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Cyber Security Summit : „Jeder ist bedroht“

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Lan-Kabel in einem Server in Berlin Bild: dpa

Manager und Politiker beraten am Montag auf einer gemeinsamen Konferenz über die Cybersicherheit. Die Risiken für Computernetze und öffentliche Infrastrukturen steigen, argumentieren Telekom-Chef Timotheus Höttges und Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz, im Gespräch mit der F.A.Z.

          Wie steht es aus Ihrer Sicht, Herr Ischinger und Herr Höttges, um die Bedrohungslage?

          Ischinger: Außen- und sicherheitspolitisch betrachtet war die Lage in Europa und in weiten Teilen der Welt seit vielen Jahren nicht mehr so prekär. Wir müssen leider ganz lapidar feststellen, dass der Krieg als Element der Politik nach Europa zurückgekehrt ist. Das hat auch weitreichende Auswirkungen auf die Cybersicherheit. Moderne Internetkommunikationstechnik wird heute genutzt, um den Gegner zu verwirren und Propaganda zu betreiben. Und Cybertechnologie kann bekanntlich offensiv genutzt werden, um Infrastrukturen und Systeme des Gegners anzugreifen und auszuschalten.

          Höttges: Jeder ist potentiell bedroht – jeder Staat, jedes Unternehmen und auch jeder Bürger. Unternehmen wie die Deutsche Telekom sind deshalb in einer wachsenden gesellschaftspolitischen Verantwortung, die Zusammenarbeit in diesem Feld zu unterstützen und zu verbessern. Die Bürger haben zum Teil resigniert, weil sie sich der Komplexität des Internet hilflos ausgeliefert fühlen.

          Wie äußert sich das?

          Höttges: Die Überforderung führt zur Verdrängung der Gefahr und zum Verzicht auf Schutz. Immer mehr Leute sorgen sich um die Sicherheit ihrer Daten, aber kaum einer tut etwas dafür. Der neue Sicherheitsreport zeigt: 90 Prozent der Befragten glauben, dass die meisten Unternehmen Daten weitergeben oder Daten missbraucht werden. Trotzdem stimmt zum Beispiel beim Online-Einkauf jeder den Datenschutzbestimmungen zu. Gelesen aber hat sie kaum jemand. Da gibt es einen gewissen Widerspruch im Verhalten. Ich hoffe, dass unsere Konferenz einen Beitrag dazu leistet, dass Internetnutzer bewusster mit den Risiken umgehen.

          Ischinger: Wir sehen einen dramatischen Vertrauensverlust. Die Enthüllungen von Edward Snowden, die Ausspähungen durch die NSA und andere Vorfälle haben das Denken verändert, auch in der Sicherheitspolitik. Auf staatlicher Ebene führt dies dazu, dass viele Länder die offensiven Möglichkeiten der Cybertechnologie ausbauen, aber den Schutz der eigenen Systeme leider eher vernachlässigen. Man geht zum alten Motto über: Angriff ist die beste Verteidigung. Doch ich befürchte, dass das in diesem Fall nicht richtig ist. Cyberschutz ist eine Frage der nationalen Sicherheit und daher muss gelten: Die beste Verteidigung ist die bessere Verteidigung

          Befürchten Sie Terroranschläge auf Computernetze und öffentliche Infrastrukturen?

          Ischinger: Wir sollten uns nicht als Schwarzmaler präsentieren, aber in der Sicherheitspolitik tut man gut daran, vom „worst case“ auszugehen. Und der schlimmste denkbare Fall wäre in der Tat, dass gut und modern ausgerüstete Gruppen wie diejenigen, die wir im Augenblick in Syrien und Irak beobachten, auch unsere Netze angreifen. Ich befürchte jetzt nicht, dass sich das morgen auf die Wasserwerke in Köln oder München auswirkt. Aber dass diese Gruppen vor nichts zurückschrecken, das haben wir ja nun zur Genüge erlebt. Für solche Szenarien müssen wir – die Regierung, die Industrie, die Gesellschaft – gerüstet sein. Davon sind wir leider noch weit entfernt, auch im kollektiven Risikobewusstsein.

          Höttges: Die Gefahren sind sehr real. Denken Sie nur an den Angriff syrischer Hacker auf die Wasserversorgung in Haifa vor einem Jahr. Und in den Vereinigten Staaten wurden im Jahr 2013 rund 60 Prozent mehr Cyberangriffe auf öffentliche Infrastrukturen registriert als im Jahr davor.

          Timotheus Höttges, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG
          Timotheus Höttges, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG : Bild: Schoepal, Edgar
          Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz
          Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchener Sicherheitskonferenz : Bild: Eilmes, Wolfgang

          Ist das Thema Cybersicherheit auf den Chefetagen der Wirtschaft angekommen?

          Höttges: Eindeutig ja. Das sieht man schon daran, dass immer mehr Teilnehmer aus der Industrie zu unserem Gipfel kommen. Und wir sehen es auch an der Resonanz auf unsere Angebote, etwa das neue große Datenzentrum in Magdeburg, wo wir eine der größten sicheren Clouds betreiben. Die Unternehmen wollen wissen, wo ihre Daten gespeichert werden, und sie wollen die Gewissheit, dass sensible Kunden- und Unternehmensdaten bestmöglich geschützt sind. Aber wir sehen auch, dass bei sicherheitsrelevanten Fragen im Mittelstand noch viel Nachholbedarf besteht.

          Hat sich die Qualität der Angriffe verändert?

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