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Telekommunikation Kritik an der neuen Strategie von Telecom Italia

12.09.2006 ·  Die Gewerkschaften rufen zum Streik auf, Ministerpräsident Prodi ist „überrschascht“: Mit Ablehnung nahmen die Italiener den Umstrukturierungsplan der Telecom Italia auf. Vor allem ein möglicher Verkauf der Mobilfunksparte an ausländische Investoren erhitzt die Gemüter.

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Der neue Umstrukturierungsplan für Telecom Italia ist von der Börse, der Regierung und den Gewerkschaften mit Enttäuschung und Ablehnung aufgenommen worden. Die Aktiennotierungen der kontrollierenden Holdinggesellschaft Pirelli & C. SpA, die wegen der Spekulationen über eine Kurswende am Montag noch 4,5 Prozent an Wert gewonnen hatten, stürzten am Dienstag vormittag um mehr als 5 Prozent in die Tiefe. Der Handel der Telecom-Aktien, der am Montag ausgesetzt worden war, brachte bei einem leicht abbröckelnden Markt einen Kursverlust von 0,8 Prozent. Dabei soll der in Aussicht gestellte Strategiewandel der Telecom Italia gerade dazu dienen, die Bewertung von Telecom Italia an der Börse entscheidend zu verbessern.

Nach den Plänen, die der Verwaltungsrat des Konzerns beschlossen hat, soll Telecom Italia in den kommenden sechs Monaten in drei Teile aufgespalten werden: Aus dem bisherigen Geschäft mit Festnetz und Breitbandverbindungen soll ein Kommunikations- und Medienanbieter werden. Ein Abkommen mit dem australischen Medienmagnaten Rupert Murdoch und mit anderen Zulieferern soll den Telecom-Kunden über das Telefonnetz Fernsehprogramme, Fußballübertragungen, Musikclips oder eine Auswahl von Videofilmen bieten.

Spekulationen über Verkauf des Mobilfunkgeschäftes

Zugleich werden vom bisher einheitlich geführten Telecom-Konzern zwei Teile abgetrennt: Der Betrieb der lokalen Telefonnetze soll eigenständig werden, womit sich Telecom Italia gegen den Vorwurf mangelnder Transparenz oder der Behinderung der Konkurrenz absichern will. Zugleich könnten in einem zweiten Schritt außenstehende Aktionäre oder halbstaatliche Institutionen am Telefonnetz beteiligt werden.

Außerdem ist geplant, das Mobilfunkgeschäft wieder in ein selbständiges Unternehmen zu überführen – nur ein Jahr nach der Fusion von Telecom Italia mit der Mobilfunkgesellschaft Telecom Italia Mobile. Dabei wird nun lebhaft darüber spekuliert, ob die Abtrennung des Mobilfunkgeschäftes der erste Schritt zum Verkauf ist. Analysten und Ökonomen zeigen sich darüber sicher. Schließlich habe Telecom-Präsident Marco Tronchetti Provera keine andere Wahl, als die Nettoverschuldung des Konzerns von 41 Milliarden Euro durch den Verkauf zu senken.

Telecom-Chef vermeidet Dementi

Zudem sei die Mobilfunksparte im italienischen Markt mit einem nur um 1,1 Prozent auf 5 Milliarden Euro gestiegenen Halbjahresumsatz und einem um 7,5 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro gesunkenen Ertrag vor Zinsen und Steuern (Ebit) am Gipfel ihrer Ertragskraft angekommen. Wegen scharfer Konkurrenz bleibe Telecom Italia ansonsten nur die Alternative, mit niedrigen Preisen Marktanteile zu verteidigen und Ertragskraft zu verlieren oder aber bei schrumpfendem Umsatz die Rendite zu sichern. Fraglich ist dabei aber, ob das Mobilfunkgeschäft wirklich 35 Milliarden Euro an Einnahmen bringen könnte, wie in den italienischen Medien spekuliert wird. Da derzeit die gesamte Gruppe Telecom Italia an der Börse nur 42 Milliarden Euro wert ist und Pirelli daran indirekt nur 18 Prozent besitzt, kostet es weniger, mit dem Kauf von 29 Prozent der Telecom-Aktien die Kontrolle über Telecom Italia zu übernehmen.

Während Telecom Italia offiziell mitteilt, es gebe bisher weder ein Mandat für den Verkauf des Mobilfunks noch irgendwelche Angebote, hat andererseits der Telecom-Chef Tronchetti Provera ein klares Dementi zu den Verkaufsplänen vermieden. In einer Telefonkonferenz mit Finanzanalysten sagte Tronchetti Provera, man befasse sich derzeit damit, die Geschäftsfelder zu trennen; danach werde man damit möglichst „wertorientiert und flexibel“ umgehen.

Gewerkschaften riefen zum Streik auf

Allein die Möglichkeit eines Verkaufs von Telecom Italia Mobile hat in der italienischen Öffentlichkeit entrüstete und besorgte Stimmen auf den Plan gerufen. Dabei wird immer wieder betont, daß mit dem etwaigen Verkauf ins Ausland keine einzige Mobilfunkgesellschaft mehr in italienischer Hand sei. Die drei anderen Unternehmen auf dem Markt werden kontrolliert von Konzernen mit Sitz in Großbritannien, Ägypten und Hongkong. Nun wird in Italien darüber spekuliert, ob der spanische Telefonica-Konzern oder die Deutsche Telekom an Telecom Italia Mobile interessiert sind. Zu den Interessenten werden auch ausländische Investmentfonds gerechnet, allen voran die Gesellschaft Carlyle, zu deren führenden Köpfen ausgerechnet Marco De Benedetti gehört, der ehemalige Mobilfunkchef, der vor einem Jahr bei der Verschmelzung von Mobilfunk und Festnetz seinen Hut nehmen mußte.

Gegen einen möglichen Verkauf des Mobilfunkgeschäftes haben die drei wichtigsten Gewerkschaften Italiens einen Streiktag ausgerufen. „Wir müssen es schaffen, daß Teile des Telefongeschäftes in einem wichtigen Land wie Italien auch in festen Händen in Italien bleiben“, sagte der Vorsitzende der zweitgrößten Gewerkschaft CISL, Raffaele Bonanni. Der Minister für Infrastruktur und frühere Staatsanwalt Antonio Di Pietro kündigte an, seine Koalitionspartei sei für eine umfassende Überprüfung und Neuformulierung aller Mobilfunklizenzen.

Ministerpräsident Prodi überrascht

Gewerkschaften und Politiker zeigen sich aber nicht nur aufgeregt über den etwaigen Verkauf des Mobilfunks, sondern vielmehr darüber, daß der bisherige Koloß aufgeteilt werden soll. Auch die Abtrennung des Festnetzes, die zuvor vom linken Flügel der Mitte-Links-Koalition lanciert worden war, gefällt nun nicht mehr. Nach besorgten und entrüsteten Worten von Politikern aus der zweiten Reihe meldete sich auch Ministerpräsident Romano Prodi zu Wort und sagte, er habe zwar den Telecom-Präsidenten Marco Tronchetti Provera vor zehn Tagen getroffen, sei aber über dessen Pläne nicht informiert worden und nun überrascht. „Die Regierung hat das Recht, informiert zu sein“, fügte Prodi hinzu, mit einem Unterton, der von den italienischen Beobachtern als Drohung gewertet wurde.

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