01.06.2006 · An diesem Donnerstag erfolgt im finnischen Telekommunikationskonzern Nokia eine Zäsur - ein sanfter, öffentlich kaum bemerkter Wechsel. Auf Olli-Pekka Kallasvuo warten als Nachfolger von Jorma Ollila viele Herausforderungen.
Von Robert von LuciusAn diesem Donnerstag erfolgt im finnischen Telekommunikationskonzern Nokia eine Zäsur. Olli-Pekka Kallasvuo bleibt als einziger eines legendären Fünfgestirns übrig, das innerhalb von fünfzehn Jahren aus einem angeschlagenen und außerhalb der Landesgrenzen wenig bekannten Mischkonzerns eines der bekanntesten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt gemacht hat.
Aus diesem Kreis scheidet nun die bis vor kurzem unbestrittene Führungsfigur Jorma Ollila aus: Vierzehn Jahre als Vorstandsvorsitzender, sagt er, seien genug. Als er im vergangenen Herbst den Rückzug zum 1. Juni 2006 bestätigte, beschäftigte das die Finnen über Wochen stärker als jede andere Wirtschaftsnachricht. Dabei hatte Ollila dieses Datum schon vor drei Jahren genannt.
Sanfter Wechsel kaum bemerkt
Jetzt aber scheint der sanfte Wechsel kaum in der Öffentlichkeit bemerkt zu werden. Und Nokia tut das Seine dazu. Kallasvuo hält sich mit öffentlichen Äußerungen über seine Strategie und Pläne weiterhin zurück. Zum Wechsel ist weder eine Feier oder ein öffentlicher Auftritt geplant noch eine strategische Grundsatzerklärung oder ein nostalgischer Rückblick. Ollila, der wie sein Nachfolger strikte Kontrolle schätzt, hatte auch das noch vorgegeben. Er beruft sich auf ein Motto des chinesischen Philosophen Lao Tse: Ein Führer sei dann am besten, wenn Menschen kaum wüßten, daß es ihn gebe. Die Öffentlichkeit kümmerte diese Maxime in den Ollila-Jahren indes wenig, wogegen er sich auch nicht so recht wehrte, und bestimmte die Galionsfigur der "modernen Nokia" zu einem der einflußreichsten Unternehmer der Welt, quasi zum Jack Welch der Telekommunikation - dem legendären früheren Chef des amerikanischen Mischkonzerns General Electric.
Es scheint, als wandele sich das Verhältnis zwischen den beiden nordischen Weltgrößen in der Telekommunikation - Nokia einerseits, die schwedische Ericsson andererseits - nun zum drittenmal innerhalb dieser fünfzehn Jahre. Vor vierzehn Jahren noch war Nokia ein behäbiger Mischkonzern, der vom Streit zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und seinem Kronprinzen zerfressen wurde und dem Absturz nahe war. Damals lehnten Ericsson wie auch schwedische Banken es ab, Nokia zum Spottpreis zu übernehmen.
Eine Legende entstand
Dann kamen Ollila und seine "Fünferbande". Eine Legende entstand, die mit der Konzentration auf die Herstellung von Mobiltelefonen, auf Technologie und Eleganz nicht nur Nokia verwandelte, sondern auch Finnland. Nur fünf Jahre später überholte der Börsenwert des finnischen David den schwedischen Goliath. Nokia dominierte mit mehr als der Hälfte der gesamten Börsenkapitalisierung in Helsinki den heimischen Aktienmarkt. Kurz danach überholte Nokia sogar Motorola als größter Mobilfunkhersteller, wurde unbestrittener Weltmarktführer der drahtlosen Telekommunikation und eine der international bekanntesten Markennamen. Unter Ollila hat sich die Zahl der Mitarbeiter auf 59000 verdoppelt, der Umsatz verzehnfacht, Gewinn und Börsenkurs zeitweise mehr als verhundertfacht.
Der Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieur und Finanzmann Ollila wurde dafür belohnt, nicht nur mit seinem Ansehen und Einkommen, sondern auch mit einer beispiellosen Machtfülle. Er wurde Vorsitzender des Vorstands wie auch des Aufsichtsrates, versehen mit dem Titel Präsident. In den vergangenen fünf Jahren aber lief nicht alles so, wie Ollila es sich erhofft hatte. Der Weltmarktanteil für Handys, der zeitweise 40 Prozent erreicht hatte, brach ebenso ein wie der Gewinn. Nokia verlor an Strahlkraft. Zugleich begann der schrittweise Rückzug von Ollila, der zeitlich aber eher zufällig mit den Problemen zusammenfiel.
Auch noch an die Spitze von Shell
Zunächst übergab er seinem Weggefährten und Vertrauten Kallasvuo im vergangenen September das operative Geschäft und nunmehr auch die Aufgabe als Konzernchef. Ollila behält das Amt als Aufsichtsratsvorsitzender, wird sich aber auf seine vielfältigen anderen Aufgaben konzentrieren. Mit 55 Jahren fühlt er sich noch tatendurstig. Denn ebenfalls an diesem Donnerstag wird er Aufsichtsratsvorsitzender des britisch-niederländischen Energiekonzerns Royal Dutch Shell dazu. Nun wird er nicht mehr fast täglich, sondern nur noch einmal wöchentlich in der Unternehmenskantine in Espoo bei Helsinki auftauchen.
Auch wenn der 52 Jahre alte Kallasvuo Nokia nicht einem plötzlichen Wandel unterziehen wird, Aufgaben warten auf ihn genug. Denn trotz der Konzentration auf den Ausbau von Netzwerken beginnt der ewige Rivale Ericsson, dank wirtschaftlicher Erfolge und der Öffentlichkeitswirksamkeit seines Vorstandsvorsitzenden Carl-Henric Svanberg, wieder mit Nokia gleichzuziehen. Der neue Nokia-Chef will den Trend der vergangenen fünf Jahre umkehren, in denen Marktanteile, Absatz, Gewinnmargen und Börsenkurse so weit sanken, daß die an unaufhörlichen Erfolg Gewohnten von "Talfahrt", "Trauerspiel" oder "dem Gespür der Kälte" sprachen. Zumindest einen wichtigen sichtbaren Wechsel hat er bereits eingeleitet: Er ersetzte den Design-Guru Frank Nuovo, der den Ruf von Nokia in der Formgebung der Produkte stärkte und damit den Siegeszug mit prägte, als die Rivalen noch auf unhandliche und wenig ansehnliche Handys setzten.
Zuletzt Trends verschlafen?
Gerade den Nokia-Designern wurde vorgeworfen, sie hätten zuletzt Trends verschlafen - neben der in vielen Ländern verzögerten Einführung der dritten Mobilfunkgeneration UMTS einer der Gründe für den Rückschlag. Unter dem neuen Formgeber, dem Briten Alastair Curtis, wurde das Design zudem am Firmensitz in Espoo konzentriert.
Kallasvuo wird alles daransetzen, den Umsatz von zuletzt 34,2 Milliarden Euro, den Betriebsgewinn von 4,6 Milliarden Euro und vor allem die Gewinnmarge wieder anzuheben. Dabei spielt der Ausbau von drei Märkten eine wesentliche Rolle: einfache Handy-Produkte für Schwellenmärkte, neue Multimedia-Technologien vor allem in Produktnischen und erweiterte Kommunikation in Unternehmen. Vor allem bei Unternehmen und Geschäftsleuten, die unterwegs einen abhörsicheren Zugang haben wollen, hofft Nokia auf neue Kunden - und damit auf einen gewinnträchtigen Markt. Bei der Entwicklung neuer Technologien und Dienstleistungen von der schnelleren Übertragung von Bildern und Graphiken bis zu elektronischen Spielen setzt Nokia nicht nur auf Unternehmen, sondern auch auf kaufkräftige Privatkunden. Im Massengeschäft schließlich sieht Nokia unter seinem neuen Vorstandschef Olli-Pekka Kallasvuo Ausbaumöglichkeiten in dichtbevölkerten Regionen, wo die unzureichende Festnetz-Infrastruktur den Mobilfunkeinsatz sinnvoll erscheinen läßt, und in bevölkerungsarmen Gebieten von Schwellenländern, in denen der Ausbau von Mobilfunknetzwerken günstiger ist als der von Festnetzen.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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