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„Vater des Internet“ im Interview „Das Netz funktioniert durch Kopieren“

Vinton G. Cerf ist maßgeblich für die Architektur des Internets verantwortlich. Der Amerikaner ist Vize-Präsident bei Google und sichtet dort neue Technologien. Marco Dettweiler und Roberto Zicari fragten ihn zur Zukunft des Internets.

© dpa Vergrößern Der „Vater” des Internets: Vinton G. Cerf

Vinton G. Cerf gilt als „Vater des Internets“. Der Amerikaner war maßgeblich am Aufbau des Internets beteiligt, so wie wir es kennen. Cerf ist Technologie- „Sichter“ bei Google. Die amerikanische Regierung zeichnete ihn mehrfach für seine Leistungen aus.

Herr Cerf, Sie werden „Vater des Internets“ genannt, weil Sie maßgeblich an der Entwicklung des Internetprotokolls beteiligt waren. Seit jener Zeit hat sich das Internet zum wichtigsten Medium überhaupt gewandelt. Bald soll es weltweit mehr als 2 Milliarden Nutzer geben. Wie sieht das Internet der Zukunft aus?
Mobile Endgeräte wie Handys verschmelzen immer mehr mit dem Internet. Mittlerweile sind Online-Funktionen wie Navigieren, Twittern oder Telefonieren per VoiceoverIP zum Standard geworden. Mit dem Mobiltelefon wird man in Zukunft per Internet noch ganz andere Dinge kontrollieren: die Unterhaltungselektronik in der Wohnung, die Energieeffizienz der Gebäude und die Sicherheit unserer Häuser. Wir werden mehr und mehr das Netz nutzen, um in Echtzeit Daten zu sammeln und auszuwerten.

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Was sind die Stärken des Internets, wie wir es zurzeit kennen und benutzen?
Seine Flexibilität und hoch dezentralisierte Natur. Jeder kann in nahezu allen Sprachen Inhalte produzieren und sie mit der Welt teilen. Im Netz können sich Menschen äußern, die ansonsten nie gehört worden wären. Eine weitere Stärke ist die Server-Client-Struktur. Es werden immer häufiger kleine Programme vom Server auf den Webbrowser des Nutzers geladen, um seine Surfgewohnheiten zu berücksichtigen und die Interaktivität zu unterstützen.

Ist Cloud Computing, also die zentralisierte Verwaltung von Software auf Großrechnern, eine konsequente Weiterentwicklung solcher Server-Client-Strukturen?
Ja, in gewisser Weise. Beim Cloud Computing bleiben Anwendungen und Daten „in der Wolke“, also im Netz. Dadurch können die Daten topaktuell gehalten, Sicherheitskopien erstellt und die Anwendungen leicht simultan genutzt werden. Auch erscheinen Updates der Anwendungssoftware bei allen Nutzern gleichzeitig, so dass jederzeit Kompatibilität gewährleistet ist. Die Anwendungen „in der Wolke“ können zudem auf die Leistung und Kapazität der Großrechner zugreifen, die Notebooks oder Desktops nie haben werden. Es ist jetzt schon abzusehen, dass sowohl öffentlich zugängliche als auch unternehmerische „Wolken“ Standard-Funktionen des Internets werden.

Eine Schwäche des Netzes ist das Internetprotokoll IPv4. Es ist dafür zuständig, dass im Netz überhaupt Daten abgeschickt und beim Empfänger ankommen können. Das funktioniert mit Hilfe von Hausnummern, den IP-Adressen. Und von denen stehen in absehbarer Zeit keine mehr zur Verfügung. Wie schnell müssen sich die Unternehmen auf das neue Protokoll IPv6 umstellen?
Unternehmen müssen baldmöglichst beide Protokolle implementieren. Firmen wie Google tun dies bereits. Nur so können Nutzer alle Dienste in Zukunft erreichen. Internetprovider sollten damit anfangen, IPv6 in der gleichen Infrastruktur anzubieten, wie sie es bisher mit IPv4 getan haben. Wenn wir die Implementierung von IPv6 nicht vorantreiben, dann wird das Internet in IPv4- und IPv6-Inseln zerfallen, die nicht miteinander verbunden sind.

Viele sehen als Stärke des Internets, dass es im Netz scheinbar keine Regeln gibt. Sollte das Netz nicht dennoch reguliert werden?
Das ist ein heikles Thema, wenn Zensur als politische Waffe eingesetzt wird. Damit werden demokratische Prinzipien unterlaufen wie etwa die Redefreiheit. Der Fokus von Gesetzesinitiativen sollte auf den Kriminellen selbst liegen und nicht auf der Infrastruktur der Provider. Meist wird von Providern nicht erwartet, Gesetzesvollstrecker zu sein, obwohl das Digital Millennium Copyright Act fordert, dass Provider Inhalte löschen sollen, die als illegal identifiziert wurden. Dabei sind sie häufig abhängig von ihren Nutzern, weil diese solche illegalen Inhalte erst entdecken.

Häufig ist den Internetnutzern gar nicht bewusst, welche Inhalte illegal sind, und sie verstoßen gegen das Urheberrechtsgesetz.
Die Copyright-Problematik entsteht doch dadurch, dass das Netz durch Kopieren funktioniert. Ein Browser kopiert eine Datei von einem Webserver und interpretiert sie dann für die Darstellung im World Wide Web. Copyright hat historisch immer so funktioniert, dass der Vertrieb von Werken in physischer Form wie Bücher, CDs, DVDs, Magazine, Zeitungen, Videokassetten oder LPs kontrolliert wurde. Digitale Informationen können nun mal leicht kopiert und verteilt werden. Dadurch entsteht ein Problem mit dem herkömmlichen Urheberrecht.

Wie kann dieses Problem gelöst werden?
Viele Produzenten wollen ihre Information auf flexibleren Wegen teilen, als es traditionelle Urheberrechte erlauben. Die „Creative Commons“- und „Copyleft“-Ideen sind beispielsweise Versuche, die Optionen für Produzenten und Rechteinhaber zu erweitern. Es bedarf noch mehr kreativen Denkens unter Technikern und Regierungen, um Alternativen zu den aktuellen und antiquierten Urheberrechten zu entdecken, die eben nicht im Universum des Internets funktionieren.

Google interpretiert das Urheberrecht gerade auf seine Weise und scannt gerade Tausende von Büchern. Deutsche Verlage sehen darin eine Gefahr und protestieren gegen dieses Verfahren.
Die Debatte dreht sich letztlich nur um Bücher, die vergriffen sind, an denen aber möglicherweise noch jemand Rechte hat. Es ist manchmal schwer herauszufinden, ob und wer die Rechte noch hat. Google und andere wollen einen Weg finden, diese Bücher den Internetnutzern bekannt zu machen. Das ist nicht das Gleiche, wie den kompletten Inhalt ins Netz zu stellen. Indizieren hilft den Leuten, interessante Bücher besser zu finden.

Die Fragen stellten Marco Dettweiler und Roberto Zicari

Quelle: FAZ.NET

 
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