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Veröffentlicht: 21.11.2016, 22:44 Uhr

Schwarmintelligenz Unternehmensberatung nach Feierabend

Die Online-Beratung Wikistrat sucht sich Hobby-Berater auf der ganzen Welt und zahlt ihnen kaum Geld. Das funktioniert sogar.

von Nils Röper
© dpa Unternehmen beraten? Geht auch prima vom Strand aus.

Mehr und mehr machen sich Unternehmen Ideen von Freiwilligen zunutze. Werbeslogans und Medikamente werden mittlerweile durch öffentliche Wettbewerbe gefunden. Apple lässt seine Apps von Kreativen auf der ganzen Welt, statt einem internen Team entwickeln. National Geographic will dank der Hilfe von fast 30.000 Freiwilligen im Internet sogar kurz davor stehen, das sagenumwobene Grab von Dschingis Khan in der Mongolei aufzuspüren. „Schwarmintelligenz“ heißt das Phänomen, das sich die Unternehmen zunutze machen wollen. Sie wollen Ideen aus der so genannten „Crowd“, der Menge der Leute.

Einer macht aus diesem Prinzip sogar eine ganze Unternehmensberatung: das israelische Wikistrat. Die nach eigenen Angaben erste Mega-Multiplayer-Online-Beratung greift anstelle hochbezahlter Generalisten-Berater auf einen Experten-Pool von über 2000 Historikern, Ärzten, Physikern und ehemaligen Diplomaten zurück. Auf einer Online-Plattform analysieren diese Themen, die so bunt sind wie der Beraterstamm selbst - von Schmuggel in der Sahelzone bis zur Digitalisierung des Gesundheitswesens ist beinahe alles dabei.

Weltraumreisen und syrische Kriegsspiele

„In den Simulationen sollen vor allem strategische Überraschungen identifiziert und erörtert werden”, sagt Wikistrat-Gründer Joel Zamel. Beauftragt ein Kunde die Crowd-Beratung mit einem Thema, wählt Wikistrat zwischen 50 und 100 Analysten aus ihrem Fundus aus, die dann über Tage oder Wochen an Szenarien herumtüfteln. Zusammen mit amerikanischen Forschern der National Defense University und Air University hat das Unternehmen kürzlich beispielsweise die möglichen Auswirkungen vom günstigen Reisen in den Weltraum analysiert. Die Forscher gaben dazu 14 „strategische Dilemmas“ vor – Aspekte des Weltraumreisens, die sowohl Gefahren als auch Chancen bergen, wie zum Beispiel der weltweite Schutz von amerikanischen Staatsbürgern.

Eingeteilt in vier Themengruppen wurden diese Dilemmas auf der Online-Plattform von Wikistrat dann je in einem eigenen Chatroom diskutiert. In jedem dieser Räume schreiben die Analysten an einem offenen Text – jeder kann Passagen hinzufügen, streichen, umschreiben. Im Chatfenster darunter wird sich ausgetauscht und die moderierenden Analysten animieren gezielt einzelne Teilnehmer dazu sich einzubringen: „Joe, super Zusatz. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Rosa und Max, ich würde gerne noch eure Gedanken hierzu hören“. Am Ende der Analyse werden diese einzelnen Dilemma-Texte zu einem Abschlussbericht zusammengefasst.

Im Frühjahr spielten 140 Analysten unter anderem als Assad-Loyalisten, Russen und Kurden die möglichen Auswirkungen einer türkischen Intervention im Syrien Konflikt durch – Monate bevor dies tatsächlich passierte. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Intervention auf internationale Unterstützung stoßen sollte, solange die Türkei eine direkte Konfrontation mit Russland vermied.

Richtig vorhergesagt: Krim-Annexion und brennende Autos

Stolz verweist Wikistrat-Chef Zamel auf die Erfolge seiner „virtuellen Organisation“: Sowohl Konflikte in Nordafrika als auch die Gefahr eines brennenden Elektroautos sahen Analysten früh kommen. Eine Simulation sticht jedoch hervor. Im Januar 2014 sagte der Schwarm voraus, dass eine militärischen Allianz zwischen Russland und Nationalisten auf der Krim unmittelbar bevorstünde. Noch am 27. Februar verneinten die Nachrichtendienste in Washington die Möglichkeit einer russischen Invasion. Am Tag darauf wurden die ersten Grenzüberschreitungen russischer Truppen gemeldet.

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