Mike Lazaridis liebt Klatschspalten. Der Gründer und Vorstandschef von Research in Motion (RIM), dem Hersteller des Blackberry-Mobiltelefons mit E- Mail-Funktion, verfolgt genau, wenn in der Presse Fotos von Prominenten mit dem Gerät in der Hand erscheinen. Und so legt er im Gespräch fast kindliche Begeisterung an den Tag, wenn er sagt: „Gestern war doch ein Bild von Paris Hilton mit einem Blackberry in der Lokalzeitung, nicht wahr?“ Oder wenn er stolz bemerkt: „In Europa stolpere ich in letzter Zeit ständig über Fotos von Promis aus dem Showgeschäft, Sportlern oder Politikern mit einem Blackberry.“
Derlei kostenlose Werbung ist extrem wertvoll für ein Unternehmen von überschaubarer Größe wie RIM, das mit kapitalkräftigen Giganten wie Nokia, Motorola oder Microsoft konkurriert. Blackberry ist der Pionier unter den mobilen E-Mail-Diensten und bis heute klarer Marktführer, aber immer mehr andere Unternehmen entdecken das lukrative Geschäft für sich. Neben kleineren Spezialisten wie Palm finden sich auch zunehmend große Adressen aus der Technologiebranche im Markt. Bisher hat RIM noch alle Attacken von Wettbewerbern abgewehrt.
Ein wahres Kursfeuerwerk
Mit seinem Quartalsbericht vor knapp zwei Wochen hat das Unternehmen aus dem kanadischen Waterloo sogar seine Ausnahmestellung unterstrichen. Nach guten Zahlen und einem noch besseren Ausblick hat RIM an der Wall Street ein wahres Kursfeuerwerk erlebt, der Aktienkurs legte an einem Tag fast 20 Prozent an Wert zu. Dieser Sprung machte auch Lazaridis, der einen Anteil von 6,4 Prozent an RIM hält, auf dem Papier schlagartig um fast 200 Millionen Dollar reicher. Das Unternehmen hat mittlerweile eine Marktkapitalisierung von rund 20 Milliarden Dollar.
RIM hat die Zahl der Abonnenten im abgelaufenen zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2006/2007 (26. Februar) um 705.000 auf 6,2 Millionen gesteigert. Das Unternehmen hat nun doppelt so viele Kunden wie vor einem Jahr. Der Umsatz stieg im vergangenen Quartal um 34 Prozent auf 659 Millionen Dollar, der Nettogewinn legte um 27 Prozent auf 141 Millionen Dollar zu. RIM erzielt somit eine stattliche Nettorendite von mehr als 20 Prozent. Der Höhenflug des Blackberry-Herstellers kam nur wenige Tage nachdem einer der schärfsten Rivalen Palm enttäuschende Zahlen vorgelegt hat und an der Börse mit einem deutlichen Kursrückgang bestraft wurde.
RIM will „gigantischen Markt“ erobern
Für Lazaridis war die Reaktion auf den Quartalsbericht ein Wendepunkt für das Unternehmen wie auch für den gesamten Markt. „Die Wall Street hat jetzt realisiert, daß mobile E-Mail nicht mehr nur eine Nische ist, sondern zu einem gigantischen Markt wird“, sagt er. Lazaridis zeigt sich überzeugt, daß Handys mit E-Mail-Funktion eines Tages zu Allerweltsgeräten werden - ebenso wie es gewöhnliche Mobiltelefone heute sind. „Die Frage ist nur, wann? In einem Jahrzehnt ist es aber bestimmt soweit.“ Der Blackberry gilt bis heute in erster Linie als ein Accessoire für Reiche oder als Arbeitsutensil. Das Gerät wird vor allem von Unternehmen für ihre Mitarbeiter gekauft, daher zahlt ein Großteil der Nutzer nicht selbst für das Produkt. Das erklärte Ziel von RIM und seinen Wettbewerbern ist es aber, Mobiltelefone mit E-Mail-Funktion stärker in die Hände von Endverbrauchern zu bringen.
RIM hat gerade selbst mit einem neuen Produkt einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht. Der Blackberry „Pearl“ zielt so deutlich auf den Endverbraucher ab wie kein anderes Gerät des Unternehmens zuvor. Im Gegensatz zu den vorherigen etwas klobigen Blackberrys ist der „Pearl“ viel kleiner und ähnelt optisch einem gewöhnlichen Handy. Er ist mit einem Preis von knapp 200 Dollar in Amerika (bei einem Zwei-Jahres-Vertrag mit dem Mobilfunkanbieter) erschwinglicher als bisherige Modelle, und er hat konsumorientierte Funktionen wie eine Kamera und einen Musikspieler.
Blackberry stellt sich selbst in den Schatten
Lazaridis beschreibt den „Pearl“ in großen Tönen als einen Sprung in eine neue Dimension: „Die Leute reden oft von einem möglichen Blackberry-Killer, wenn ein Wettbewerber ein neues Gerät bringt. Wenn es einen Killer für die bisherigen Blackberrys gibt, dann sind wir das selbst mit dem Pearl“, sagt er. Die Daten, um diesen Anspruch zu untermauern, sind bislang noch dünn. Das Gerät ist erst seit Anfang September in Amerika auf dem Markt, und RIM weist keine separaten Zahlen für einzelne Modelle aus. Jim Balsillie, der Ko-Vorstandschef von Lazaridis, hat bei einer Telefonkonferenz in der vergangenen Woche lediglich von einem außergewöhnlichen Start gesprochen und gesagt, der Pearl könnte der erfolgreichste Blackberry aller Zeiten werden.
Analysten der Investmentbank Merrill Lynch berichteten kürzlich von einer Stichprobe in zwanzig Handy-Geschäften und sprachen von einer positiven Resonanz. In einigen Läden seien die Geräte ausverkauft gewesen. Ob der Pearl das Zeug dazu hat, eine ähnlich begehrte Konsummarke zu werden, wie dies in den vergangenen Jahren das superflache Telefon Razr von Motorola oder auch der digitale Musikspieler iPod von Apple geschafft haben, muß sich aber erst noch zeigen. In der Branche und von Analysten bekommt das Gerät jedenfalls gute Kritiken.
Der Pearl wird bisher in Amerika ausschließlich von T-Mobile, der amerikanischen Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom, verkauft - ein Exklusivvertrag, der nicht billig gewesen sein dürfte. Noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft werden wohl auch andere Mobilfunkanbieter wie Cingular das Gerät anbieten. In den großen europäischen Ländern und damit auch in Deutschland soll der Pearl noch im Laufe dieses Monats auf den Markt kommen.
Keine Zeit für die Konkurrenz
Der Vorstoß in den Endverbrauchermarkt hat nach den Worten von Lazaridis nichts mit einer etwaigen Sättigung im Geschäft mit Unternehmenskunden zu tun. So würden gerade für das Top-Management oft die neuesten Blackberrys nachgekauft, während die niedrigeren Management-Ebenen die älteren Modelle bekommen. Allmählich würde sich so die Nutzung von Blackberrys in Unternehmen auf immer mehr Mitarbeiter verbreiten, sagt Lazaridis. „Der potentielle Markt im Firmenbereich könnte eines Tages 50 Millionen Menschen erreichen, und davon sind wir heute noch weit entfernt.“ Der Endverbrauchermarkt könnte nach seiner Einschätzung drei- bis viermal so groß sein.
Auch wenn sich Lazaridis mit Blick auf seine Konkurrenz demonstrativ unbesorgt gibt (“Ich schaue nicht über meine Schultern, was meine Wettbewerber hinter mir machen. Dafür habe ich keine Zeit“): Immer mehr Unternehmen versuchen, am explosiven Wachstum mobiler E-Mail-Dienste teilzuhaben. RIM sieht sich dabei bei den Geräten selbst wie auch bei der zugehörigen Software unter Beschuß. Motorola hat vor einigen Monaten ein eigenes E-Mail-Telefon mit dem Namen „Q“ eingeführt, Nokia hat gerade ein Konkurrenzprodukt mit dem Namen „E62“ gestartet.
Lazaridis will Statistiken nicht gelten lassen
Derweil sieht sich RIM bei der Software Unternehmen wie Microsoft gegenüber, auch Nokia hat eine eigene Software für den mobilen E-Mail-Dienst. Zu den Marktanteilen gibt es nicht sehr viele Daten. Nach einer Erhebung des amerikanischen Marktforschungsinstituts Strategy Analytics ist der Anteil des Blackberry am drahtlosen E-Mail-Verkehr in Unternehmen innerhalb der ersten sechs Monate dieses Jahres um 5 Punkte auf 59 Prozent gefallen, auf den folgenden Plätzen werden Nokia, der amerikanische Spezialist Good Technology und Microsoft mit 9, 8 und 7 Prozent geführt. Lazaridis will diese Zahlen nicht gelten lassen (“unsere Kundendateien sprechen eine andere Sprache“), nennt aber alternativ selbst keine konkreten Daten. RIM hat eine etwas komplizierte Beziehung zu seinen Wettbewerbern, die oft gleichzeitig auch Partner sind. So haben zum Beispiel Rivalen wie Nokia, Motorola und Palm Geräte im Programm, die mit der Blackberry-Software arbeiten.
Der Anteil des Geschäfts von RIM außerhalb Nordamerikas am Umsatz liegt bei rund 25 Prozent. Genaue Zahlen für einzelne Länder nennt RIM nicht, Deutschland ist aber nach Angaben des Unternehmens der zweitgrößte Auslandsmarkt nach Großbritannien.