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Schwarmintelligenz : Unternehmensberatung nach Feierabend

  • -Aktualisiert am

Unternehmen beraten? Geht auch prima vom Strand aus. Bild: dpa

Die Online-Beratung Wikistrat sucht sich Hobby-Berater auf der ganzen Welt und zahlt ihnen kaum Geld. Das funktioniert sogar.

          Mehr und mehr machen sich Unternehmen Ideen von Freiwilligen zunutze. Werbeslogans und Medikamente werden mittlerweile durch öffentliche Wettbewerbe gefunden. Apple lässt seine Apps von Kreativen auf der ganzen Welt, statt einem internen Team entwickeln. National Geographic will dank der Hilfe von fast 30.000 Freiwilligen im Internet sogar kurz davor stehen, das sagenumwobene Grab von Dschingis Khan in der Mongolei aufzuspüren. „Schwarmintelligenz“ heißt das Phänomen, das sich die Unternehmen zunutze machen wollen. Sie wollen Ideen aus der so genannten „Crowd“, der Menge der Leute.

          Einer macht aus diesem Prinzip sogar eine ganze Unternehmensberatung: das israelische Wikistrat. Die nach eigenen Angaben erste Mega-Multiplayer-Online-Beratung greift anstelle hochbezahlter Generalisten-Berater auf einen Experten-Pool von über 2000 Historikern, Ärzten, Physikern und ehemaligen Diplomaten zurück. Auf einer Online-Plattform analysieren diese Themen, die so bunt sind wie der Beraterstamm selbst - von Schmuggel in der Sahelzone bis zur Digitalisierung des Gesundheitswesens ist beinahe alles dabei.

          Weltraumreisen und syrische Kriegsspiele

          „In den Simulationen sollen vor allem strategische Überraschungen identifiziert und erörtert werden”, sagt Wikistrat-Gründer Joel Zamel. Beauftragt ein Kunde die Crowd-Beratung mit einem Thema, wählt Wikistrat zwischen 50 und 100 Analysten aus ihrem Fundus aus, die dann über Tage oder Wochen an Szenarien herumtüfteln. Zusammen mit amerikanischen Forschern der National Defense University und Air University hat das Unternehmen kürzlich beispielsweise die möglichen Auswirkungen vom günstigen Reisen in den Weltraum analysiert. Die Forscher gaben dazu 14 „strategische Dilemmas“ vor – Aspekte des Weltraumreisens, die sowohl Gefahren als auch Chancen bergen, wie zum Beispiel der weltweite Schutz von amerikanischen Staatsbürgern.

          Eingeteilt in vier Themengruppen wurden diese Dilemmas auf der Online-Plattform von Wikistrat dann je in einem eigenen Chatroom diskutiert. In jedem dieser Räume schreiben die Analysten an einem offenen Text – jeder kann Passagen hinzufügen, streichen, umschreiben. Im Chatfenster darunter wird sich ausgetauscht und die moderierenden Analysten animieren gezielt einzelne Teilnehmer dazu sich einzubringen: „Joe, super Zusatz. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Rosa und Max, ich würde gerne noch eure Gedanken hierzu hören“. Am Ende der Analyse werden diese einzelnen Dilemma-Texte zu einem Abschlussbericht zusammengefasst.

          Im Frühjahr spielten 140 Analysten unter anderem als Assad-Loyalisten, Russen und Kurden die möglichen Auswirkungen einer türkischen Intervention im Syrien Konflikt durch – Monate bevor dies tatsächlich passierte. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Intervention auf internationale Unterstützung stoßen sollte, solange die Türkei eine direkte Konfrontation mit Russland vermied.

          Richtig vorhergesagt: Krim-Annexion und brennende Autos

          Stolz verweist Wikistrat-Chef Zamel auf die Erfolge seiner „virtuellen Organisation“: Sowohl Konflikte in Nordafrika als auch die Gefahr eines brennenden Elektroautos sahen Analysten früh kommen. Eine Simulation sticht jedoch hervor. Im Januar 2014 sagte der Schwarm voraus, dass eine militärischen Allianz zwischen Russland und Nationalisten auf der Krim unmittelbar bevorstünde. Noch am 27. Februar verneinten die Nachrichtendienste in Washington die Möglichkeit einer russischen Invasion. Am Tag darauf wurden die ersten Grenzüberschreitungen russischer Truppen gemeldet.

          Wer viele Szenarien durchspielt, kann natürlich auch oft richtig liegen. Philip Tetlock, ein renommierter Forscher zur Psychologie von Vorhersagen, zweifelt an der Seriosität des Wikistrat-Ansatzes. Er hat selbst eine Crowd-basierte Beratungsfirma gegründet – und bemängelt: Ohne wissenschaftliches Fundament könnten die Erfolge von Wikistrat einfach Glückstreffer gewesen sein. Der Kritik widerspricht Zamel: „Wir behaupten nicht ein Vorhersagedienst zu sein. Unsere Simulationen sollen strategisches Planen unterstützen“. 

          Die Crowd als Chance für klassische Beratungen?

          Selbst die Konkurrenten machen mit. Die Wirtschaftsprüfungen Ernst & Young und Deloitte haben Wikistrat schon beauftragt. Die Unternehmensberatung McKinsey hingegen bezweifelt, dass man damit der notwendigen Vertraulichkeit gegenüber der Kundschaft gerecht werde.

          Das ist ein häufig vorgebrachter Einwand gegen die Crowd – sensible Informationen könnten leicht in falsche Hände geraten. Diese Sorge teilen Kevin J. Boudreau und Karim Lakhani nicht. Sie forschen an der London Business School und Harvard Business School zu den Chancen und Risiken der Crowd für Unternehmen. Natürlich gehörten vertrauliche und crowd-taugliche Daten strikt voneinander getrennt. Doch daraus folge nicht, dass Unternehmen ganz auf die Kraft der Crowd verzichten sollten. Es gehe darum, Bereiche zu finden, in denen der Schwarm die unternehmensinternen Fähigkeiten übertrumpft. Beispiel Apple: Das Unternehmen verdient am Verkauf der selbst entwickelten Geräte, die durch die Apps der Crowd attraktiver werden. Auf Unternehmensberatungen übertragen bedeutet dies, dass sie punktuell auf die Kraft der Vielen bauen sollten, ohne je sensible Informationen mit dem Schwarm zu teilen.

          Was motiviert den Schwarm?

          Dass Unternehmen von der Weisheit der Vielen profitieren möchten, überrascht nicht. Aber was motiviert den Schwarm dazu, seine Intelligenz zur Verfügung zu stellen? Wikistrat-Analysten schätzen die Flexibilität der Arbeit. „Ob ich nun vom Strand oder einem New Yorker Penthouse aus schreibe, ob bei Tag oder Nacht, es macht keinen Unterschied, solange ich die Diskussion nach vorne bringe“, sagt Andreas Dal Santo, der hauptberuflich für die italienische Zentralbank tätig ist.

          Für ein Apartment in New York oder ein Strandhaus dürfte die Bezahlung der Schwarm-Beratung jedoch kaum ausreichen. „Das Problem ist, dass Wikistrat zeitintensiv ist, die Bezahlung aber unsicher. Ob du bezahlt wirst, hängt von deinen Beiträgen ab und ist generell unwahrscheinlich, da viele Analysten teilnehmen und die Konkurrenz groß ist“, sagt Christian Scheinpflug, Redakteur bei der Santiago Times. Wie viele Analysten wie viel verdienen, gibt Wikistrat nicht preis. Die Bezahlung ergibt sich aus einem Festbetrag pro Analyse sowie einem   Bonussystem, das Quantität, aber auch die Qualität der Beiträge belohnt, die anhand von „Likes“ durch andere Analysten gemessen wird. „Competitive Collaboration“ heisst das bei Wikistrat - Zusammenarbeit in Konkurrenz.

          Ob sich die Erfolgsgeschichte fortschreibt, wird wohl auch davon abhängen, ob die Analysten trotz unregelmäßiger Bezahlung Wikistrat die Treue halten. Die Chancen stehen gut. Die meisten sehen den fachlichen Austausch mehr als Hobby denn Arbeit: „Im Zeitalter von Facebook und Twitter schätze ich diese Rückkehr zu überlegten, gründlichen Diskussionen“, schwärmt der ehemalige Luftwaffenoberst und Historiker Matthew Hurley. Das deckt sich mit den Forschungsergebnissen von Boudreau und Lakhani: „Crowds sind intrinsisch motiviert, beispielsweise von der Lust am Lernen. Die verstärkt sich, wenn Menschen selbst auswählen können, mit welchen Problemen sie sich beschäftigen“. Selbstverständlich ist daran aber nichts. Inzwischen leidet selbst Wikipedia unter einem Mitarbeiter-Mangel.

          Quelle: FAZ.NET

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