11.02.2004 · Sollte der Kabelkonzern beim Unterhaltungsriesen tatsächlich zum Zuge kommen, müßte der neue Gigant vermutlich erhebliche kartellrechtliche Bedenken ausräumen.
Auf Victoria Clarke kommen nach Lage der Dinge arbeitsreiche Monate zu. Im Dezember hat Brian Roberts, der Chief Executive Officer von Comcast, die frühere Pentagon-Sprecherin als Lobbyistin bei Regierung und Regulierungsbehörden engagiert. Nach Comcasts Milliarden-Offerte für den Medienkonzern Disney hat Clarke viele neue Gegner. Sollte der Kabelkonzern beim Unterhaltungsriesen tatsächlich zum Zuge kommen, müßte der neue Gigant mit Clarkes Unterstützung vermutlich erhebliche kartellrechtliche Bedenken ausräumen.
Wettbewerber und Regulierungsbehörden dürften alarmiert sein. Eine solche Großtransaktion wie Roberts' Disney-Offerte über 54 Milliarden Dollar hat die Medienindustrie seit Jahren nicht mehr erlebt. Seit den Übernahmen von Time Warner durch AOL und von Seagram/Universal durch Vivendi im Jahr 2000 gab es in der Unterhaltungs-Industrie kein ähnlich kühnes Vorhaben mehr. Zum Vergleich: Vivendi zahlte vor vier Jahren rund 40 Milliarden Dollar für Universal.
Fernsehmarkt aufgemischt
Ein Zusammenschluß von Comcast und Disney würde vor allem die Karten im amerikanischen Fernsehmarkt neu mischen. Comcast ist mit mehr als 21 Millionen Kunden der führende Kabelbetreiber im weltgrößten Fernsehmarkt. Disney kontrolliert mit dem Sender ABC eines der vier großen landesweiten Fernsehflaggschiffe: Hinter dem Marktführer NBC (General Electric) und dem zum News-Corp-Konzern des Medientycoons Rupert Murdoch zählenden Sender Fox lag ABC vergangenes Jahr gemessen an den Einschaltquoten ungefähr gleichauf mit CBS (Viacom) an dritter Stelle.
NBC, News Corp. und Viacom werden vermutlich zu den entschiedensten Gegnern des Zusammenschlusses zählen. Denn die Logik der Übernahmeofferte besteht darin, Medieninhalte und deren Distribution unter einem Konzerndach zu vereinigen. Aus Sicht der Konkurrenten liegt der Verdacht wohl nahe, daß der neue Fernsehriese sie beim Zugang zu seinem Netz gegenüber den eigenen Programmen diskriminieren könnte.
Geht die Rechnung von Comcast auf, könnten jedenfalls die Produkte aus der Disney-Unterhaltungsfabrik über sein riesiges Kabelnetz besser als bisher vermarktet werden. Umgekehrt verschaffte sich Comcast durch die attraktiven Disney-Programme einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen amerikanischen Kabelanbietern wie Cox oder Charter. Gemeinsam hätten Comcast und Disney dadurch etwa im Zukunftsmarkt der elektronischen Videotheken (video on demand) eine gute Startposition.
Amerikanische Kabelkonzerne haben mit deutschen Netzbetreibern wenig gemein. Anders als diese verdienen sie kräftig im Mediengeschäft mit. Von den mehr als 20 Milliarden Dollar, die die amerikanische Kabelbranche 2003 umsetzte, stammt nach Schätzung der Investmentbank UBS Warburg knapp die Hälfte aus Beteiligungen an den Werbeeinnahmen der eingespeisten Sender. Weil die Kunden zudem Kabelanschluß und Programme in einem Paket ordern, liegen auch die Gebühren-Einnahmen pro Kunde viel höher als hierzulande. Comcast etwa kassiert nach UBS-Berechnungen zur Zeit pro Kunde rund 70 Dollar im Monat.
Nicht das erste Beispiel
Eine Kombination aus Disney und Comcast wäre freilich nicht das erste Beispiel für eine Integration von Fernseh-Inhalten und Distribution unter einem Konzerndach. Vorbild ist der Weltmarktführer Time Warner, der bereits ein weitverzweigtes Kabelnetz betreibt. Murdochs News Corp. setzt dagegen auf den rasch wachsenden Satellitenfernseh-Markt als Übertragungsweg und brachte vergangenes Jahr nach langem Ringen die amerikanische Nummer eins, DirecTV, unter seine Kontrolle. Auf diese beiden Fälle wird Comcast sicherlich verweisen, wenn es darum geht, den Segen der Wettbewerbshüter zu bekommen.
Für Disney hätte ein Zusammenschluß mit Comcast den Vorteil, daß der Netzbetreiber die branchentypisch sehr volatile Entwicklung des Medienkonzerns glätten kann. Denn das Geschäft der Kabelunternehmen gewährleistet durch die monatlich fließenden Gebühren relativ stabile Erlöse. Anders bei Disney: Die Entwicklung der Spielfilmproduktion etwa ist nahezu unkalkulierbar. Zu groß ist die Abhängigkeit von einzelnen Erfolgen wie im vergangenen Jahr der Zeichentrickfilm "Findet Nemo". Das Fernseh- Radio- und Themenparkgeschäft ist zudem stark konjunkturabhängig. Bei ABC, das sich zu lange auf seinen Quotenhit "Who wants to be a Millionaire?" verlassen hatte, verschärften in den vergangenen Jahren Programmschwächen die Probleme. Erst 2003 kam der Sender wieder besser in Tritt.
Zusätzliche Phantasie
Für zusätzliche Phantasie aus Sicht der Disney-Aktionäre könnte die Aussicht sorgen, in Zukunft auch am Telekommunikationsmarkt zu partizipieren. Denn anders als das deutsche Kabelnetz ist das amerikanische hochmodern. Knapp 13 Millionen amerikanische Haushalte haben dort einen Hochgeschwindigkeits-Zugang zum Internet über das Kabel. Zum Vergleich: Die hierzulande populäre digitale Telefonleitung (DSL) nutzen in den Vereinigten Staaten nur knapp 8 Millionen Haushalte.