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Twitter Zwitscher dir einen!

12.08.2008 ·  Bloggen auf 140 Zeichen! Unnötige Zeitverschwendung oder unverzichtbares Kommunikationsmittel? Die Amerikaner mögen das Web 2.0-Spielzeug Twitter jedenfalls. Nun fangen deutsche Internetnutzer an, den Micro-Blogging-Dienst lieben zu lernen.

Von Stefan Herber
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Was haben die Web 2.0-Wellen in den vergangenen Jahren nicht alles aus dem Internet vor die Füße der aufmerksamen Nutzer geschwemmt: soziale Software wie Blogs, Wikis, Videoportale und Online-Netzwerke. Darunter waren aber auch scheinbar nutzlose Spielereien, nach deren Sinn viele experimentierfreudige User immer noch vergeblich suchen. In den Vereinigten Staaten hat im letzten Jahr der Micro-Blogging-Dienst Twitter für Wirbel gesorgt. Mittlerweile fegt der Sturm über Deutschland.

Micro-Blogging ist wie Bloggen, nur mit einer begrenzten Anzahl von Zeichen. Im Falle von Twitter sind es genau 140 Tastenschläge, die dem registrierten Nutzer zum „twittern“ zur Verfügung stehen. Die Kurznachrichten, „Tweets“ genannt, können über verschiedene Wege an Freunde oder an die gesamte Twitter-Community kommuniziert werden. Dabei spielt es keine Rolle, über welchen Kanal die Nachrichten versendet oder empfangen werden. Die Kommunikation ist möglich über die Twitter-Website, Desktop-Applikationen, per RSS-Feed, Instant Messenger oder unterwegs via Handy.

Wie bei vielen Web 2.0-Anwendungen hat auch bei Twitter jeder User sein eigenes Profil. Auf diesem laufen die selbstverfassten Tweets, ähnlich wie bei einem Weblog, chronologisch ein und können fortan von anderen Nutzern eingesehen und kommentiert werden. Nach dem Login öffnet der Benutzer eine Übersichtsseite, auf der ausschließlich die neusten Beiträge der von ihm abonnierten Twitter-Freunde angezeigt werden und ihn über das aktuelle Geschehen in seinem persönlichen Netzwerk informieren. Ob man sich die Tweets nun auch tatsächlich aufs Handy kommen lassen möchte, kann der Nutzer selbst entscheiden.

Bring es auf den Punkt!

Eines haben alle Tweets gemeinsam: die Information muss knapp sein. Durch die vorgegebene Zeichenlänge ist der Nutzer gezwungen, sich kurz zu fassen und seine Nachricht auf den Punkt zu bringen. Getwittert wird, was geht. Also fast alles: Entdeckungen im Internet, Links, Empfehlungen, aber häufig auch Banalitäten wie „Sitze mit einem Teller Spaghetti vorm Fernseher“. Spätestens bei solchen gehaltlosen Sätzen stellt sich die Frage, wer sich für so etwas interessiert. Offensichtlich sind jede Menge Leute dazu bereit, solche Dinge über andere Menschen zu erfahren: Twitter verzeichnet derzeit über 2.200.000 registrierte Benutzer.

Darunter sind einige Süchtige, die nicht mehr vom Twittern lassen können. Benedikt Köhler, Sozialwissenschaftler und ebenfalls aktiver Twitterer, hat für die Beliebtheit der neuesten Web 2.0-Anwendung eine Erklärung: „Wenn man eine genügend große Anzahl von Kontakten hat, passiert ständig etwas“. Aus einem „globalen, sehr heterogenen Aktivitätsfluss“ ziehe sich der Benutzer ausschließlich die Themen, die ihn interessieren. Die Möglichkeit zur Aktivität könne somit kurze Pausen ebenso wie längere Perioden des Nichtstuns spielend füllen. Daniel Rehn, Student an der Hochschule Darmstadt und leidenschaftlicher Twitterer, kennt dieses Gefühl allzu gut: „Wenn ich mir ansehe, wie viele Tweets ich in knapp sechs Monaten fabriziert habe, dann könnte man durchaus auf die Idee kommen, ich würde nichts anderes tun. Ein paar meiner Kommilitonen sehen das tatsächlich so“.

Eben mal Gassi gehen

Student Rehn glaubt, dass es Privatleuten beim Twittern vor allem um den „ungezwungenen Dialog als Ausgleich zum Berufsleben“ geht. Dabei ist es eher nebensächlich, ob jemand darauf reagiert, „dass ich mal eben Gassi gehe oder meine Topfpflanze das Wochenende nicht überlebt hat. Wenn man seine Freunde, Bekannten oder eventuell auch Geschäftskollegen über diesen Weg erreichen kann, dann ist der Nutzer im Grunde schon zufrieden“.

Dabei liegt der Personenkreis, die anfangs den Dienst nutzen, längst nicht mehr bei internet- und technikbegeisterten Männern zwischen zwanzig und vierzig Jahren. „Mittlerweile hat sich das Feld geöffnet und man findet zum Beispiel auch Winzer auf Twitter, die aus dem Weinberg berichten, oder Restaurantbesitzer, die aus der Küche twittern. Auch einige US-Kongressabgeordnete nutzen diesen Dienst bereits“, so Köhler gegenüber FAZ.NET.

Auf Twitter ist Obama immerhin Vize

Selbst der amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama twittert bereits, seine Einträge werden von Usern des Twitter-Universums mit am häufigsten gelesen. Auch Unternehmen, Medieninstitute und Organisationen wie die Deutsche Bahn, Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen Österreich sehen in dem Micro-Blogging-Dienst zunehmend eine praktische Ergänzung zu ihrer Arbeit. Twitter dient hier als zusätzlicher Kommunikationskanal, um Kunden oder Zielgruppen zu erreichen und zu informieren. Während zum Beispiel die Deutsche Bahn über die Nachtarbeiten am Bahnübergang in Bonn informiert, berichten die österreichischen Ärzte ohne Grenzen etwa über ihre Tätigkeiten in Krisengebieten.

Auch Harald Mayer, Online-Verantwortlicher bei Ärzte ohne Grenzen Österreich, sieht in Twitter „eine praktische Ergänzung zu anderen Kommunikationstools wie Websites oder RSS-Feeds“ und „einen schnellen, unmittelbaren Zugang zur interessierten Öffentlichkeit“. Seit Dezember 2007 twittert die Hilfsorganisation nun und erfreut sich über eine stetig wachsenden Leserschaft. Zwar befinde sich das ganze noch „in einer Experimentierphase“, dennoch sieht Mayer eine Zukunft in dem Micro-Blogging-Dienst.

Wie sich mit Twitter Geld verdienen lässt

Hinter der steigenden Beliebtheit solcher Dienste stecken aber auch zunehmend finanzielle Interessen von Unternehmen. So rechnet sich die Mobilfunkindustrie durch die wachsende Zahl der mobilen Nutzung von mobilen Software-Diensten neue Marktchancen aus. Laut einer Studie Informa Telecoms nutzten allein im Frühjahr dieses Jahres weltweit über 50 Millionen Menschen Twitter und Co. Das sind immerhin 2,3 Prozent aller Handynutzer. In der Studie wird prognostiziert, dass bis zum Jahr 2012 mindestens 12,5 Prozent und bis zu 23 Prozent der Mobiltelefonierer in der ganzen Welt derartige Angebote nutzen werden. Der Gesamtumsatz in diesem Bereich würde im Jahr 2012 zwischen 28,9 Mrd. und 52 Mrd. Dollar liegen.

Aber auch Privatleute können finanziell von Twitter profitieren. Ganz nach dem Vorbild des Verkaufs von Webadressen haben viele Nutzer beliebte Namen registriert, um diese dann - etwa in einer Ebay-Versteigerung - verkaufen zu können. Bis Anfang Mai waren bis auf Daimler noch sämtliche Adressen der DAX-30-Unternehmen frei, wie das Adplace-Blog berichtete. Inzwischen sind sie allerdings restlos vergeben.

Interessante Links zu Twitter:

Über welche Themen aktuell am meisten getwittert wird, erfährt man auf TweetVolume. Nutzersuche, die Top-100 Twitterer und der aktuelle Stand an Twitter-Usern kann man im TwitDir nachlesen. Im Twitter Fan Wiki findet sich eine Umfassende Sammlung von Diensten und Clients rund um Twitter.

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