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Ein Jahr nach dem Hype : Wer spielt eigentlich noch Pokémon Go?

Auf Monsterjagd: Pokémon-Go-Spieler in Tokio Bild: AP

Vor einem Jahr zog das Smartphone-Spiel Millionen in seinen Bann. Mittlerweile ist die Begeisterung abgeflacht. Doch die Entwickler profitieren auch ohne Hype von der Monsterjagd.

          Sie sind nicht mehr so leicht zu finden wie noch im Hochsommer des Jahres 2016, aber sie sind noch da: Pokémon-Jäger streifen auch heute noch durch Deutschlands Städte. In Gruppen etwa auf Facebook verabreden sie sich zur gemeinsamen Jagd, tauschen Tipps und spannende Plätze aus und informieren sich, wenn es Neuigkeiten zu dem Smartphone-Spiel Pokémon Go des japanischen Spieleherstellers Nintendo gibt, das rund um die Welt mehr als 750 Millionen Mal heruntergeladen wurde. In jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es solche Gruppen noch, nur sind sie nicht mehr so sichtbar. Wurde auf dem Höhepunkt des Hypes um das Smartphone-Spiel in Düsseldorf sogar eine Brücke für Autofahrer gesperrt, weil sich so viele Monsterjäger auf ihr tummelten, muss man inzwischen schon sehr genau hinschauen, um die meist mit Smartphones und mobilen Ladestationen ausgestatteten Spieler zu entdecken.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Auch wenn der große Rummel vorbei ist, profitieren die Macher knapp ein Jahr nach dem Start der App noch heute von den treuen Spielern. Denn obwohl der Download kostenlos ist, fließen für das amerikanische Entwicklerstudio Niantic und die Pokémon Company, an der Nintendo mehr als 30 Prozent hält, noch jeden Monat Millionen Dollar an Einnahmen aus dem Spiel. Nach Daten des Marktforschungsinstitutes Sensor Tower waren es im Mai knapp 12 Millionen Dollar Umsatz. Trotz dieser Zahlen stehen die Entwickler unter einem gehörigen Erwartungsdruck: Als die japanischen Monster vor knapp einem Jahr in die App Stores kamen, brachen sie gleich alle Rekorde: Innerhalb von 60 Tagen wurde das Programm mehr als 500 Millionen Mal heruntergeladen, im Juli kamen jeden Tag Umsätze von 18 Millionen Dollar zusammen. Die Marke von einer Milliarde Dollar Umsatz hat Pokémon Go längst überschritten.

          Nur geringer Anteil an den Umsätzen im App Store

          Allerdings ist es nicht leicht für Entwickler, Nutzer an die Apps zu binden. Nur wenige Programme wie die von Facebook, Snapchat oder Whatsapp schaffen es, regelmäßig über Monate immer wieder geöffnet zu werden. Trotz steigender Smartphone-Nutzung öffnen die Besitzer jeden Monat im Schnitt nur 30 verschiedene Apps. Die Aufmerksamkeitsspanne für die Programme schwindet schnell.

          Vor allem Spiele kämpfen damit, dass Nutzer irgendwann gelangweilt sind und weiterziehen. Der Technik „Augmented Reality“ (AR), also der erweiterten Realität, bei der virtuelle Inhalte in die reale Umgebung projiziert werden, wurde auf dem Höhepunkt des Hypes um Pokémon auch für andere Spiele eine große Zukunft vorhergesagt. Allerdings sind im Spielemarkt große Innovationen mit AR bislang ausgeblieben, viel mehr Ideen als japanische Monster an Brunnen oder Denkmälern auftauchen zu lassen, gab es bislang nicht. Die Spielebranche konzentriert sich viel mehr auf die komplett virtuelle Realität, mit den sogenannten VR-Brillen tauchen Spieler in fremde Welten ein, dagegen kommen AR-Anwendungen eher in anderen Branchen zum Einsatz.

          Spiele machen jedoch auch in Deutschland den Löwenanteil an Umsätzen im App Store aus. Trotz des großen Erfolges hat Pokémon Go daran auch nur einen geringen Anteil gehabt, wie Daten von App Annie zeigen, ein Marktforschungsunternehmen, das sich auf die Analyse von Smartphone-Programmen spezialisiert hat. Denn auch andere Spiele wie etwa Clash of Clans, Candy Crush Saga oder Clash Royale haben es geschafft, eine regelmäßige Spielergemeinschaft an sich zu binden, die jeden Monat Geld für Zusatzinhalte ausgibt.

          App Annie schätzt den Umsatz, der rund um die Welt mit Apps erwirtschaftet wird, für das laufende Jahr auf 166 Milliarden Dollar. Der Großteil davon kommt durch immer wieder ausgespielte Werbung in den Programmen zustande, doch Smartphone-Nutzer geben global auch rund 65 Milliarden Dollar in den App Stores aus – sei es, indem sie die Programme einmalig kaufen oder ein Abonnement abschließen. Oder indem sie virtuelle Zusatzinhalte etwa für Spiele kaufen. Das bringt auch den Machern von Pokémon Go noch regelmäßige Umsätze ein: Im Spiel können Nutzer zum Beispiel Eier ausbrüten, aus denen die kleinen Monster schlüpfen.

          Auf Monsterjagd

          Das funktioniert, indem sich die Spieler kreuz und quer durch die Stadt bewegen, und wer dabei zwei, fünf oder zehn Kilometer zurücklegt, erhält ein neues Monster für seine Sammlung. Effektiver wird das Ganze dann, wenn die Spieler mehrere sogenannte Brutmaschinen einsetzen, um so statt nur für ein Ei für bis zu neun Eier gleichzeitig Kilometer zu sammeln. Allerdings kosten diese Brutmaschinen genauso wie alle andere virtuellen Güter im Spiel auch virtuelle Goldmünzen – die der Spieler allerdings nur für ganz reales Geld auch erwerben kann.

          Macher haben kreative Wege zur Versilberung gefunden

          Manche Spieler geben noch heute bis zu 50 Euro im Monat für Zusatzinhalte im Spiel aus. Das sind dann allerdings die noch sehr aktiven Nutzer, für die so ein Spiel ein richtiges Hobby geworden ist. Die Gruppe ist für Niantic und deren Partner besonders interessant, um die Beliebtheit des Spiels an andere Marken zu knüpfen. Die Kaffeekette Starbucks und der Netzbetreiber Sprint haben sogenannte Pokéstops gesponsert, an denen Spieler virtuelle Güter erhalten.

          McDonald’s hat in jeder seiner 3000 Filialen in Japan jeden Tag 2000 zusätzliche Gäste verzeichnet. Insgesamt habe Pokémon Go stattliche 500 Millionen Spieler zu den Partnerunternehmen gelockt. Die Partner zahlen für jeden Besuch zwischen 15 und 50 Cent, hat ein Niantic-Manager kürzlich verraten. Das bedeutet, dass für Niantic zwischen 75 und 250 Millionen Dollar zusammengekommen sind, von denen Lizenzabgaben an Nintendo und die Pokémon Company abgehen.

          Die Macher haben gezeigt, dass sie kreative Wege zur weiteren Versilberung ihrer App gefunden haben. Nun müssen sie nur die Nutzer bei Laune halten. Dafür hat Niantic vor wenigen Tagen das bisher größte Update für die App herausgebracht. Und damit das Spiel noch einmal gründlich verändert, in der Hoffnung, alte Spieler zurückzugewinnen und neue anzulocken. Pünktlich zum Sommer – die Verabredungen zur Jagd unter den Spielern nehmen in den Facebook-Gruppen schon wieder zu.

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