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Vint Cerf Das Internet der Dinge wird ein großer Schritt

 ·  Das Internet begann als ein Experiment, um ein paar Universitäten zu verbinden. Heute nutzen zwei Milliarden Menschen die Erfindung von Vint Cerf. Doch die Entwicklung geht weiter. Künftig werden Autos, Kleidung oder Häuser Teil des Netzes.

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Mehr Erfahrung im Internet hat niemand. Garantiert. Denn der heute 67 Jahre alte Vint Cerf hat - zusammen mit seinem Partner Bob Kahn - das Internet erfunden. Zumindest das Übertragungsprotokoll TCP/IP. Cerf, in den siebziger Jahren Informatik-Professor an der Universität Stanford, sollte damals im Auftrag des amerikanischen Militärs eine Möglichkeit finden, wie sich Daten auch dann noch von A nach B übertragen lassen, wenn die Leitung dazwischen zerstört wird. Das Ergebnis waren viele kleine Datenpakete, die auf unterschiedlichem Weg zum Ziel gelangen und erst dort wieder zusammengesetzt werden.

Dass seine Erfindung heute zwei Milliarden Menschen miteinander vernetzt, hat er damals weder geahnt noch beabsichtigt. "Wir wollten ein paar Universitäten und einige Militärstationen miteinander verbinden. Das Internet wurde nicht dafür entworfen, wie es heute genutzt wird", sagt Cerf, der gerade am Hasso-Plattner-Institut mit dem Fellowship Award ausgezeichnet wurde. Und so muss der Vater des Internet, der heute als "Chief Internet Evangelist" in Diensten von Google steht, immer wieder warnend seine Stimme erheben. Denn dem Internet gehen die Adressen aus, die Computern zugewiesen werden.

"Das Internet war ein Experiment. Wir haben damals nicht geahnt, dass 4,3 Milliarden Adressen nicht reichen würden", sagt Cerf. Seit Jahren wird daher über den Übergang von der IP Version 4 (IPv4) zur IPv6 geredet, die Platz für 340 Sextillionen Adressen bietet. Damit das Internet weiter wachsen könne, seien neue Adressen dringend nötig. "In Asien gibt es heute schon keine Adressen mehr; in Europa und Amerika wird es spätestens zum Jahresende so weit sein", mahnt Cerf zur Eile. Am IPv6-Tag am 8. Juni werden die großen Internet-Unternehmen für einen Tag auf das neue Protokoll umstellen, um auftretende Probleme zu erkennen. "Dann wird sich zeigen, ob die Router oder Computer in der Lage sind, mit IPv6 umzugehen."

Wenn die Zahl der verfügbaren Internet-Adressen mit IPv6 beinahe unbegrenzt ist, wird sich das Internet schnell weiterentwickeln. Dann kann nämlich allen möglichen Geräten eine Internet-Adresse zugewiesen werden, mit weitreichenden Folgen. "Der größte Effekt wird die Entwicklung des "Internets der Dinge" sein, wie es die Europäer nennen. Ich rechne mit intelligenten Häusern, vernetzter Kleidung mit eingebauten Instrumenten, die Körperfunktionen überwachen können. Autos, alle Dinge, die wir mit uns herumtragen, die Ausrüstung im Büro - all dies wird Teil des Internets."

„Dass Menschen Wissen ins Netz stellen ohne Bezahlung, das hat mich überrascht“

Der technische Fortschritt wird auch in der Medizin sichtbar werden. "Astronauten tragen Kleidung, die ihre Körperfunktionen automatisch überwachen. Das wird in den Alltag einziehen. Wir werden zum Beispiel erleben, dass Herzprobleme bei Menschen überwacht werden. Sensoren können kontrollieren, ob sich jemand bewegt", sagt Cerf. Sensoren, die heute schon in modernen Smartphones eingebaut sind, werden künftig eine viel wichtigere Rolle spielen.

"Ich habe ein Sensoren-Netzwerk in meinem Haus, das zum Beispiel die Temperatur und die Feuchtigkeit in jedem Raum überwacht und die Daten alle fünf Minuten zu einem Server überträgt. Auf diese Weise kann ich sehen, ob das Haus richtig arbeitet, ob die Klimaanlage richtig funktioniert und ob es im Winter nicht zu kalt und im Sommer nicht zu heiß ist. Das klingt noch futuristisch, aber das wird kommen - da bin ich ganz sicher", sagt Cerf - und fügt noch etwas Science-Fiction hinzu: "Meine Frau hat ihr Gehör verloren, als sie drei Jahre alt war. Nun nutzt sie ein Cochlea-Implantat, das wesentlich aus einem externen Mikrofon und einem Sprachprozessor besteht. Das Gerät erkennt die Geräusche und wandelt sie in die entsprechenden elektrischen Impulse um, die dann an den Nerv übermittelt werden. Ich denke darüber nach, den Sprachprozessor umzuprogrammieren und mit dem Internet zu verbinden. Dann kann sie eine Frage stellen, die dann an Google übertragen wird. Dort wird die Frage von einem Computer beantwortet und über ein Funknetz zurück an den Sprachprozessor in ihrem Ohr übermittelt. Das wäre ein Mensch direkt im Internet. Ob das wirklich passieren wird - ich weiß es nicht. Aber technisch gesehen ist es möglich. Und noch einige Dinge mehr, wenn wir beginnen, unser Nervensystem mit der Elektronik zu verknüpfen", sagt Cerf.

Die Sensoren werden dazu beitragen, dass im Internet riesige Mengen an Daten generiert werden, die verarbeitet werden müssen. "Bei Google haben wir viele Computer miteinander verknüpft, um große Datenmengen in aggregierter Form zu analysieren. Damit lassen sich zum Beispiel Seuchen schnell erkennen, wenn viele Menschen gleichzeitig nach bestimmten Symptomen suchen. Wichtig dabei ist, dass die anonymen Daten veröffentlicht werden, damit sie jeder nutzen und damit arbeiten kann. Man kann die positiven Effekte schon beim "Human Genome Project" sehen. Dort hat die Veröffentlichung der Daten des menschlichen Genoms die Wissenschaft beflügelt. So etwas ist auch denkbar für ökonomische Daten oder Umweltinformationen. Wenn mehr Daten gesammelt und allen zur Verfügung gestellt werden, lassen sich bessere Vorhersagen treffen, zum Beispiel über Erdbeben. Oder stellen Sie sich vor, alle Smartphones liefern Daten über Umweltbelastungen. Aus diesen Daten lässt sich viel machen - wenn sie mit allen geteilt werden", sagt Cerf.

Dass die Menschen schon heute haufenweise Daten produzieren und auf Seiten wie Youtube, Flickr, Facebook oder Twitter hochladen, gehört zu den großen Überraschungen für Cerf. "Dass die Menschen große Mengen an Wissen ins Netz stellen, ohne dass sie eine Bezahlung dafür erwarten, hat mich ebenso überrascht wie der politische Einfluss, den das Netz hat. Stimmen, die zuvor nicht hörbar waren, werden im Internet nun vernommen. Früher hatte nur ein großes Medienunternehmen die Macht, einer Stimme Gehör zu verschaffen. Im Internet kann jeder Informationen ins Netz stellen und gehört werden", sagt Cerf. Das schaffe allerdings das Problem der Bewertung dieser Informationen. "Einige Informationen sind richtig, andere aber falsch. Für unsere Kinder ist daher eine der wichtigsten Qualifikationen das kritische Denken. Sie müssen entscheiden, ob die Informationen stimmen oder nicht", sagt Cerf.

Das interplanetare Internet

Als Fehlentwicklung des Netzes sieht er geschlossene Systeme ("Walled Garden"), die sich im Internet nicht vernetzen. "AOL hat seine Inhalte in einem "Walled Garden" gesteckt. Aber die Nutzer wollten auch andere Inhalte haben, und das Netz wurde wieder offen. Jetzt kommen Unternehmen wie Facebook und bauen wieder "Walled Gardens", deren Inhalte im Internet zu großen Teilen nicht sichtbar sind. Ich glaube, das Pendel wird wieder zurückschlagen. Der Druck der Nutzer wird das Problem lösen."

Manchmal stemmen sich die Anbieter aber mit Macht dagegen. "Ein Beispiel sind die diversen Cloud-Systeme, zum Beispiel von Amazon, Google, Microsoft oder die privaten IBM-Clouds. Diese Systeme sind nicht miteinander verbunden; ein Nutzer kann seine Daten nicht direkt von einer Cloud in die nächste verschieben. Das ist wie in den siebziger Jahren, als das Internet erfunden wurde. Damals gab es auch kein Vokabular, um Daten vom IBM-Netzwerk zum Netzwerk von Digital Equipment zu senden. Die Anbieter haben ihre Nutzer in ihrer Cloud gefangen. Warum sollten sie diese Cloud jetzt öffnen? Nur der Druck der Nutzer kann diesen Prozess in Bewegung bringen. Ich hoffe, dass das Pendel in Richtung offener Systeme zurückschlagen wird", sagt Cerf, der auch intensiv an einem weiteren Zukunftsprojekt arbeitet: dem interplanetaren Internet. Damit künftig auch zwischen Erde, Mond und allen Raumfähren so einfach wie heute auf der Erde kommuniziert werden kann, sollen die Daten per Laserstrahl transportiert werden, um die großen Entfernungen zu überwinden.

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Von Rainer Hank

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