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Telekommunikation AOL will die Telekom angreifen

09.05.2005 ·  AOL-Deutschland-Chef Stan Laurent im Interview über den Wettbewerb mit dem großen Rivalen, das Ende der Telefonkabel und die Zukunft der Videotheken.

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AOL-Deutschland-Chef Stan Laurent im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Wettbewerb mit dem großen Rivalen, die Zukunft des Telefonierens und das Ende der Videotheken.

Herr Laurent, wann wird das Telefonieren für den Kunden unentgeltlich sein?

Heute schon. Zumindest für unsere Internettelefonie-Kunden. Sie können sich untereinander anrufen, ohne daß es sie etwas kostet.

Das bezieht sich bisher auf eine kleine Gemeinde. Und wenn sie nach außen telefoniert, muß sie trotzdem bezahlen.

Aber deutlich weniger als bei der Telekom. Ich bezweifele allerdings im Grundsatz, daß kostenloses Telefonieren erstrebenswert ist. Qualität und Verfügbarkeit einer Telefonverbindung müssen schließlich bezahlt werden. Für unsere Industrie gelten die gleichen Regeln wie für alle anderen Industrien auch.

Der britische Internettelefonie-Pionier Skype kündigt an, bald sei das Telefonieren umsonst. Warum nicht bei Ihnen?

Jedes Unternehmen muß sehen, womit es sein Geld verdienen will. Wenn nicht mit dem Telefonieren, dann mit anderen Dienstleistungen. Wenn die Kunden nicht fürs Anrufen bezahlen, dann eben für andere Dienste. Auch Kunden glauben nicht mehr an den Weihnachtsmann.

Sie sind seit einem Monat mit einem Telefonie-Angebot auf dem Markt, aber teurer als die Wettbewerber.

Unser Angebot ist mit bis zu 69 Prozent Rabatt gegenüber den Telekom-Preisen sehr wettbewerbsfähig, transparent und von guter Qualität.

Wieviel Kunden haben Sie denn schon für Ihr Telefonangebot?

Wir haben gerade angefangen, und unsere Zahlen liegen schon deutlich über Plan. Mehr verrate ich noch nicht. Ingesamt schätzt unsere Branche, daß es in Deutschland derzeit höchstens eine halbe Million aktive Internet-Telefonierer gibt.

Das klingt nicht nach viel bei 60 Millionen Haushalten. Könnte es sein, daß Internettelefonie eine reine Modeerscheinung bleibt?

Oh, nein. Der Ausgang des Endspiels ist in meinen Augen völlig klar. In fünf bis zehn Jahren wird das Telefonieren nur noch über das Internet abgewickelt als Voice over IP.

Reine Telefonleitungen wird dann niemand mehr benötigen?

Ja, das ist fast sicher. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die Kunden werden übrigens auch mobil über das Internet telefonieren.

In der Konsequenz bedeutet das, einstige Internet-Provider wie AOL konkurrieren plötzlich direkt mit klassischen Telefongesellschaften um Kunden.

Ja, und genau das ist die spannende Frage: Welchen Marktanteil können offensiv auftretende Newcomer den alten Telekoms abnehmen? Es wird ein erheblicher sein, weil wir jetzt schon gute Kundenbeziehungen haben und weil wir die nötige Internet-Verbindung und Hardware liefern.

Ich möchte mein Telefon behalten, ich möchte meine Rufnummer behalten, und ich möchte nicht den Computer anschalten müssen, um zu telefonieren. Geht das mit der Internettelefonie?

Ein dreifaches Ja. Und die Qualität der Telefongespräche ist so gut und so zuverlässig wie mit ISDN.

Angesichts dieser technologischen Entwicklung, könnte es sein, daß man die Telekom gar nicht mehr braucht.

Das ist eine schwierige Frage. Fest steht, die Telekom kontrolliert das Leitungsnetz und vor allem die letzte Meile, also die Verbindung zu den Haushalten. Gerade diese Verbindung ist für Konkurrenten am schwierigsten zu reproduzieren. Die Wettbewerber können es sich nicht leisten, selbst Breitband-Leitungen zur Kundschaft zu legen.

Man ist gezwungen zur Partnerschaft?

Die Telekom ist für uns ein Muß-Partner als Bereitsteller von Infrastruktur. Das gilt für alle Wettbewerber außer den Kabelnetzbetreibern, die einen eigenen Zugang zu einem Teil der Haushalte haben. Aber die Frage ist, inwieweit muß der Endkunde überhaupt eine Geschäftsbeziehung mit der Telekom haben.

Telekom soll die Endkunden in Ruhe lassen?

Nein. Sie soll nur genügend Platz für uns Wettbewerber lassen. Ich will es so erklären: Momentan muß ein Kunde in der Regel verschiedene Produkte abonnieren, von der Telekom den Telefonanschluß und T-DSL, von AOL oder unseren Wettbewerbern den Internetzugang und jetzt Internettelefonie. Gerne würden wir in der Lage sein, alles aus einer Hand anzubieten oder zumindest in der ersten Phase ein Komplettpaket aus Telefonie, Internet und DSL-Anschluß. Dies könnte insbesondere durch die Anmietung der Hälfte des Teilnehmeranschlusses erfolgen. Das geht zwar jetzt schon, aber die Einmalentgelte für den Wechsel sind viel zu hoch. Doppelt so hoch wie in anderen europäischen Ländern. Wenn Ende Juni die Regulierungsbehörde diese sogenannten Line-Sharing-Entgelte deutlich senkt, dann werden wir Millionenbeträge investieren. Viele Wettbewerber haben ähnliche Investitionsprogramme angekündigt. Wenn der Preis nicht deutlich sinkt, dann unterbleiben diese Investitionen. Der Regulierer hat eine hohe Verantwortung.

United Internet will Web.de übernehmen. Steht Ihre Branche vor einer großen Konsolidierung?

Ich glaube, nein. Die Wettbewerbssituation hat sich eher verschärft, weil neue Anbieter auf den Markt drängen. Trotzdem verdienen die meisten Anbieter Geld. Das spricht eher gegen eine Konsolidierung.

Aber Telefongesellschaften kaufen Internet-Provider.

Ja, was wir sehen, ist, daß die Telekommunikationsgesellschaften ihre Internet-Töchter wieder reintegrieren. T-Online geht zurück zur Telekom. Mobilcom hat ähnliche Pläne mit Freenet und France Telecom mit Wanadoo. Das ist auch nachvollziehbar. Die Telefongesellschaften erkennen, daß ihre Internet-Töchter die besten Wachstumschancen haben, während im klassischen Telefongeschäft die Margen schrumpfen.

Dann wäre AOL ein interessanter Übernahmekandidat für Telefongesellschaften?

Jeder darf Phantasie haben.

Womit will AOL denn künftig Geld verdienen?

Mit innovativen digitalen Diensten rund um Kommunikation, Sicherheit und Unterhaltung.

Das heißt?

Die erwähnte Internettelefonie, die wir unter AOL Phone vor wenigen Wochen auf den Markt gebracht haben. Dazu kommen Pakete zur Datensicherheit und zum Computerviren-Schutz. Sicherheit ist für uns ein großes Thema. Ferner Musik-Downloads, wir haben schon eine halbe Million Titel in unserem Programm. Und in Zukunft werden wir auch Videos über das Internet vermarkten.

Spätestens dann verschwinden die Videotheken.

Das kann ich noch nicht vorhersagen. Zur Zeit ist es noch zu teuer, Filme in guter Auflösung über Leitungen zu transportieren. Noch ist es günstiger, sich einen Film in der Videothek um die Ecke zu besorgen. Aber wir geben nicht auf.

Der Abschied vom klassischen Telefon

Dank neuer Technik haben Internet- Provider zum ersten Mal die Chance, der Telekom Kunden abzujagen. Die Internettelefonie braucht keine Telefonleitungen mehr, sondern nur noch die schnellen Internet-Zugänge. Inzwischen haben Internet-Gespräche eine Qualität wie bei ISDN. Ein Knackpunkt bei der Eroberung der Kunden ist allerdings die sogenannte Teilnehmeranschlußleitung (TAL). Die Verbindung zum Endkunden wird einzig und allein von der Telekom kontrolliert. Dieses Privileg ist von höchstem wirtschaftlichem Interesse für das Unternehmen. Konkurrenten konnten diese Leitung lange nur als Ganzes mieten.

Seit einiger Zeit aber gibt es das sogenannte Line Sharing: Es ermöglicht das Aufteilen der TAL. Die Frequenzbänder für schnelle Internetdienste bekommen die Internet-Provider wie AOL oder wie 1&1. Die niedrigbitratige Sprachtelefonie verbleibt bei der Telekom.

Soweit die Theorie: In der Praxis hat sich das Line Sharing noch nicht auf breiter Front durchgesetzt. Die Telekomwettbewerber führen als Grund an, daß die Einmalgebühren für das Line Sharing zu hoch seien.

"Zu einem kräftigen Impuls für die Wirtschaft wird es nun nur kommen, wenn auch die überhöhten Einmalentgelte auf ein wettbewerblich angemessenes Maß gesenkt werden", argumentiert der VATM, der Verband der Telekommunikations- und Mehrwertdienste. Die Entscheidung über das Line Sharing steht in den nächsten Wochen an. Sie ist wesentlich für weitere Millionen-Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur.

OECD, Bundeskanzleramt und DIHK weisen unisono darauf hin, daß Deutschland bei der Versorgung mit schnellen Internetzugängen schon zurückliegt gegenüber anderen Industrienationen. Sie führen es auf mangelnden Wettbewerb zurück.

Die große Frage ist jetzt: Was macht die Telekom? Über kurz oder lang wird sie selbst ein Internettelefonie-Angebot lancieren müssen; selbst auf die Gefahr hin, das alte Kerngeschäft der Festnetztelefonie zu kannibalisieren. wvp.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.05.2005, Nr. 18 / Seite 37
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