28.12.2007 · Computerspiele haben Hochkonjunktur und mit ihnen Europas größte Fachmesse in Leipzig, die Games Convention. Andere Städte wollen die Schau abwerben.
Von Christian GeinitzZu den Lieblingsgeschenken unter den deutschen Weihnachtsbäumen gehören in diesem Jahr wieder Video- und Computerspiele. Zwar liegen noch keine verlässlichen Verkaufszahlen vor, aber klar ist, dass kaum eine andere elektronische Branche so schnell wächst wie diese. Schon im ersten Halbjahr verzeichnete der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) einen Anstieg im Absatz von PC-Spielen, Konsolen und sogenannten Handhelds um 8 Prozent auf 21,3 Millionen Stück. Der Umsatz nahm sogar um 17 Prozent auf 550 Millionen Euro zu, da die Branche den Durchschnittspreis um 8 Prozent auf fast 26 Euro anheben konnte.
Der Boom ist ungebrochen: Hatte der Gesamtumsatz 2006 noch etwa 1,12 Milliarden Euro betragen (plus 7 Prozent), so rechnen die Fachleute von Pricewaterhouse-Coopers in ihrem „German Entertainment and Media Outlook“ bis 2010 mit einer Verdopplung des Marktvolumens auf 2,6 Milliarden Euro. Der BIU nennt seine Branche „das am stärksten wachsende Segment der Medienwirtschaft“ und verkündet stolz, dass die Umsätze inzwischen höher seien als an den Kinokassen.
Leitmesse in Europa
Mit der Branche hat auch ihre Messe einen raketenhaften Aufstieg genommen, die Games Convention (GC) in Leipzig. „Keine andere Messe in Deutschland wächst so schnell wie unsere GC“, sagt der Leipziger Messechef Wolfgang Marzin. 2002 begann die Computerspiele-Messe mit nur 166 Ausstellern und 80.000 Besuchern auf 30.000 Quadratmetern Fläche. 2007 waren es schon 503 Aussteller, 185.000 Besucher und 115.000 Quadratmeter. Innerhalb kürzester Zeit hat sich die GC damit nicht nur zur Leitmesse in Europa entwickelt, sondern neben der Tokyo Game Show sogar zur wichtigsten Publikums- und Fachbesuchermesse der Welt. Um den asiatischen Markt zu erreichen, hat die GC einen Ableger in Singapur eröffnet, der 2007 immerhin 70.000 Besucher anzog.
Auf Europas größter Videospiel-Messe in Leipzig zeigen die Hersteller jede Menge „Casual Games“. Von ihnen erhofft sich die Hersteller die nächsten Profite.
Im kommenden Jahr, zwischen dem 20. und 24. August, wird in Leipzig - natürlich - ein neuer Rekord erwartet. Doch so recht freuen können sich die Sachsen darüber nicht, da ihnen immer mehr Messeplätze das Erfolgsmodell abspenstig machen wollen. Zuletzt warf Berlin seinen Hut in den Ring und kündigte an, man sei der bessere Standort für die immer internationaler werdende Branche. Zuvor hatten schon Köln, Hamburg, München und Frankfurt ziemlich unverhohlen versucht, die GC abzuwerben. Als Argument führen sie zum einen an, dass Leipzig kein Standort der Spiele-Industrie sei, anders etwa als Köln mit Electronic Arts (EA), München mit Microsoft oder Frankfurt mit seinen Entwicklern. Zum anderen sei Leipzig über seinen Provinzflughafen zu schlecht international angebunden und verfüge über zu wenige Hotelbetten für eine echte Weltmesse.
„Die Schwierigkeiten werden herbeigeredet“
Marzin hält dagegen. Bisher sei noch jeder Interessent nach Leipzig gelangt und dort untergekommen; die Reaktionen der Aussteller und Gäste seien durchweg positiv. Zudem seien die Kosten für die Unternehmen und ihre Kunden viel niedriger als an den Konkurrenzstandorten und machten Leipzig deshalb für die junge Branche interessant. „Die Schwierigkeiten werden herbeigeredet“, sagt er. „Niemand von unseren Wettbewerbern kann mir erklären, warum die Messe schneller wächst und erfolgreicher ist als alle anderen, wenn sie angeblich so viele Probleme hat.“ Ihn ärgert vor allem, dass die anderen Gesellschaften so tun, als könnten sie die GC abwerben. „Idee, Konzeption und Name gehören uns, die kann man uns nicht nehmen. Das wäre so, als wenn jemand Coca-Cola herstellen wollte, weil sie sich so gut verkauft.“
Formal ist das richtig, faktisch hängt alles davon ab, ob sich der BIU weiter zu Leipzig bekennt. In der Interessenvertretung sind 12 Unternehmen organisiert, die 80 Prozent des Marktes dominieren, neben EA und Microsoft auch Nintendo, Sony, Atari oder Konami. Mit ihrer Teilnahme steht und fällt jede Messe, egal wo sie stattfindet und welchen Namen sie trägt. Schon Mitte Januar, so heißt es, will der Verband eine erste Vorentscheidung treffen, ob der Vertrag mit der Messe Leipzig über 2008 hinaus verlängert wird. "Wir sind mit der Games Convention in Leipzig sehr zufrieden und sehen im Augenblick keinen Grund für eine Standortdiskussion", erklärt BIU-Geschäftsführer Olaf Wolters seit längerem. Man werde den laufenden Vertrag in jedem Fall erfüllen und sich „zu gegebener Zeit mit der Leipziger Messegesellschaft zusammensetzen, um über die Zukunft unserer Branchenmesse zu sprechen“.
Dort, in Leipzig, setzt man alle Hebel in Bewegung, um die Messe zu halten, denn sie gehört zu den wenigen überregional bedeutsamen und lukrativen Leistungsschauen. „Ich bin sicher, dass wir auch 2009 die GC ausrichten werden“, sagt Marzin zuversichtlich. Offenbar ist man notfalls bereit, die GC unter dem alten Namen und in bewährter Aufmachung anderswo abzuhalten, etwa als Wandermesse. Nichts wäre für die Sachsen schlimmer, als die GC just in dem Moment zu verlieren, in dem es der Messegesellschaft endlich bessergeht. 2007 stieg der Umsatz der elftgrößten deutschen Messe um 6 Prozent auf einen Rekord von 76 Millionen Euro; seit 2003 betrug die Steigerung 28 Prozent. Damit sei man stärker gewachsen als der Markt und jede andere Messegesellschaft, sagt Marzin. Wichtiger noch: „Für 2007 und 2008 brauchen wir erstmals keine Zuschüsse unserer Gesellschafter mehr, der Stadt Leipzig und des Freistaats Sachsen“, kündigt er an. „Das ist auch ein Erfolg der Games Convention.“
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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