Unweit von Mayschoß an der Ahr befindet sich der frühere Schutzbunker, welcher der Bundesregierung in Krisenzeiten Zuflucht bieten sollte. Es scheint, als habe sich die Gewerkschaft Verdi von dem unterirdischen Schutzbau in der Nachbarschaft inspirieren lassen. Im Tarifstreit mit der Deutschen Telekom hat sie sich tief eingegraben. Schon seit Dienstag verhandeln beide Seiten in dem kleinen Weinstädtchen über neue Konditionen für 50.000 Service-Mitarbeiter und Monteure des Konzerns.
Bewegung ist in der mittlerweile fünften Gesprächsrunde nicht zu erkennen; auch erste Kompromissangebote der Telekom haben die Gewerkschaft noch nicht aus ihrer Abwehrbastion herausholen können. „Wir stehen vor einer geschichtlichen Auseinandersetzung. Wir werden uns wehren und lassen nicht mit uns Schlitten fahren“, sagte Verhandlungsführer Lothar Schröder. Am späten Vormittag brachten Dutzende von Bussen rund tausend Telekom-Mitarbeiter in das Städtchen, die lautstark gegen die Konzernpläne protestierten. Gnadenlos pfiffen sie Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick nieder, als er versuchte, den Standpunkt des Unternehmens zu erläutern.
„Dann gehen wir in die Urabstimmung“
Die Machtprobe an der Ahr droht in einen flächendeckenden Streik zu münden. Bereits am Vorabend hatte die Verdi-Spitze die Gewerkschaft ermächtigt, eine Urabstimmung über einen Arbeitskampf vorzubereiten. Schröder ließ keinen Zweifel daran, notfalls davon Gebrauch zu machen. Zunächst würden die Warnstreiks fortgesetzt, aber „wenn wir damit nicht zurechtkommen, gehen wir in die Urabstimmung“, warnte er. Ganz so weit ist es noch nicht. Am Abend wurde ein letzter Einigungsversuch auf der Grundlage eines neuen Kompromissvorschlages der Telekom erwartet.
Er könnte die Einkommenskürzungen sowohl für das Stammpersonal als auch für neue Mitarbeiter abschwächen und so der Arbeitnehmerseite entgegenkommen. Zudem soll sich die Mehrarbeit auf vier statt sechs Stunden in der Woche beschränken, und der Kündigungsverzicht würde über 2010 hinaus verlängert. Außerdem verspricht die Deutsche Telekom „mehrere tausend“ neue Arbeitsplätze, wenn Verdi auf ihre Pläne eingehe. Eine Einigung war zunächst trotzdem nicht in Sicht. Ein Abbruch der Gespräche sei sogar wahrscheinlicher als ein Kompromiss, hieß es am Mittwochabend. Damit wäre ein flächendeckender Arbeitskampf wohl kaum noch zu vermeiden.
Telekom vermeldet erfolgreiche Aufholjagd
Die Zeit für die Verhandlungen wird allmählich knapp. Die Telekom strebt eine Einigung bis Ende April an; die Auslagerung der Beschäftigten in konzerneigene Untergesellschaften soll zum 1. Juli erfolgen. Die Gründung der unter dem Dachnamen „T-Service“ geführten Gesellschaften könnte auch ohne Zustimmung der Gewerkschaft vollzogen werden. Als letztes Mittel schließt die Telekom sogar einen Verkauf der Subunternehmen nicht aus, um ihre im Vergleich zur Konkurrenz außerordentlich hohen Kosten zu senken.
Wie dringend notwendig dieser Schritt ist, belegen die vor einigen Tagen gestreuten internen Zahlen über den Schwund bei den Telefonanschlüssen: Demnach gingen im ersten Quartal rund 600.000 Kunden verloren. Hochgerechnet auf das gesamte Jahr wären dies 2,4 Millionen Teilnehmer, rund 400.000 mehr als im vorigen Jahr. Gleichzeitig meldet der Konzern aber eine sehr erfolgreiche Aufholjagd bei der Vermarktung schneller Breitbandanschlüsse. Dennoch droht der Wettbewerbsdruck in der Festnetzsparte die gesamte Telekom ins Schlingern zu bringen. Erst im Januar hatte das Unternehmen seine Gewinnprognose zum zweiten Mal binnen sechs Monaten nach unten korrigieren müssen. Verdi zeigte sich unbeeindruckt: „Über Jahrzehnte haben wir ein Tarifmodell aufgebaut, und wir werden es jetzt verteidigen“, sagte Schröder, gerade so, als genieße die Telekom noch ihre Privilegien aus seligen Monopolzeiten.
Begrenzter Spielraum für weitere Offerten
Durch die Auslagerung der Service-Mitarbeiter will der Konzern dauerhaft um bis zu 900 Millionen Euro im Jahr einsparen. Wenn er dieses Ziel erreichen will, ist der Spielraum für weitere Offerten begrenzt. Mit dem nachgebesserten Angebot, das am Mittwoch erwartet wurde, dürfte schon ein nicht unerheblicher Teil der Manövriermasse verbraucht sein. Vor allem würde die Lohnsenkung für die Stammbelegschaft dem Vernehmen nach auf weniger als zehn Prozent begrenzt. Ursprünglich sollten die Einkommen bis 2010 stufenweise um zwölf Prozent fallen. Für die Anfangsgehälter neuer Mitarbeiter hatte die Telekom zunächst generell zwanzigtausend Euro im Jahr in Aussicht gestellt. Nun ist sie anscheinend auch für die Call-Center-Beschäftigten zu einer Aufstockung bereit.
Für den technischen Kundendienst und die Netztechnik hatte der Konzern sein Angebot schon Mitte April auf 22.000 Euro im Jahr angehoben. Gegenüber den bisher bezahlten Anfangsgehältern von 34.000 Euro ist aber auch das noch ein sehr deutlicher Einschnitt. Für die Arbeitszeit hatte Eick zunächst eine Verlängerung von 34 auf 38 Wochenstunden plus eine Reserve von hundert Stunden im Jahr, also etwa zwei Wochenstunden, für Spitzenzeiten gefordert. Jetzt könnte es bei durchschnittlich 38 Stunden in der Woche bleiben, weil Mehrarbeit über ein Langzeitarbeitskonto aufgefangen werden soll.
Der 2008 auslaufende Kündigungsschutz könnte nach dem neuen Angebot deutlich über 2010 hinaus verlängert werden. Als wahrscheinlich gilt eine Lösung wie beim Abschluss des geltenden Beschäftigungspaktes: Damals war der Kündigungsverzicht für vier Jahre festgeschrieben worden. Dieses Zugeständnis ist für die Telekom wohlfeil: Rund vierzig Prozent der betroffenen Arbeitnehmer sind ohnehin unkündbare Beamte.
Verteilungskämpfe
norbert doerre (ndoerre)
- 26.04.2007, 09:55 Uhr
Es fehlt an der Ehrlichkeit ..
uwe werner (uwe.w)
- 27.04.2007, 00:41 Uhr