17.09.2009 · Twitter ist eine der größten Erfolgsgeschichten aus der Internetbranche in der jüngsten Zeit. Aber ist das amerikanische Unternehmen eine Milliarde Dollar wert? Davon ist plötzlich die Rede.
Von Roland LindnerTwitter ist eine der größten Erfolgsgeschichten aus der Internetbranche in der jüngsten Zeit, aber ist das amerikanische Unternehmen eine Milliarde Dollar wert? Nach einem Bericht des Technologieblogs „Techcrunch“ steht Twitter kurz davor, 50 Millionen Dollar von Investoren einzusammeln. Die Finanzierungsrunde würde das Unternehmen aus San Francisco insgesamt mit einer Milliarde Dollar bewerten. Damit hätte sich der Wert von Twitter sehr schnell erhöht: Die jüngste Investition von 35 Millionen Dollar im Februar dieses Jahres setzte Branchenschätzungen zufolge eine Bewertung von 250 Millionen Dollar an.
Aber Twitter hat in diesem Jahr einen rapiden Aufstieg hingelegt, die Nutzerzahlen sind in den vergangenen Monaten regelrecht explodiert. Im Juli haben nach Angaben des Marktforschungsinstituts Comscore in aller Welt fast 52 Millionen Besucher die Seite genutzt, in den ersten Monaten des Jahres waren es noch weniger als 10 Millionen. Twitter ist auf dem besten Weg, zu einem ähnlichen Massenphänomen zu werden wie das soziale Netzwerk Facebook.
Williams und Stone sind Serienunternehmer
Twitter (englisch für „zwitschern“) ist ein Forum für Mini-Botschaften. Im Prinzip geht es wie bei Facebook um die Kommunikation zwischen Nutzern, nun in sehr knapper und prägnanter Form. Die einzelnen Einträge dürfen nicht mehr als 140 Zeichen haben, daher nennt sich Twitter auch „Mikroblog“. Twitter ist zu einer Plattform mit einem breiten Spektrum geworden, das Banalitäten genauso einen Platz bietet wie dem ernsthaften Austausch von Ideen oder Nachrichten über aktuelle Ereignisse. Nutzer erzählen von kleinen Alltagsbegebenheiten, beantworten sich Fragen oder verweisen mit Internetlinks auf interessante Geschichten. Unternehmen wie der Computerhersteller Dell oder die Kaffeekette Starbucks nutzen den Dienst zur Kontaktpflege mit Verbrauchern und auch für Geschäfte. Twitter wird auch mehr und mehr zum Ort, an dem zuerst Meldungen über nachrichtliche Ereignisse auftauchen. So war die Nachricht über den Amoklauf im fränkischen Ansbach am Donnerstag zuerst bei Twitter zu sehen.
Die prominentesten Köpfe hinter Twitter sind der Vorstandsvorsitzende Evan Williams und Kreativdirektor Isaac „Biz“ Stone. Williams und Stone treten am häufigsten in der Öffentlichkeit in Erscheinung, der eigentliche Erfinder ist aber Jack Dorsey, der bis zum vergangenen Jahr den Posten als Vorstandschef hatte und mittlerweile als Vorsitzender des Verwaltungsrats mehr im Hintergrund bleibt.
Sowohl der 37 Jahre alte Evan Williams als auch der 35 Jahre alte Biz Stone sind Serienunternehmer. Williams, der aus dem ländlichen amerikanischen Bundesstaat Nebraska stammt, hat im Jahr 1999 das Unternehmen Pyra Labs mitgegründet, das zu einem Vorreiter bei Online-Tagebüchern oder Blogs wurde. Im Jahr 2003 verkaufte er Pyra Labs an den Internetkonzern Google. Er wechselte zunächst mit zu Google und holte dort nach einiger Zeit Biz Stone an Bord. Der in Boston geborene Stone hatte sich in der Bloggerszene zuvor als Mitgründer des Dienstes Xanga einen Namen gemacht.
Twitter fehlt ein Geschäftsmodell
Im Jahr 2005 verließen Williams und Stone Google, um ein neues Unternehmen zu gründen, das auf Online-Informationsprogramme (Podcasts) spezialisiert war. Hier entstand Twitter, erst als Idee von Jack Dorsey und zunächst als Nebenprojekt. Nach einem langsamen Start im Jahr 2006 feierte Twitter im Jahr 2007 seinen Durchbruch auf Großveranstaltungen wie Musikfestivals, wo sich Nutzer über einzelne Bands austauschten. Von da an verbreitete sich Twitter immer schneller, auch weil Prominente von Britney Spears bis Barack Obama anfingen, den Dienst zu nutzen.
Bei aller Begeisterung hat Twitter aber ein großes und bisher ungelöstes Problem: Twitter hat noch kein wirkliches Geschäftsmodell und erzielt keine nennenswerten Umsätze (siehe Twitter: Massenphänomen ohne Geschäftsmodell). Es gehört zu den bevorzugten Spekulationsobjekten in der Internetszene, wie Twitter seine Popularität in Geld ummünzen will. Biz Stone sagte vor wenigen Wochen in einem Interview, Twitter arbeite an gebührenpflichtigen Premiumdiensten für Unternehmen. So könne Twitter Unternehmen zum Beispiel Analyseinstrumente zum Verhalten von Nutzern auf der Seite anbieten. In der vergangenen Woche schrieb Stone außerdem in einem Blog-Eintrag, Twitter wolle sich die Tür offen halten, Werbung zu schalten.
Twitter ist nicht die einzige Online-Gemeinde, die mit einem Milliardenbetrag bewertet wird. Facebook bekam in diesem Jahr eine Finanzspritze der russischen Internetholding Digital Sky Technologies, die den Wert des Unternehmens bei 10 Milliarden Dollar ansetzte. Freilich ist Facebook schon etwas weiter als Twitter, was Ideen für Einnahmequellen betrifft. Facebook verkauft unter anderem Werbung auf seiner Seite, dürfte in diesem Jahr einen Umsatz von 500 Millionen Dollar erzielen und arbeitet nach eigenen Angaben inzwischen profitabel.