In der Internetbranche herrscht in diesen Tagen wieder einmal Goldgräberstimmung: Das soziale Netzwerk Facebook ist in einer von Goldman Sachs geführten Finanzierungsrunde mit 50 Milliarden Dollar bewertet worden, die Schnäppchenplattform Groupon hat 950 Millionen Dollar von Investoren bekommen. Daneben nehmen sich die Summen, um die es beim Online-Lexikon Wikipedia geht, bescheiden aus.
Wikipedia hat gerade 16 Millionen Dollar von Spendern eingesammelt, um seinen Betrieb in diesem Jahr finanzieren zu können. Das ist das Ergebnis des jährlichen Spendenaufrufs, mit dem sich Wikipedia-Gründer Jimmy Wales in einer Anzeige auf der Seite an seine Nutzergemeinde wendet. Das Geld kommt vor allem durch kleine Beträge von Privatpersonen zusammen, also nicht von professionellen Investoren. Diese überschaubaren Dimensionen spiegeln freilich nicht die gewaltige Bedeutung von Wikipedia wider.
Das Online-Lexikon gehört zu den zehn meistbesuchten Internetseiten der Welt. Es hat die Art und Weise revolutioniert, wie Menschen sich Wissen beschaffen und für andere verfügbar machen – und damit klassische Enzyklopädieanbieter wie Brockhaus in eine Existenzkrise gestürzt.
Wikipedia: 270 Sprachen, 17 Millionen Artikel
An diesem Samstag wird Wikipedia zehn Jahre alt. Beim Start im Januar 2001 klang das Konzept zunächst abenteuerlich: Ein Gratis-Lexikon im Internet, das von den Nutzern selbst geschrieben wird. Jimmy Wales hatte sich vorher an einem traditionelleren Lexikonprojekt namens Nupedia versucht, das ebenfalls kostenlos im Internet angeboten wurde, dabei aber auf ausgewiesene Experten zurückgriff. Als er damit nur langsam vorankam, verfolgte er die viel radikalere Idee, den Entstehungsprozess für die Inhalte des Lexikons zu demokratisieren. Jeder, der sich berufen und kompetent fühlt, kann Einträge verfassen und verändern. Ohne jede Entlohnung.
Recht schnell fand sich eine Armee von Freiwilligen, die Wikipedia bestücken – sei es, weil sie das als Dienst an der Gesellschaft verstehen, sei es aus purem Vergnügen oder aus einem Geltungsbedürfnis heraus. Die Zahl der Autoren geht inzwischen in die Millionen, und mit ihr ist Wikipedia rasant gewachsen und hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. Heute gibt es Wikipedia in mehr als 270 Sprachen, auf den Seiten finden sich insgesamt 17 Millionen Artikel. Allein in der englischen Version sind es 3,5 Millionen, in der deutschen Fassung 1,2 Millionen.
Der Haken an dem Mitmachprinzip ist freilich, dass Wikipedia dadurch anfällig für Fehler ist. Autoren können aus Unkenntnis, Jux oder auch aus bösem Willen falsche Informationen auf den Seiten plazieren – oder politische und religiöse Ansichten unterbringen. Kontrolliert werden sie nur von anderen Autoren und den Nutzern. Wikipedia hat über die Jahre hinweg immer mehr Mechanismen eingeführt, um dies so gut wie möglich zu verhindern.
Zu jedem Zeitpunkt ist Unfug auf den Seiten zu finden
So wachen etablierte Wikipedia-Nutzer als sogenannte Administratoren über die Inhalte, bei Einträgen zu besonders sensiblen Themen können Änderungen nicht von jedem Nutzer vorgenommen werden. Trotzdem ist es immer wieder zu öffentlichkeitswirksamen Patzern gekommen. Noch in schlechter Erinnerung ist der Fall Karl-Theodor zu Guttenbergs, der nach der Ernennung zum Wirtschaftsminister im Februar 2009 zu seinen zehn richtigen Vornamen noch einen falschen – Wilhelm – angedichtet bekam.
Wikipedia gibt selbst zu, dass man zu jedem Zeitpunkt Unfug auf den Seiten finden kann. Zumindest werden die Zweifel nicht unter den Tisch gekehrt und sogar so öffentlich ausgebreitet, wie es sich kaum ein kommerzieller Anbieter erlauben würde. Ein sehr umfangreicher Artikel des Internet-Lexikons heißt „Kritik an Wikipedia“. In mehr als zwei Dutzend Kapiteln und Unterkapiteln thematisieren die Autoren Probleme wie „zweifelhafte Quellen“, „anonymes Schreiben“ und die „Verzerrung von Inhalten“. Selbst die „männliche Dominanz“ der Verfasser bleibt keineswegs außen vor.
„Wikipedia ist eine der fünf beliebtesten Webseiten“
Fakt ist: Die Verlässlichkeit der virtuellen Enzyklopädie hat sich im Laufe der Jahre immer weiter verbessert. Es gibt Studien, wonach die Seite in der Qualität ihrer Einträge kaum schlechter abschneidet als die von bezahlten Fachautoren verfassten klassischen Nachschlagewerke wie Brockhaus und Encyclopedia Britannica. Entsprechend hat Wikipedia die Anbieter dieser traditionellen Lexika zunehmend in Bedrängnis gebracht. Der herausgebende Verlag des Brockhaus kapitulierte vor zwei Jahren und verkaufte die Marke an eine Sparte des Medienkonzerns Bertelsmann.
Inzwischen ist das Online-Lexikon 93 Prozent der deutschen Internet-Nutzer ein Begriff. Zahlreiche Einträge führen die Listen von Internet-Suchmaschinen an: Wer beispielsweise „Merkel“ oder „Paris“ eingibt, bekommt als erstes die Wikipedia-Seite angezeigt. Die Verantwortlichen sind sich des zunehmendes Einflusses bewusst. Der Geschäftsführer des deutschen Fördervereins der Wikipedia (Wikimedia Deutschland), Pavel Richter, mag zwar kein „Triumphgeheul“ anstimmen: „Mit dem enormen Erfolg kommt natürlich auch enorme Verantwortung.“ Andererseits ist ein gewisser Stolz unüberhörbar, wenn Richter feststellt: „Wikipedia ist eine der fünf beliebtesten Webseiten der Welt; anders als die ersten vier, hinter denen Milliarden-Konzerne stehen, wird Wikipedia durch Spenden finanziert.“
Deutsche Nutzer öffnen bereitwillig ihre Geldbörse
Die Spenden braucht Wikipedia, weil das Online-Lexikon kein gewinnorientiertes Projekt ist und anders als viele andere Internetunternehmen keine Werbung auf seinen Seiten schaltet. Wikipedia gehört der gemeinnützigen Wikimedia-Stiftung, ebenso wie einige andere Seiten, etwa die Zitatesammlung Wikiquotes oder das Online-Wörterbuch Wiktionary.
Wenn Gründer Wales Jahr für Jahr zu Spenden aufruft, öffnen auch die deutschen Nutzer bereitwillig ihre Geldbörse. Innerhalb von zwei Monaten kamen zuletzt mehr als zwei Millionen Euro zusammen. Rund 68.700 Einzelspender (weltweit waren es 500.000) gaben im Schnitt jeweils rund 30 Euro für die „Förderung freien Wissens“, wie die Wikipedianer gerne formulieren. Damit hat sich sowohl die Zahl der Spender wie auch das Spendenergebnis im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Die Hälfte des Geldes geht direkt an die Wikipedia-Betreiberin Wikimedia Foundation. Der Rest fließt in Informations-, Bildungs- und Softwareprojekte hierzulande.
„Wer will, kann sofort Neues schreiben“
Auch wenn Wikipedia mittlerweile zu einer gigantischen Online-Enzyklopädie gewachsen ist, finden sich noch immer Lücken. Jimmy Wales gibt selbst zu, dass Wikipedia nicht in allen Themenbereichen gleich stark ist. Freilich sind das Klagen auf hohem Niveau, betrachtet man die dürren Anfänge des Jahres 2001. Einer der Wikipedianer der ersten Stunde, Kurt Jansson, hat auf seine Homepage eine Kopie der Wikipedia-Homepage vom August des Gründungsjahres gestellt.
Es ist eine graphisch sehr simple und textlastige Internet-Seite, die einem kleinen Katalog mit Kategorien wie „Kultur“, „Politik“, „Wirtschaft“ und „Wissenschaft“ enthält und die mit dem Aufruf startet: „Wer will, kann sofort zu diesen und anderen Themen Neues schreiben.“ Es ist fast ein kleines Wunder, wie viele sich seitdem dazu berufen gefühlt haben.
Das demokratische Lexikon
Werner Kastor (wkastor)
- 15.01.2011, 12:51 Uhr
Auch ich unterstütze Wikipedia regelmäßig! Dagegen bin ich gegen Wikileck
Petra Mayer (PetraMayer)
- 15.01.2011, 13:04 Uhr
Herr Kanthak - Wikipedia ist mit Vorsicht zu betrachten
Horst Trummler (Vandale6906)
- 15.01.2011, 13:33 Uhr
Ja wir können, herzlichen Glückwunsch zu einem großartigen Projekt!
nick fury (monoman)
- 15.01.2011, 13:53 Uhr
Wissen statt Information
J. H. (JohannesLeonhard)
- 15.01.2011, 14:20 Uhr