20.06.2006 · „Ruf mich an!“ Vor allem Sex-Hotlines haben das Bild der Anbieter von telefonischen Servicediensten in der Öffentlichkeit geprägt. Vom 30. Juni an wird die bekannte Vorwahl 0190 abgeschaltet und durch die 0900 ersetzt.
Von Johannes Winkelhage„Ruf mich an!“ Dieser befehlend fordernde Satz aus dem Munde einer leicht bekleideten Domina zu später Stunde im deutschen Fernsehen ist fast schon zum Synonym für eine ganze Branche geworden. Vor allem Sex-Hotlines haben das Bild der Anbieter von telefonischen Service- und Mehrwertdiensten in der Öffentlichkeit geprägt. Auch um dieses etwas schmuddelige Image loszuwerden, wird vom 30. Juni an die bekannte Vorwahl 0190 abgeschaltet und durch die 0900 ersetzt. Damit ändert sich aber mehr als die Tastenfolge auf dem Telefon.
Während die mit 0190 beginnenden Nummern bisher darauf festgelegt waren, minutenbasiert einen Tarif für das gesamte Gespräch abzurechnen, bietet die 0900 - neben weiteren Änderungen - neue Möglichkeiten der Abrechnung. So kann während des Gespräches der Tarif geändert werden und zum Beispiel von einer kostenlosen Verkaufsberatung zu einem kostenpflichtigen Servicegespräch umgestellt werden.
Diese Möglichkeiten sieht Wendelin Meyer-Mölck, der für Vertrieb und Marketing zuständige Geschäftsführer des Mainzer Unternehmens DTMS, als eine der großen Neuerungen in diesem Markt, auf dem sich keineswegs nur die spät in der Nacht werbetreibenden Erotikanbieter tummeln.
Markt für Mehrwertdienste
„Wir sehen in der Branche gerade den Übergang von der Online-Abrechnung, bei der die Gespräche während ihres Verlaufs die Kosteninformationen je Minute an das Rechnungssystem lieferten, zur Offline-Abrechnung. Hier wird der Gesamtpreis des Telefonats erst am Ende aus den unterschiedlichen Service-Komponenten zusammengesetzt, die der Kunde genutzt hat“, erläutert Meyer-Mölck im Gespräch mit der F.A.Z.
So hat DTMS zum Beispiel für den Elektronikversender Conrad ein System aufgebaut, bei dem der Kunde zunächst eine kostenlose Nummer anwählt und dann durch ein sprachgesteuertes Menü geführt wird. Erst danach wird entweder ein Preis für jede weitere Minute - zum Beispiel im Gespräch mit der Reklamationsabteilung - fällig oder es bleibt ein kostenloses Telefonat, wenn es um die Aufgabe einer Bestellung geht. „Wir helfen unseren Kunden, den telefonischen Kontakt zu ihren eigenen Kunden effizient und damit kostengünstig zu gestalten“, beschreibt Meyer-Mölck die Hauptzielsetzung der DTMS.
Der Markt für diese als Mehrwertdienste bezeichneten Telefonangebote erreichte nach Angaben von Branchenkennern im vergangenen Jahr ein Volumen von rund 2,5 Milliarden Euro. Darin sind allerdings auch die Auskunftsdienste mit einem größeren Umsatzanteil enthalten. Allein rund 500 Millionen Euro entfallen nach den Worten von Meyer-Mölck aber zum Beispiel auf die Anrufe, die zu Gewinnspielen oder Bestellsendungen der Fernsehsender geführt werden, die in der Branche auch als Call-Media bezeichnet werden. Bei diesen Anrufen geht es entweder um Gewinnspiele oder auch um die Bestellung wie Klingeltönen für das Handy oder ähnliche Dienste. Abgerechnet wird dann über die Telefonrechnung. Dabei profitieren sowohl Anbieter der Servicenummern wie die DTMS als auch die Sender von diesen Anrufen, die den Kunden meist zwischen 12 und 49 Cent je Minute kosten.
„650mal dieselbe Nummer gewählt“
Zwischen 5 und 7 Prozent des Gesamtumsatzes der privaten Hörfunk- und Fernsehanbieter entfallen nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Goldmedia auf das Geschäft mit den kostenpflichtigen Anrufen. Meyer-Mölck schätzt, daß sich dieser Umsatz in den kommenden Jahren auf rund eine Milliarde Euro verdoppeln wird. „Unser Rekordhalter ist jemand, der innerhalb von 24 Stunden 650mal die Nummer eines solchen Senders angerufen hat, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen.“ Entsprechend hoch war dann natürlich auch dessen Telefonrechnung.
Die DTMS hat im vergangenen Jahr mit 130 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro netto (nach Zuführungsleistungen) gemacht und eine Ergebnismarge vor Steuern und Zinsen von rund 12 Prozent erzielt. Im laufenden Jahr soll der Umsatz bei ähnlicher Ertragskraft auf rund 115 Millionen Euro steigen, erwartet Meyer-Mölck. Das Mainzer Unternehmen gehört inzwischen zu 100 Prozent der Hamburger D+S Europe AG, einem großen Anbieter von Call-Center-Diensten mit 3000 Mitarbeitern und einem erwarteten Umsatz von etwa 330 Millionen Euro im Jahr 2006.
Schwarze Schafe untergraben Vertrauen der Kunden
Als eine Schwierigkeit für die Branche nennt Meyer-Mölck unter anderem die Tatsache, daß immer wieder schwarze Schafe das Vertrauen der Konsumenten in die Service-Angebote der Mehrwertdienste untergraben. So habe zum Beispiel ein Anbieter im Geschäft mit den Handy-Kurzmitteilungen (SMS) massenhaft eine Nachricht mit der Bitte um Rücksendung einer SMS verschickt und dafür hohe Beträge abgerechnet. „Die ganze Branche hat unter diesem Fall gelitten, und auch wir hatten daraufhin einen Einbruch in unserem Geschäft mit Premium-SMS“, ärgert sich Meyer-Mölck.
Auch der Trick mit dem provozierten Rückruf bei einer teuren Nummer durch einen kurzen Anruf auf dem Handy hält er für hochgradig unseriös. „Wenn wir entdecken, daß eine unserer Servicenummern dafür genutzt wird, sperren wir diese sofort“, erklärt er. Immerhin erscheine ja der Name DTMS auf der Abrechnung, die der Kunde erhält. „Die paar tausend Euro sind es nicht wert, den guten Ruf zu riskieren“, betont Meyer-Mölck und fügt hinzu: „Um dies besser unterbinden zu können, wünschte ich mir sogar die Regulierung dieses Bereiches durch die Bundesnetzagentur.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,95 | −1,16% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2449 | −0,31% |
| Rohöl Brent Crude | 105,75 $ | −1,03% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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