02.10.2006 · Die Benq-Pleite zieht Spekulationen über eine Verschwörung nach sich. Doch wahrscheinlich hat schlicht und einfach das Management versagt. Siemens braucht Kontrolle - nicht von der Politik, sondern von den Eigentümern. FAZ.NET-Spezial.
Von Rainer HankWollten Sie nicht ein neues Handy kaufen? Dann achten Sie bitte darauf, daß es von Benq kommt. Denn mit diesem Kauf erwerben Sie nicht nur ein hübsches Mobilfunkgerät. Sie erhalten zugleich auch ein gutes Gewissen. Denn Sie tragen dazu bei, 3000 gefährdete Arbeitsplätze zu sichern.
Der Vorschlag ist kein Erster-Oktober-Scherz. Ihn machte am Samstag in allem Ernst der Leiter der deutschen Benq. Benq heißt jene ehemalige Handy-Sparte von Siemens, die taiwanischen Eignern gehört und in der vergangenen Woche Insolvenz angemeldet hat. Daß jetzt die Verbraucher zu Solidaritätskonsum aufgefordert werden, um eklatantes Versagen von Managern zu kompensieren, ist ganz absurd.
Abenteurliche Verschwörungstheorie
Doch der Vorschlag kann noch überboten werden. Den ersten Preis im Wettbewerb der Absurditäten teilen sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. Sie fordern jetzt eine Untersuchungskommission, die überprüfen soll, ob sich Siemens durch den Verkauf der Handy-Sparte an Benq seiner arbeitsrechtlichen Verpflichtung entledigt hat.
Dahinter steht eine abenteuerliche Verschwörungstheorie, die ungefähr so geht: Siemens hatte immer schon vor, die Handy-Produktion in Deutschland dichtzumachen, scheute aber die hohen Sozialplankosten und suchte sich deshalb einen unbekannten Asiaten, der gegen ein kleines Trinkgeld („Verschrottungsprämie“) das schmutzige Geschäft machen sollte. Das Nachsehen haben die Arbeitnehmer, weil bei BenQ für etwaige Abfindungsforderungen jetzt einfach nichts zu holen ist.
Allzuviel Raffinesse sollte man Siemens nicht zubilligen
Selbst wenn es so unappetitlich zugegangen wäre: Eine Untersuchungskommission - bestehend aus Staatsanwälten und Arbeitsrechtlern? - würde das auch nicht ändern. Unternehmer können ihr Eigentum oder Teile davon verkaufen, an wen sie wollen. Ansprüche, daß ihre Arbeitgeber Rückstellungen für üppige Abfindungsforderungen bilden, haben die Arbeitnehmer nicht. Doch vieles spricht gegen die heute so beliebte Verschwörungstheorie. Siemens hat sich den Verkauf der Han-dys, alles in allem gerechnet, über eine Milliarde Euro kosten lassen und dabei wertvolle Markenrechte verschenkt. Für das Geld hätte man großzügige Sozialpläne finanzieren können, wäre es darum gegangen, die Fertigung plattzumachen. Und der Image-Schaden der Insolvenz fällt, wie man sieht, trotz der Veräußerung auf das Münchner Unternehmen zurück: Bei Siemens, nicht bei BenQ sitzen die Schurken.
Allzuviel Raffinesse sollte man Siemens also nicht zubilligen. In der Debatte um die Handy-Insolvenz geht es eher um das banale Versagen von Top-Managern als um raffinierte arbeitsrechtliche Gaunereien oder die böse Globalisierung. Das ist der eigentliche Skandal. Siemens galt hierzulande immer als Konzern, mit dem man sich sehen lassen konnte. Das hat sich nun geändert. Andere Unternehmen schaffen es, Mobiltelefone profitabel zu produzieren, sogar in Deutschland. Siemens aber konnte die Kundschaft immer weniger von seinen kleinen Funkapparaten überzeugen.
Die Aktionäre könnten sich rächen
Vor diesem Hintergrund stellt sich tatsächlich die Frage, woher die inzwischen zurückgenommene Erhöhung der Vorstandsbezüge bei Siemens um etwa dreißig Prozent ihre Legitimität beziehen sollte. Heinrich von Pierer, der als Aufsichtsratsvorsitzender dafür verantwortlich zeichnet, sagte, es habe in den vergangenen drei Jahren keine Erhöhung gegeben. So simpel würde noch nicht einmal der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters argumentieren. Wollen Top-Manager nicht am Unternehmenserfolg gemessen werden? Sollte sich die Managervergütung nicht besser meritokratisch legitimieren und ihr Niveau an den Knappheitsmärkten für Leistungsträger orientieren?
Heinrich von Pierer, ein Mann, der noch nicht gemerkt hat, daß seine Zeit vorbei ist, hat andere Vorstellungen. Siemens bin ich, heißt seine Devise. Nur er habe die Fähigkeit, die Arbeit der Manager zu beurteilen. Noch nicht einmal dem Kapitalmarkt, gespiegelt im Kurs der Aktie, will Pierer ein Mitspracherecht zubilligen. Das ist dreist, entzieht er damit doch den Eigentümern, also den Aktionären, ihr Recht, die Bezahlung ihrer Angestellten in die Hand zu nehmen. Die Aktionäre könnten sich rächen und ihr Geld anderswo anlegen.
Nicht weniger, sondern mehr Kontrolle der Unternehmen ist künftig geboten. Wenn diese Kontrolle von der Politik kommt, taugt sie freilich nicht. Sie schadet. Die Eigentümer müssen ihr Geschick schon selbst in die Hand nehmen, um die Manager-Selbstherrlichkeit zu zügeln. Private-Equity-Investoren, vulgo Heuschrecken, können das besonders gut. Das wäre die beste Sicherung der Arbeitsplätze.
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Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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