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Telekommunikation Das Dilemma der Mobilfunker

26.05.2008 ·  Netzbetreiber in der Zwickmühle: Die Einbußen im mobilen Sprachgeschäft werden nicht schnell genug durch neue Umsatzquellen kompensiert. Die Preise fallen. Doch gleichzeitig wächst die Notwendigkeit, viel Geld in die multimediale Aufrüstung der Netze zu stecken.

Von Johannes Winkelhage
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Den einst wachstumsverwöhnten Mobilfunkbetreibern bricht in immer stärkerem Maße das ursprüngliche Geschäftsmodell auseinander. Schnell fallende Preise sorgen in fast allen Märkten in Europa für sinkende Umsätze. Der Durchschnittsumsatz je Kunde, der in der Branche auch als Arpu (Average Revenue per User) bezeichnet wird, ist in den vergangenen zwei Jahren in zweistelligen Prozentsätzen gesunken, hat die Ratingagentur Fitch ausgerechnet.

Der durchschnittliche Minutenpreis, den die Kunden zum Beispiel in Deutschland zahlen, hat sich zwischen 2005 und 2007 auf weniger als 14 Cent fast halbiert. Das geht aus Daten der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little (ADL) hervor. In anderen europäischen Ländern lag der prozentuale Verfall der Preise zwar etwas darunter, das heute erreichte Preisniveau ist aber ähnlich niedrig.

Auch die Einnahmen durch Roaming gehen zurück

Diese Tendenz kann bisher auch nicht komplett durch eine - angesichts der attraktiveren Minutenpreise - steigende Nutzung des Mobiltelefons kompensiert werden. Die Konsequenz: Der Umsatz im einstigen „Brot-und-Butter-Geschäft“ mit der Sprachübermittlung wird weiter zurückgehen. Auch die steigenden Kundenzahlen können dies nicht verhindern.

Diese Situation wird dadurch noch verschärft, dass die lukrativen Entgelte für die Ablieferung der Gespräche aus fremden Netzen zum Handy der Mobilfunkkunden - ein Vorgang, der auch als Terminierung bezeichnet wird - in den vergangenen Jahren permanent gesunken sind und weiter sinken werden. Konnten zum Beispiel die deutschen Mobilfunkanbieter im Jahr 2005 noch zwischen 13 und 15 Cent je Minute verlangen, hat die Regulierung diesen Betrag auf jetzt 8 bis 9 Cent gedrückt. Da zwischen 15 und 25 Prozent des Umsatzes der Mobilfunkunternehmen auf diese Entgelte entfielen, mussten die Anbieter hier signifikante Umsatzverluste verkraften, die in gleicher Höhe auch ergebniswirksam waren. Im europäischen Durchschnitt sanken die Einnahmen aus diesen Entgelten nach Berechnungen von ADL seit 2005 um rund 40 Prozent. Auch gehen die Einnahmen aus den länderübergreifenden Gesprächen (Roaming) zurück, nachdem die EU-Kommission im Jahr 2008 eine Deckelung der Preise für diese Sprachdienste in Europa verfügt hat.

Datenumsatz aus dem Nicht-SMS-Geschäft ist enttäuschend“

Als ob das noch nicht genug wäre: Der Umsatz mit dem Datengeschäft - dem großen Hoffnungsträger der Branche - kann nicht so schnell zulegen, wie die Einnahmen auf der Sprachseite einbrechen. Die Umsatzzuwächse aus dem Datengeschäft jenseits der SMS liegen zwar bei den meisten Unternehmen im zweistelligen Prozentbereich - teilweise sogar bei 30 bis 40 Prozent -, der nominale Umsatz- und Ergebnisbeitrag ist aber noch nicht sehr umfangreich. „Der Datenumsatz aus dem Nicht-SMS-Geschäft ist bisher enttäuschend“, erklärt Mark Newman vom Marktbeobachter Informa Telecom.

„Vor allem in den gesättigten Märkten der Industrieländer müssen die Netzbetreiber in den kommenden fünf Jahren radikal neue Geschäftsmodelle entwickeln, wenn sie ihre Gewinnmargen sichern wollen“, erklärt Newman.

Wer wird daran verdienen?

Informa ist allerdings zuversichtlich, dass sich der Datenverkehr deutlich erhöhen wird. Die Frage ist nur: Wer wird daran verdienen? So erkennen Marktbeobachter die Tendenz, dass sich das Nutzungsverhalten wandelt. Waren es bisher einzelne Dienste der Netzbetreiber, die von den Kunden bei der mobilen Datennutzung bevorzugt wurden, geht die Tendenz jetzt in eine andere Richtung: Das offene Internet mit seinen Angeboten findet das Interesse der Nutzer - sie zahlen also an den Netzbetreiber nur noch für den Zugang. „Die Mobilfunkanbieter laufen durchaus Gefahr, zu reinen Daten-Transporteuren zu werden“, fürchtet auch Hervé le Jouan, der von London aus das europäische Geschäft des Marktforschungsunternehmens Mmetrics steuert. Gleichzeitig geht le Jouan gemeinsam mit vielen anderen Marktbeobachtern davon aus, dass sich das mobile Datengeschäft erst entwickeln wird, wenn erschwingliche Pauschalpreise (Flatrates) für die Datennutzung auf den Markt kommen. Diese Ansicht setzt sich anscheinend zunehmend auch bei den Netzbetreibern durch. Entsprechend gibt es inzwischen einige Angebote, die zwar keine unbegrenzte Nutzung zulassen. Für knapp 50 Euro kann man aber bis zu 5 Gigabyte im Monat in den UMTS-Netzen versurfen - was für viele Anwendungen durchaus ausreicht.

Auch für die Sprachnutzung rücken die Pauschalpreise immer stärker in den Fokus. Hier liegen die Preisvorstellungen der großen Netzbetreiber in Deutschland bei derzeit knapp unter 80 Euro für unbegrenzte Telefonate in alle Netze, wenn der Kunde auf ein subventioniertes Handy verzichtet. Nach Ansicht der Beobachter sind dies zwar Schritte in die richtige Richtung, die Preise sind für den Massenmarkt allerdings noch zu hoch.

Die Infrastruktur

Genau in diesem Massenmarkt vermutet le Jouan aber ein großes Potential: „Die Mobilisierung des Web 2.0 mit seinen sozialen Gemeinschaften wie Facebook, MySpace oder StudiVZ könnte ein riesiger Erfolg werden“, erwartet er. Hier aber beginnt das Dilemma der Netzbetreiber. So weist Informa darauf hin, dass die Netzbetreiber zwar auf deutliche Zuwächse im mobilen Datenverkehr hoffen dürfen, dass sie aber dafür ihre Infrastruktur deutlich verbessern müssen, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Zusätzlich rät Informa in einer Untersuchung dazu, Partnerschaften mit Internetunternehmen einzugehen, um an dem Umsatz, den die Kunden während des mobilen Surfens im Netz generieren, beteiligt zu werden. Nur so werde es möglich sein, nicht in die Rolle des reinen Datentransporteurs zu geraten, der sich - angesichts der Flatrates - auch nur noch wenig Chancen auf Wachstum in der bestehenden Kundenstruktur machen darf.

So stecken die Netzbetreiber derzeit in der Zwickmühle: Zum einen sollen sie ihre Netze verbessern, was hohe Investitionen erfordert. Zum anderen brechen ihnen wie beschrieben die Sprachumsätze weg, die kaum mehr genug Geld in die Unternehmen schaufeln, um ausreichend investieren zu können.

Unterschiedliche Kosten für unterschiedliche Qualitätsstufen?

Es gibt allerdings verschiedene Auswege aus dieser Situation. So zeigt sich in der Branche inzwischen, dass viele Netzbetreiber sehr viel intensiver darüber nachdenken, ob ein gemeinsamer Netzausbau einen solch signifikanten Kostenvorteil bringen könnte, dass es sich lohnt, von dem alten Paradigma abzurücken, das eigene Netz als zwingend erforderlich zu betrachten. Darauf richten sich inzwischen auch Ausrüster wie Ericsson ein, die immer mehr Anlagen auf den Markt bringen, auf deren Basis sich zwei oder mehr Netzbetreiber eine Basisstation teilen, auf der dann zwei oder mehr virtuelle Netze arbeiten können.

Einen anderen Vorschlag macht ADL: So sind nach Ansicht der Marktbeobachter durchaus Preismodelle denkbar, die unterschiedliche Qualitätsstufen für die Mobilfunknutzung mit unterschiedlichen Kosten belegen. Die Marktbeobachter halten dies sogar für zwingend, da die verstärkte Nutzung der Netze künftig zu immer häufigeren Gesprächsabbrüchen führen würde. Solche Abbrüche erleben Nutzer heute nur selten und nur an belebten Plätzen. Untersuchungen der Netzbetreiber selbst zeigen, dass schon eine durchschnittliche Zunahme der Zellnutzung um 8 Prozent - die durch Pauschalpreise zu erwarten ist - zu einem Wachstum der Verbindungsabbrüche von 67 Prozent führen könnte.

Den Kundenstamm aufteilen

Daher plädieren die Berater zu einer Separierung des Kundenstammes in drei Gruppen. Zunächst diejenigen, die nach dem Prinzip „so gut wie gerade möglich“ versorgt werden. Ist das Netz frei, können diese Kunden ungehindert telefonieren und surfen mit höchster Geschwindigkeit im Internet. Sie sind aber die Ersten, die bei einer drohenden Überlastung herausgeworfen werden - ein Risiko, das durch einen besonders niedrigen Preis kompensiert wird. Eine zweite Gruppe wird mit etwas besseren Konditionen ausgestattet, muss aber von einer gewissen Grenze an auch auf die Netznutzung verzichten.

Am meisten sollen die Kunden zahlen, denen garantiert wird, dass sie immer Sprachversorgung in höchster Qualität und einen permanenten Hochgeschwindigkeitszugang zum Netz erhalten - diese Gruppe würde einen solchen Service allerdings auch mit einem deutlich höheren Preis bezahlen. Eine solche Priorisierung ist schon heute in den Mobilfunknetzen möglich. Sie wird nur noch nicht genutzt, um die Mobilfunker aus ihrem Dilemma zu befreien.

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30.05.2012 09:36 Uhr
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