07.05.2007 · Der Medienunternehmer Rupert Murdoch will das renommierte „Wall Street Journal“ kaufen. Die Eigentümerfamilie aber sträubt sich noch. Andere Verlegerclans haben schon längst aufgegeben.
Von Roland LindnerDie Bancrofts sind eine stolze amerikanische Familie. Und nichts macht sie so stolz wie der Umstand, dass ihnen das Verlagshaus Dow Jones mit seiner ruhmreichen Finanzzeitung "Wall Street Journal" gehört. "Ohne das Wall Street Journal wären wir einfach nur irgendeine reiche Familie", wurde ein Mitglied des Clans einmal zitiert.
Sosehr die Familie aber das Renommee ihres Zeitungsverlags liebt, so sehr missfällt ihr die Entwicklung an der Börse. Seit Jahren geht es mit dem Aktienkurs von Dow Jones nach unten, das Familienerbe schmilzt dahin. Wie verführerisch muss da das Angebot von Rupert Murdoch und seinem Medienkonzern News Corp. klingen: 5 Milliarden Dollar will Murdoch für Dow Jones bezahlen, ein satter Aufschlag von 65 Prozent auf den Börsenwert. Dieses spektakuläre Angebot markierte den Höhepunkt einer Woche von Großereignissen in der Medienbranche: Auch der britische Reuters-Konzern hat ein Übernahmeangebot bekommen. Unklar ist, wer der Bieter ist. Als möglicher Interessent gilt der kanadische Wettbewerber Thomson Financial. Reuters ist wie Dow Jones ein Traditionsunternehmen, dessen Wurzeln bis in das neunzehnte Jahrhundert zurückreichen.
Zeitungen verlieren Leser und Anzeigen
Im Falle von Dow Jones weiß man, dass den Bancrofts die Vorstellung ein Greuel ist, ihren Verlag an den rauhbeinigen Medienhai Murdoch abzutreten. Andererseits: So viel Geld werden sie womöglich nie wieder für ihr Unternehmen geboten bekommen. Fürs Erste haben die Bancrofts Murdoch zwar eine Abfuhr erteilt. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen, die Familie scheint sich nicht ganz einig zu sein. Damit rückt der lange unvorstellbare Gedanke eines Verkaufs von Dow Jones zumindest in den Bereich des Möglichen.
So ist Murdochs Griff nach Dow Jones ein symbolträchtiges Beispiel für einen massiven Umbruch in der Branche: Die großen amerikanischen Zeitungsdynastien wanken. Auch andere traditionsreiche Verlegerfamilien haben sich schon aus dem Geschäft verabschiedet oder sehen sich immer stärkerem Druck der Kapitalmärkte gegenüber. Gleichzeitig verschlechtert sich die Wirtschaftslage: Zeitungen verlieren Leser und Anzeigenkunden an das Internet. Die Verlage haben darauf bislang keine Antwort gefunden, die eigenen Internetauftritte gleichen die Einbußen nicht aus.
Zeitungen in Familienbesitz
Wie bei Dow Jones und dem "Wall Street Journal" wird das Geschäft auch bei anderen Vorzeigeadressen im amerikanischen Zeitungsgeschäft seit vielen Jahrzehnten von einer Inhaberfamilie bestimmt. Was bei Dow Jones die Bancrofts sind, ist bei der New York Times Company ("New York Times", "Boston Globe") die Familie Ochs-Sulzberger und bei der Washington Post Company ("Washington Post", "Newsweek") die Familie Graham. Die Bancrofts kontrollieren Dow Jones schon seit 1902. Damals kaufte Clarence Barron, ein Vorfahre der heutigen Bancrofts, das einst von Charles Dow und Edward Jones gegründete Unternehmen. Bei der New York Times Co. übernahm Adolph Ochs im Jahr 1896 das Ruder. Ochs war ein Sohn deutscher Einwanderer aus dem fränkischen Fürth.
Die Inhaberfamilien spielen sehr unterschiedliche Rollen: Die Bancrofts halten sich aus dem Geschäft von Dow Jones heraus. Von den knapp drei Dutzend Familienmitgliedern, die zum Eigentümerkreis gehören, ist niemand im Management. Nur im Verwaltungsrat, dem Aufsichtsgremium des Unternehmens, sitzen vier Vertreter. Ansonsten haben die Bancrofts Berufe wie Investmentbanker, Schriftsteller, Pilot - sogar eine Turnierreiterin ist dabei. Bei der New York Times fungiert hingegen Arthur Sulzberger junior, ein Urenkel von Adolph Ochs, als Herausgeber und Verwaltungsratschef.
Zwei Klassen von Aktien
Viele Familien haben im Laufe der Jahrzehnte ihre Verlagshäuser an die Börse gebracht, ohne dabei aber die Kontrolle abzugeben. Dazu haben sie zwei Klassen von Aktien geschaffen: Anteilsscheine mit vollem und mit stark eingeschränktem Stimmrecht. So konnten die Familien die Mehrheit des Kapitals an die Börse geben, aber gleichzeitig die Mehrheit der Stimmrechte behalten. Damit wollten sich die Inhaber vor einer ungewollten Übernahme schützen. Auch bei Unternehmen aus anderen Branchen wie der Internetgesellschaft Google gibt es diese Zwei-Klassen-Struktur.
Gerade die New York Times Co. muss wegen dieser Eigentumsverhältnisse im Moment heftige Kritik einstecken. Ein Portfolio-Manager von Morgan Stanley fordert seit einiger Zeit lautstark eine Abschaffung der Zwei-Klassen-Struktur und wirft der Unternehmensführung schwere Versäumnisse vor. Bei der Aktionärsversammlung vor zwei Wochen kam es zu einem Showdown, als 42 Prozent der freien Aktionäre sich gegen eine Wiederwahl von Verwaltungsräten aussprachen. Das hat zwar keine unmittelbare praktische Konsequenz, war aber ein peinlicher Denkzettel für das Unternehmen und seine Eigentümer.
Die Chandler-Familie verabschiedet sich
Die Familie Ochs-Sulzberger sieht sich weiter als treue Hüterin ihres Erbes und lehnt bislang jede Änderung der Eigentümerstruktur ab. Andere Verlegerfamilien haben aufgegeben. Eines der prominentesten Beispiele ist die Chandler-Familie, langjährige Eigentümerin der "Los Angeles Times". Im Jahr 2000 verkauften die Chandlers ihr Unternehmen Times Mirror inklusive der "L.A. Times" an den Tribune-Verlag in Chicago. Danach hielten sie zunächst eine 20-Prozent-Beteiligung an Tribune, aber auch das ist bald Geschichte. Nachdem vor wenigen Wochen der Verkauf von Tribune an den Immobilienmogul Samuel Zell beschlossen wurde, verabschiedet sich die Chandler-Familie bald ganz aus dem Zeitungsgeschäft. Auch in Deutschland gibt es rückzugswillige Verleger: Mehrere der Inhaberfamilien des Süddeutschen Verlags, des Herausgebers der "Süddeutschen Zeitung", wollen ihre Anteile verkaufen.
Nun ist auch Dow Jones ein Wackelkandidat geworden. Zwar teilte das Unternehmen mit, dass Familienmitglieder mit einem Anteil von 52 Prozent der Stimmrechte gegen das Murdoch-Angebot sind. Das heißt aber auch, dass einige Mitglieder dafür wären. Die Front scheint also zu bröckeln. Angeblich soll es sich bei den Verkaufswilligen vor allem um jüngere Familienmitglieder handeln. Die Mitteilung von Dow Jones schließt außerdem nicht aus, dass die Bancrofts ein anderes oder höheres Angebot annehmen würden.
Sollten die Bancrofts an Murdoch verkaufen, würde Dow Jones wieder bei einer Mediendynastie landen. Murdoch hält mit seiner Familie 30 Prozent der Stimmrechte - das reicht nicht zu einer Kontrollmehrheit. Trotzdem zog er Parallelen zu den Bancrofts und warb für eine Übernahme: "Auch wir sind ein Familienunternehmen."
Lieber so als anders.
Peter Milka (McDuff)
- 07.05.2007, 15:42 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2534 | −0,32% |
| Rohöl Brent Crude | 107,02 $ | +0,16% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
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