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Twitter Massenphänomen ohne Geschäftsmodell

18.06.2009 ·  Twitter ist in kürzester Zeit zum neuen Liebling der Internetbranche aufgestiegen und mittlerweile mehr als ein Forum für Banalitäten. Spätestens seit den Wahlen in Iran ist die politische Relevanz der Mikrobotschaften unumstritten.

Von Roland Lindner, New York
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Biz Stone fühlt sich geschmeichelt. „Es beschämt einen, wenn man denkt, dass unser zwei Jahre altes Unternehmen eine so wichtige Rolle spielt, dass Mitglieder des Außenministeriums einen Weg finden, um unsere Bedeutung zu unterstreichen“, sagte der Mitgründer der amerikanischen Online-Gemeinde Twitter. Zuvor hatte das Unternehmen auf Bitte eines Angestellten des Ministeriums geplante Wartungsarbeiten auf seiner Internetseite verschoben, um den Kommunikationsfluss in Iran nicht zu unterbrechen. Denn Twitter hat sich dort zu einer der populärsten Kommunikationsplattformen entwickelt und ist damit auch zu einer wichtigen Informationsquelle über die Unruhen nach den Wahlen für die westliche Welt geworden.

Den direkten Draht zur amerikanischen Regierung hat Twitter indessen schon länger: Auf Einladung des Außenministeriums war Jack Dorsey, ein weiterer Mitgründer von Twitter, zusammen mit einigen anderen Technologiemanagern auch schon im Irak und pries dort die Möglichkeiten seines Dienstes an.

Neuer Liebling der Internetwelt

Twitter, ein Forum für Mini-Botschaften, die in Echtzeit ausgetauscht werden, ist in kürzester Zeit zum neuen Liebling der Internetwelt aufgestiegen und eines der größten Phänomene seit dem Erfolg von Online-Gemeinden wie Facebook und Myspace geworden. Wie bei Facebook und Myspace geht es um die Kommunikation zwischen Nutzern, nur in sehr knapper Form. Die einzelnen Nachrichten dürfen nicht mehr als 140 Zeichen haben, daher beschreibt sich Twitter auch als „Mikroblog“.

Twitter, Facebook, Xing: Das Internet und seine Communities sind ein einziger Kindergarten, findet Peter Richter. Deshalb ist er ab sofort dabei. Als Kindergärtner.

Zu einem Massenphänomen auf der ganzen Welt ist Twitter erst in diesem Jahr geworden, entstanden ist der Dienst aber schon im Jahr 2006. Twitter war eine Idee von Jack Dorsey und zunächst nur ein Nebenprojekt in einem Unternehmen, das auf Online-Informationsprogramme (Podcasts) spezialisiert war. Die ersten größeren Erfolge gab es 2007, als die Besucher von Großveranstaltungen wie Musikfestivals Twitter zum Austausch über einzelne Bands nutzten. Der Dienst verbreitete sich von da an immer schneller, und Twitter wurde ein eigenes Unternehmen. Prominente Nutzer wie Britney Spears und Barack Obama halfen dabei, die Popularität weiter zu steigern. In diesem Jahr sind die Nutzerzahlen regelrecht explodiert: Nach Zahlen des Marktforschungsinstituts Comscore hatte Twitter im April 32 Millionen Besucher, im März waren es noch 19 Millionen und im Februar weniger als 10 Millionen.

Plattform mit einem breiten Spektrum

Twitter hat sich zu einer Plattform mit einem breiten Spektrum entwickelt, die Banalitäten genauso einen Platz bietet wie Nachrichten über aktuelle politische Ereignisse. Viele „Twitterer“ nutzen den Dienst, um über Kleinigkeiten aus ihrem Alltag zu erzählen. Daneben ist Twitter aber auch ein Instrument für den Austausch ernsthafter und berufsrelevanter Informationen geworden. Nutzer beantworten sich untereinander Fragen und verweisen mit Internetlinks auf relevante Seiten. So tauschen sich Ärzte über Behandlungsmethoden aus, und es gibt Beispiele von Operationen, deren Fortgang in Echtzeit über Twitter verbreitet wurde.

Auch viele Unternehmen haben Twitter für ihre Zwecke entdeckt. Die Kaffeekette Starbucks und der Computerhersteller Dell nutzen den Dienst beispielsweise zur Kontaktpflege mit Verbrauchern und auch für Geschäfte. Von Dell hieß es kürzlich, die Präsenz bei Twitter habe dem Unternehmen auf direktem Weg Transaktionen mit einem Umsatzvolumen von 3 Millionen Dollar beschert.

Noch keine nennenswerten Umsätze

Twitter selbst kann indessen noch keine nennenswerten Umsätze für sich verbuchen und tut sich schwer damit, seine Popularität zu Geld zu machen. Bislang gibt es noch kein echtes Geschäftsmodell. Für die Nutzer ist Twitter umsonst. Das Unternehmen hat bislang erst zaghafte Versuche unternommen, Umsätze zu erzielen. So wurde vor wenigen Monaten auf Twitter ein Forum zur Kommunikation zwischen Managern gestartet, das vom Softwarekonzern Microsoft finanziell unterstützt wird. Das Management um Biz Stone, Jack Dorsey und den Vorstandsvorsitzenden Evan Williams hält sich bislang zu etwaigen Plänen bedeckt, wie das Unternehmen künftig Einnahmen erzielen will. Denkbar wären zum Beispiel Nutzergebühren oder Werbung. Fred Wilson, einer der Investoren von Twitter, deutete in dieser Woche auf einer Konferenz an, dass das Unternehmen eine Art von Bezahlmodell finden müsse.

Twitter mangelt es nicht an Geldgebern. Das Unternehmen aus San Francisco hat bislang von Investoren insgesamt 55 Millionen Dollar eingesammelt. Auch gibt es immer wieder Übernahmespekulationen. Die Online-Gemeinde Facebook soll im vergangenen Jahr 500 Millionen Dollar für Twitter geboten haben, in jüngster Zeit wurden der Internetkonzern Google und der Computer- und Elektronikhersteller Apple als Interessenten gehandelt. Die Twitter-Gründer haben jedoch verlauten lassen, das Unternehmen solle unabhängig bleiben.

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