18.04.2006 · Die Sparte Com ist der wichtigste Umsatzbringer von Siemens - nun steht sie offensichtlich vor dem Verkauf an Motorola. Der Elektrokonzern würde nach dieser Roßkur anders aussehen und hätte mit dem Endkunden kaum noch etwas zu tun.
Von Georg MeckSiemens-Chef Klaus Kleinfeld legt Hand an die Wurzeln des Konzerns. Im Jahr 1847 hat Werner von Siemens aus Zigarrenkisten und etwas Kupferdraht einen Zeigertelegrafen konstruiert - das erste Produkt der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Heute wird weltweit jedes dritte Telefongespräch im Festnetz mit Siemens-Technologie vermittelt. So rühmt sich Vorstandschef Kleinfeld.
Die Sache hat nur einen Schönheitsfehler: Die Siemens-Sparte Com, die mit Telefonnetzen und -anlagen knapp ein Viertel des Konzernumsatzes erwirtschaftet, verliert in weiten Teilen Geld. Monat für Monat. Kleinfeld hat deshalb hochrangige Manager losgeschickt, um nach potentiellen Käufern zu fahnden. Jetzt verhandelt Siemens nach Informationen dieser Zeitung mit dem amerikanischen Handy-Hersteller Motorola über den Verkauf des Bereichs. Eine Variante: die Abspaltung der kompletten Sparte mit zuletzt 13 Milliarden Euro Umsatz und 55.000 Mitarbeitern. Zum Stand der Gespräche verweigern beide Konzerne jeden Kommentar.
Siemens Com ist an eigenen Zielen gescheitert
Motorola hat bereits mehrfach bei Siemens angeklopft, um den profitablen und wachstumsträchtigen Geschäftsbereich Mobilfunknetze zu übernehmen. Dieser Perle gilt auch jetzt das Hauptinteresse der Amerikaner. Kleinfeld jedoch ist daran gelegen, im Paket auch die verlustreichen Teile seiner wichtigsten Sparte loszuwerden. Wie schwer und teuer es ist, Käufer für Verlustbringer zu finden, hat der Konzernchef bei den Handys erlebt: Eine halbe Milliarde Euro mußte er drauflegen, damit der taiwanesische Hersteller BenQ die Siemens-Mobiltelefone übernahm.
Mit diesem Notverkauf im vorigen Jahr verlor Siemens Com den ersten wichtigen Baustein. Dabei war die Sparte erst kurz davor neu zusammengewürfelt worden, mit dem Anspruch, die Weltspitze zu erobern. Kleinfeld selbst, damals noch nicht Konzernchef, aber im Vorstand für den Bereich zuständig, hatte das Ziel ausgegeben, Siemens Com werde der größte und beste Ausrüster der Telekom-Industrie. Innovationsführer sowieso.
Großer Verschleiß an Managern
Der technische Fortschritt galoppiert jedoch so schnell, daß der Koloß Siemens nicht mitkommt. Software ersetzt Vermittlungsstellen, Internet-Telefonie attackiert das Festnetz. Ganze Märkte brechen Siemens weg. Der Konzern strich daher Tausende Arbeitsplätze, eine Sparrunde folgte auf die nächste, die Manager in dem Bereich verschlissen sich immer schneller.
Com-Chef Lothar Pauly, 2004 als Hoffnungsträger gestartet, wechselte 2005 in den Vorstand der Deutschen Telekom. Ihm folgte Thomas Ganswindt, der sich schon früher mit mäßigem Erfolg als Sanierer der Netze versucht hatte. Auch der zweite Einsatz endet nun ohne Glanz. Kleinfeld ersetzt ihn zum 1. Mai durch den bisherigen Siemens-Chef in Spanien, Eduardo Montes. Ganswindt sei von vornherein nur als Übergangslösung gedacht gewesen, heißt es jetzt zur Begründung. Genau das hatte der Konzern bis zum Tag der Abberufung bestritten, weswegen intern an der Freiwilligkeit der Rochade gezweifelt wird.
Investoren fordern die Zerschlagung
Ganswindt konzentriert sich nun wieder auf seine - dem Tagesgeschäft entrückten - Aufgaben im Siemens-Zentralvorstand. Eine Strategie für Siemens Com hat er nach Ansicht von Arbeitnehmervertretern nicht hinterlassen. „Es fehlt eine Perspektive: Wo steht Com in fünf Jahren? Welche Produkte, welche Dienste bietet Siemens dann an?“
Gewiß, der technologische Fortschritt setzt auch anderen zu, den Telekom-Gesellschaften als Kunden von Siemens wie dessen Wettbewerbern. Etliche von ihnen sind ganz verschwunden, andere verbünden sich, wie zuletzt Lucent und Alcatel. Das verstärkt den Zwang für Kleinfeld, auch etwas zu tun - nur was? Die Antwort, die Investoren dem Siemens-Chef empfehlen, ist eindeutig: Sie fordern die Zerschlagung des Konzerns.
Markt erwartet sehnsüchtig eine Lösung
Eine „Zellteilung“ verlangt etwa DWS-Fondsmanager Henning Gebhardt: die komplette Trennung vom Bereich Siemens Com, und zwar rasch. „Siemens muß die Sache schnell klären. Im Interesse der Aktionäre wie im Interesse der Sparte“, sagt Gebhardt. „In dieser Branche hat nur eine Chance, wer fit und schnell ist.“ In einem so wuchtigen Konzern wie Siemens sei das eher nicht der Fall. „Die Ergebnisse sind bisher wenig erfreulich.“ Com belaste daher den Kurs der Siemens-Aktie: „Siemens ist immer noch einer der Underperformer im Dax, andere Konzerne mit ähnlichem Tätigkeitsfeld haben sich erheblich besser entwickelt.“
Underperformer - so läßt sich kein Vorstand gerne titulieren. Erst reicht nicht, wenn er wie Klaus Kleinfeld sein persönliches Schicksal an das Erreichen strikter Profitziele geknüpft hat. Acht bis elf Prozent Rendite muß Com demnach bis Ende des Jahres abwerfen. Im ersten Quartal war das Ergebnis nur knapp positiv, das zweite lief offenbar nicht wesentlich besser. Kleinfelds Vorgabe ist in der gesetzten Frist kaum zu schaffen. Und so wartet der Markt sehnsüchtig auf eine Lösung - oder zumindest einen Fingerzeig, wenn der Siemens-Chef am 27. April die Halbjahresergebnisse vorlegt. Aufsichtsräte rechnen damit, daß tags zuvor, bei ihrer nächsten Sitzung, neben den Quartalszahlen auch die Zukunft der Sparte zur Sprache kommt.
Zukünftig kaum noch Endkunden
Kommt es zu dem Verkauf, wird Siemens anders aussehen: ohne die Keimzelle des Konzerns. Ohne den Bereich, in den bisher jeder dritte Euro für Forschung und Entwicklung geflossen ist. Ohne große Kontakte zum Endkunden. Folgerichtig streicht Kleinfeld schon mal die Werbung für die Marke Siemens zusammen. Die Sponsoring-Aktivitäten im Fußball wurden bereits beendet, aus der Formel 1 erwägt der Konzern ebenfalls auszusteigen, bestätigt ein Siemens-Sprecher. Der Vertrag mit McLaren-Mercedes läuft zum Jahresende aus.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,95 | −1,16% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2449 | −0,31% |
| Rohöl Brent Crude | 105,75 $ | −1,03% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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