07.04.2004 · Die überraschende Korrektur der Umsatzprognose beim finnischen Handy-Hersteller Nokia hat juristische Konsequenzen. Eine New Yorker Anwaltskanzlei hat eine Sammelklage gegen den Konzern eingereicht.
Die überraschende Korrektur der Umsatzprognose beim finnischen Handy-Hersteller Nokia hat juristische Konsequenzen. Eine New Yorker Anwaltskanzlei hat eine Sammelklage gegen den Konzern eingereicht.
Die Kanzlei Milberg Weiß Bershad Hynes & Lerach LLP wirft dem Unternehmen Verletzung der amerikanischen Wertpapiergesetze vor. Nokia hatte am Dienstag gemeldet, daß der Umsatz im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent gesunken ist. Zuvor hatte das Unternehmen noch einen Umsatzzuwachs von 3 bis 7 Prozent prognostiziert. An der New Yorker Börse hatte Nokia-Aktie daraufhin 16 Prozent an Wert verloren.
Klage gegen Nokia-Chef und drei Spitzenmanager
Die vor einem New Yorker Gericht eingereichte Klage richtet sich gegen das Unternehmen, außerdem gegen Chief Executive Officer Jorma Ollila persönlich sowie gegen drei weitere Spitzenmanager. Die Kanzlei wirft dem Unternehmen vor, zwischen dem 8. Januar und dem 6. April dieses Jahres eine „Serie wesentlicher Falschangaben“ herausgegeben zu haben, darunter die vormalige Umsatzprognose. Milberg Weiß forderte Aktionäre, die in diesem Zeitraum Anteile des Unternehmens gekauft haben, auf, sich der Sammelklage anzuschließen.
Kanzlei mit Erfahrung bei Sammelklagen
Die im Jahr 1966 gegründete Kanzlei Milberg Weiß ist berüchtigt für Sammelklagen im Namen von Aktionären. Nach eigenen Angaben hat die Gesellschaft, die 190 Anwälte beschäftigt, mehr als 20 Milliarden Dollar erstritten. Zuletzt hat die Kanzlei auch eine Klage gegen den italienischen Lebensmittelkonzern Parmalat eingereicht. Daneben gab es unter anderem Sammelklagen gegen den insolventen Energiehändler Enron oder den Ölkonzern Exxon-Mobil.
Milberg Weiß hat vor einigen Jahren auch Überlebende des Holocaust in Klagen gegen deutsche Unternehmen vertreten. Darüber hinaus wurde das Unternehmen aber auch mit Klagen bekannt, die in der amerikanischen Öffentlichkeit als „frivol“ interpretiert wurden. So hat Milberg Weiß einmal die Popgruppe Milli Vanilli wegen Betrug an den Fans verklagt. Die Gruppe hatte in den achtziger Jahren für einen Skandal gesorgt, als bekannt wurde, daß sie ihre Lieder nicht selbst singen.
Die neue Sammelklage bezeichnet Äußerungen des Nokia-Managements als eine „Serie wesentlicher Falschangaben“. Neben der eigenen Umsatzprognose führt die Kanzlei auch die von Nokia geäußerte Erwartung eines starken Marktwachstums und der eigenen Starken Position im Handy-Markt als Beispiele angeblicher Falschangaben auf.
Erst positive Überraschung, dann schlechte Nachrichten
Anfang Januar hatte Nokia die Märkte positiv überrascht, als das Unternehmen bessere Umsatz- und Gewinnzahlen für das Schlußquartal 2003 ankündigte. Das Nokia-Management hatte seitdem mehrfach von der guten Entwicklung der Handy-Branche gesprochen, ohne jedoch Aussagen über das eigene Unternehmen zu machen.
Ollila sagte Mitte Februar in einem Zeitungsinterview mit Bezug auf die Handy-Branche: Der Optimismus ist definitiv zurückgekehrt. Zwei Dinge geschehen gleichzeitig: Wir haben enormes Wachstum in den Schwellenländern wie China, Indien, Indonesien, Rußland und Brasilien. Gleichzeitig werden die eher gesättigten Märkte von Menschen angetrieben, die auf Farbbildschirme und Kameraphones umsteigen.
Allerdings gab es auch klare Signale, daß nicht alles rund läuft, vor allem in der neuen Sparte Multimedia. „Wir sind wie ein Handy-Hersteller in den Spielemarkt eingestiegen und haben dabei Fehler gemacht, vor allem im Marketing“, sagte Mads Winblad, Vize-Präsident von Nokia-Multimedia, dieser Zeitung während der Computermesse Cebit Mitte März. Zuvor hatte Ollila bereits eingeräumt, daß sich die Spielekonsole N-Gage nicht so gut verkaufe wie erwartet.
Nokia verliert Marktanteile bei Handys
Im Stammgeschäft, den Mobiltelefonen, hatten Berichte von Marktforschern schon eindeutige Rückschlüsse auf die Schwachstelle von Nokia hingewiesen. Der Marktanteil von Nokia ist im vergangenen Jahr von 35 auf 33,6 Prozent gefallen, hatte das Marktforschungsunternehmen IDC errechnet. Im vierten Quartal sank der Anteil sogar auf 33 Prozent (F.A.Z. vom 4. Februar). Bisher hat Nokia die Marke von 40 Prozent als Ziel vorgegeben. Besonders kräftig fiel der Anteilsverlust in Europa aus, wo eher hochwertige Mobiltelefone verkauft werden. In diesem margenstarken Geschäft der Smartphones, in die viele Computerfunktionen integriert sind, hatte Nokia einen Teil seiner Vormachtstellung an Sony-Ericsson verloren.
Das Jahr 2004 wird für Nokia schwierig bleiben, denn im langsam startenden Geschäft mit Telefonen der dritten Mobilfunkgeneration UMTS scheint die Konkurrenz aus Asien wie Samsung oder LG die Nase vorn zu haben.
Banken stufen Nokia nach Umsatzwarnung ab
Als Folge der gesenkten Umsatzerwartung haben mehrere Investmentbanken ihre Kursziele nach unten korrigiert. Credit Suisse First Boston senkte das Kursziel von 20 auf 15 Euro. Zu ihrer Neueinschätzung verweisen die Analysten auf niedrigere Erwartungen für den Nokia-Anteil am Handymarkt.
Das Management bemühe sich zwar, mit 33 neuen Modellen bis zum Jahresende die bestehenden Produktlücken zu schließen. Doch für das zweite Quartal seien nur wenige Neueinführungen geplant, und die kurzfristigen Aussichten deshalb begrenzt. Die Deutsche Bank hat ihre Empfehlung von Kaufen auf Halten und das Kursziel von 21,50 Euro auf 15,60 Euro gesenkt.
Die Warnung lasse ernsthafte Fragen über die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens aufkommen, erläutern die Analysten ihre Neubewertung der Aktie. Die Probleme können ihrer Einschätzung nach frühestens im 2. Halbjahr mit einer Reihe neuer Handymodelle angegangen werden. Im Verlust von Marktanteilen und rückläufigen Margen sehen sie eine beunruhigende Kombination. Das Portfolio des Unternehmens müsse daher dramatisch überholt werden.