Home
http://www.faz.net/-gqm-u70b
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

WAZ-Konzern Westdeutsches Allgemeines Zerwürfnis

22.01.2007 ·  Zerstrittene Gesellschafter und unbesetzte Posten sind schon lange ein Problem. Der Tod von Erich Schumann, dem Patriarchen des WAZ-Verlagskonzerns, sorgt für ein Führungsvakuum. Da Entscheidungen nur einstimmig gefällt werden können, soll ein Prozess Klarheit bringen.

Von Marcus Theurer und Michael Hanfeld
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Der Tod von WAZ-Patriarch Erich Schumann sorgte am Montag bei dem Essener Verlagskonzern für weitere offene Fragen. Der 76 Jahre alte Schumann hatte bis zuletzt im zweitgrößten deutschen Zeitungshaus einen von vier Geschäftsführerposten inne. Schon bisher allerdings herrschte bei der Mediengruppe rund um die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) ein weitgehendes Führungsvakuum: Nach Schumanns Tod ist mit dem früheren SPD-Politiker Bodo Hombach faktisch nur noch ein Geschäftsführerposten besetzt.

Sein Kollege Detlev Haaks verlässt das Unternehmen Ende März und geht zum Deutschen Sparkassenverlag. Der Posten des vor zwei Jahren ausgeschiedenen WAZ-Geschäftsführers Lutz Glandt wurde ebenso wie Haaks' Position bisher nicht neu besetzt. Zu zerstritten sind die Gesellschafter des Verlagsriesen aus dem Ruhrgebiet, der mit knapp zwei Milliarden Euro Jahresumsatz eines der größten Zeitungshäuser in Europa ist.

Unternehmen mit 16.000 Mitarbeitern

Bei der WAZ, einem Unternehmen, das in Europa 16.000 Mitarbeiter beschäftigt, ist das Führungsvakuum besonders brisant. Denn dass mit dem umtriebigen Hombach in Zukunft nur noch ein Geschäftsführer das alleinige Sagen hat, ist kaum vorstellbar: Die nun weitgehend verwaiste WAZ-Chefetage mit vier Geschäftsführern ist der seit Jahrzehnten sorgsam austarierten Machtbalance in dem streng paritätisch organisierten Konzern geschuldet.

Glandt und Haaks waren die Statthalter des sogenannten Funke-Stamms, der Nachkommen des verstorbenen WAZ-Mitgründers Jakob Funke. Schumann und Hombach waren als Vertreter von Funkes Kompagnon Erich Brost („Brost-Stamm“) in die Führungsmannschaft eingerückt. Zumindest für Teile des Funke-Stamms wäre deshalb ein allmächtiger Alleingeschäftsführer Hombach auf Dauer unakzeptabel. Zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Schon die verblichenen Altvordern Brost und Funke konnten mehr schlecht als recht miteinander.

Einstieg bei der „Süddeutschen Zeitung“

Einfach war das Verhältnis zwischen den Gesellschaftern deshalb noch nie. Doch so verfahren wie jetzt ist es nach Einschätzung von WAZ-Kennern auch noch nie gewesen. Vor allem ein erbitterter Streit unter den Funke-Erben hat in den vergangenen Jahren nicht nur die Nachbesetzung der Posten von Glandt und Haaks verhindert.

Zumindest nach Darstellung eines Teils der Funke-Seite soll der Zwist auch vielversprechende Großakquisitionen in Deutschland torpediert haben: Ein Einstieg bei der damals finanziell angeschlagenen „Süddeutschen Zeitung“ kam vor vier Jahren, ebenso wenig später eine Beteiligung an der Münchner Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1. Das Problem: Die zerstrittenen Funke-Erben haben ihre Hälfte an dem Medienkonzern in der gemeinsamen Funke Familiengesellschaft (FFG) gebündelt und sind deshalb aneinandergekettet.

Vor Jahrzehnten vereinbartes Machtgleichgewicht

Am Mittwoch beschäftigt die Familienfehde wieder einmal die Gerichte. Dieses Mal trifft man sich beim Oberlandesgericht Hamm. Petra Grotkamp hat ihre Schwestern Renate Schubries und Gisela Holthoff verklagt, weil sie sicherstellen will, dass die in der FFG gebündelten WAZ-Anteile auch dort bleiben. „Über die Anteile an der FFG können die Mitglieder nur mit Zustimmung der anderen Gesellschafter entscheiden“, sagt Günther Grotkamp, 80 Jahre, langjähriger WAZ-Geschäftsführer und Ehemann von Petra Grotkamp. Der rüstige Senior will „jedes Eindringen eines anderen Gesellschafters in die FFG verhindern“.

Grotkamp und seine wesentlich jüngere Frau Petra treibt die Sorge um, dass Schubries oder Holthoff ihre Anteile an die andere Eigentümerseite des Konzerns, den sogenannten Brost-Stamm, verkaufen könnten. Damit aber würde das vor Jahrzehnten vereinbarte Machtgleichgewicht in der Zeitungsgruppe kippen. Schon Jakob Funke, ein strammer Konservativer, hat die Sorge umgetrieben, sein Gegenüber, der Sozialdemokrat Brost, könne sich die Mehrheit am gemeinsamen Unternehmen unter den Nagel reißen. Jurist Grotkamp, der in den sechziger Jahren noch für den altvorderen WAZ-Mann gearbeitet hat, sieht sich als Hüter des Verlegerwillens. Jakob Funke, der freilich schon seit 32 Jahren tot ist, habe „gelitten unter der Furcht, die Brosts könnten sich die Mehrheit holen“, erinnert sich Grotkamp.

Verlauf bis zum Bundesgerichtshof erwartet

Die Gegenseite im juristischen Gezerre hält die Befürchtungen der Grotkamps für weltfremd. Niemand auf der Funke-Seite denke auch nur daran, Verlagsanteile zu verkaufen, sagt der Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner, adoptierter Sohn der von Grotkamp verklagten FFG-Gesellschafterin Gisela Holthoff: „Es gibt für uns keine interessantere Beteiligung als die an der WAZ.“ Doch Grotkamp beobachtet argwöhnisch, wie eng sich Holthoff-Pförtner mit dem auf der Brost-Seite stehenden WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach abstimmt. „Zwischen denen gibt es eine große Koalition“, heißt es in Unternehmenskreisen.

Gut möglich, dass am Mittwoch in Hamm bereits ein Urteil fällt. Zuvor hat bereits das Landgericht Essen Grotkamp in erster Instanz zumindest für die Kerngesellschaften der WAZ-Gruppe recht gegeben. Doch beendet ist der Streit auch mit einem raschen Urteil wohl kaum. Alle Beteiligten erwarten, dass der Fall letztlich bis zum Bundesgerichtshof (BGH) durchgefochten wird. Es geht eben einfach um zu viel Geld.

Entscheidungen einstimmig oder gar nicht getroffen

Das persönliche Klima auf Seiten der zerstrittenen Funke-Familien ist derweil am Gefrierpunkt angelangt. „Die reden nur noch das Nötigste miteinander“, sagt ein WAZ-Kenner. Das Familienzerwürfnis bringt mittlerweile die ganze Unternehmensgruppe in eine prekäre Lage, denn in dem längst milliardenschweren Essener Zeitungskonzern gelten noch immer die alten Spielregeln - Entscheidungen werden einstimmig oder gar nicht getroffen. Holthoff-Pförtner sieht den Essener Medientanker manovrierunfähig dahintreiben: „Wir bekommen keinen Konsens mehr hin. Wenn sich das Oberlandesgericht jetzt für das Einstimmigkeitsprinzip ausspricht, haben wir ein Problem“, befürchtet Holthoff-Pförtner.

Der Streit um die familieninternen Spielregeln wird in den kommenden Monaten abermals das Landgericht Essen beschäftigen. In diesem zweiten Prozess von Petra Grotkamp gegen Schubries und Holthoff will sie die Ausschüttung von mehr als 400 Millionen Euro im Zusammenhang mit dem Verkauf einer Beteiligung an der Fernsehgruppe RTL rückgängig machen. Gegen den Willen von Grotkamp hatten dies Schubries und Holthoff im Sommer 2005 durchgesetzt. „Das Geld soll in der Firma bleiben, das Geld gehört der Firma“, sagt dagegen WAZ-Senior Günther Grotkamp und pocht auf das Vetorecht seiner Frau. Aber können auf Dauer 16,7 Prozent der Anteile den Willen aller anderen Gesellschafter blockieren?

Auch der Gerichtsprozess um die RTL-Millionen droht sich jahrelang durch die Instanzen zu quälen. Wie Gift droht das Zerwürfnis zwischen den Funke-Erben immer stärker das Geschäft des WAZ-Konzerns zu lähmen. Der Tod von Schumann stellt nun auch die Brost-Seite des Unternehmens vor ungeklärte Fragen. Wer soll nach Schumann die Interessen der Brost-Gesellschafter vertreten? Anneliese Brost, Witwe des Mitgründers Erich Brost, ist 86 Jahre alt. Und dessen drei Enkel sollen die Anteile zwar erben, doch sie seien bisher „noch nicht im geschäftsfähigen Alter“, wie es am Montag bei der WAZ hieß.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite 18
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gute Wirtschaftspolitik

Von Winand von Petersdorff

Der Vorwurf: Deutschland lebt mit seinem parasitären Wirtschaftsmodell auf Kosten anderer Länder. Doch die Taktik der Bundesregierung stiftet Vertrauen für die nächsten Jahre. Mehr 15

17.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.848,03 +1,42%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.