit netzbasierten Diensten immer mehr auf das Revier von Microsoft vorgewagt und damit den Handlungsdruck erhöht. So bietet Google mittlerweile Online-Dienste für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation an. Vor wenigen Wochen hat Google außerdem ein eigenes Internetzugangsprogramm mit dem Namen „Chrome“ vorgestellt. Dies ist nicht nur eine Attacke auf das Konkurrenzprodukt Internet Explorer von Microsoft. Vielmehr will Google Chrome auch als Vehikel zur Entwicklung neuer internetbasierter Programme nutzen.
Microsoft hat sich mit Details zu Windows Azure noch zurückgehalten. Das Programm befindet sich noch in einer frühen Entwicklungsphase, und bis zur Einführung wird es noch mehr als ein Jahr dauern. Ray Ozzie, der Chef-Softwarearchitekt von Micrososft, beschrieb Azure in einer Präsentation am Montag noch etwas abstrakt als eine Art Fundament, auf dem eine Reihe anderer Anwendungen aufbaut.
Vorläufige Version von Windows 7 vorgestellt
Microsoft hat außerdem erstmals einen Blick auf sein neues PC-Betriebssystem Windows 7 freigegeben. Bei einer Entwicklerkonferenz in Los Angeles stellte der Konzern am Dienstag eine noch vorläufige Version des Nachfolgers von Windows Vista vor. Der Marktstart wird spätestens für 2010 erwartet.
Das neue Windows 7 soll das Betriebssystem noch enger mit dem Internet verbinden. „Wir holen das Beste aus dem Web zu Windows und bringen das Beste aus Windows ins Netz“, kündigte Ozzie an.
Experten sprachen nach ersten Eindrücken bei Windows 7 von einer deutlichen Überarbeitung von Vista, die viele Anwendungen leichter und weniger fehleranfällig mache. Allerdings sei das Betriebssystem nicht umfassend neu, sondern wie erwartet eine Weiterentwicklung.