30.01.2004 · Der Internet-Wurm "Mydoom", der seit Anfang dieser Woche in kürzester Zeit rund um den Globus für mehr als 100 Millionen infizierte E-Mails gesorgt hat, ist eine Attacke auf das Softwareunternehmen SCO.
Von Roland LindnerEs war wie eine Verschnaufpause für Microsoft. Üblicherweise sind es Branchenriesen wie der weltgrößte Softwarekonzern, die in der Öffentlichkeit wegen ihrer dominierenden Marktposition zu Feindbildern stilisiert werden. In diesen Tagen ist dagegen ein winziges Softwareunternehmen aus dem amerikanischen Bundesstaat Utah zur Zielscheibe Nummer eins geworden. Der Internet-Wurm "Mydoom", der seit Anfang dieser Woche in kürzester Zeit rund um den Globus für mehr als 100 Millionen infizierte E-Mails gesorgt hat, ist eine Attacke auf SCO.
Der Wurm löst auf befallenen Computern Befehle aus, die vom 1. Februar an für knapp zwei Wochen Anfragen an die Internetseite von SCO schicken und damit lahmlegen sollen. Erst Mitte der Woche tauchte eine Variante von Mydoom auf, die die Verhältnisse wieder geraderückte und zwei Zielobjekte hat: wiederum SCO, diesmal aber auch Microsoft. SCO hat derweil für Hinweise, die zur Überführung des Schöpfers von Mydoom führen, ein Kopfgeld von 250 000 Dollar versprochen.
Zorn der Branche zugezogen
Noch vor rund eineinhalb Jahren steckte SCO in einer existenzbedrohenden Krise, ohne daß dies in der Öffentlichkeit für Aufregung gesorgt hätte. Dem Anbieter von Unix-Betriebssystemen brachen die Umsätze weg, das Unternehmen steckte tief in der Verlustzone, und der Börsenkurs war auf 60 Cent zusammengeschmolzen. Die damals noch unter dem Namen Caldera firmierende Gesellschaft bestellte auf dem Höhepunkt der Krise Darl McBride zum neuen Chief Executive Officer.
McBride ging eine waghalsige Wette ein, die einerseits das Geschäft und vor allem den Börsenwert von SCO wieder angekurbelt hat, die ihm aber den Zorn der Branche zugezogen hat. Er sagte dem lizenzgebührenfreien Betriebssystem Linux den Kampf an. Linux ist eine vor mehr als zehn Jahren geschaffene Variante von Unix. Das System wird von einer Vielzahl von Programmierern auf der ganzen Welt - der Linux-Gemeinde - kontinuierlich weiterentwickelt. Immer mehr große Technologiekonzerne wie IBM und Hewlett-Packard unterstützen Linux.
Das macht das Betriebssystem zu einer Gefahr für Unix-Spezialisten wie SCO, aber auch für Microsoft, den Hersteller des umsatzstärksten Betriebssystems Windows. Microsoft hat Linux in jüngster Zeit wiederholt als eine der größten Bedrohungen für sein Geschäft bezeichnet und bei einigen prestigeträchtigen Aufträgen gegenüber Linux den kürzeren gezogen. Nach Erhebungen des Marktforschungsinstituts IDC ist der Umsatz mit Netzwerkrechnern (Server), die auf Linux basieren, im dritten Quartal des vergangenen Jahres um 50 Prozent auf 743 Millionen Dollar gewachsen, während der Rest des Marktes kaum zulegen konnte.
Klage gegen Computerkonzern IBM
Die Attacke gegen Linux startete SCO im März vergangenen Jahres mit einer Klage gegen den Computerkonzern IBM auf 3 Milliarden Dollar Schadenersatz. Dem Unternehmen wird in der Klage vorgeworfen, Teile des Unix-Programms in die von ihm vertriebene Linux-Software integriert zu haben. SCO beruft sich auf Urheberrechte an Unix. Die Ausgangslage für den Rechtsstreit ist kompliziert: Das System war ursprünglich vom Telekommunikationskonzern AT&T entwickelt worden, der es später an den Softwarekonzern Novell verkaufte.
Novell wiederum gab im Jahr 1995 zumindest Teile der Rechte an Unix an eine Vorgängergesellschaft von SCO ab. Allerdings behauptet Novell, noch heute bestimmte Urheberrechte an Unix zu besitzen. Somit ist nicht eindeutig, ob SCO die umfangreichen Urheberrechte, die in der Klage geltend gemacht werden, überhaupt besitzt. Selbst wenn dies der Fall ist, muß das Unternehmen noch immer den schweren Beweis antreten, daß diese von IBM verletzt worden sind. Im Rechtsstreit zwischen SCO und IBM ist im Moment ein Prozeßbeginn für April 2005 vorgesehen.
Nach der IBM-Klage hat SCO den Kampf gegen Linux noch an mehreren Fronten verstärkt. Erst vor wenigen Tagen hat SCO Novell wegen Urheberrechtsverletzung und Geschäftsschädigung auf Schadenersatz in nicht bezifferter Höhe verklagt. Darüber hinaus hat das Unternehmen angekündigt, auch die Nutzer von Linux verklagen zu wollen und hat schon Tausende von Briefen verschickt. Mittlerweile gibt es schon einen mit mehreren Millionen Dollar ausgestatteten Fonds, der von SCO verklagte Linux-Nutzer unterstützen soll. IBM und der Chiphersteller Intel haben zugesagt, den Fonds mitfinanzieren zu wollen. Auf der anderen Seite wurde SCO selbst von IBM und vom Linux-Anbieter Red Hat verklagt.
Ungewöhnliche Vereinbarung
Im November hat SCO außerdem eine ungewöhnliche Vereinbarung mit der Kanzlei seines Anwalts David Boies abgeschlossen. Boies bekam für seine Dienste im Kampf gegen Linux eine Million Dollar in bar und außerdem 400.000 SCO-Aktien. Dieses Abkommen hat dem Softwareunternehmen ein ganzes Quartalsergebnis verhagelt, weil dafür Aufwendungen von fast 9 Millionen Dollar angesetzt wurden. SCO wies im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2002/2003 (31. Oktober) deshalb einen Verlust von 1,6 Millionen Dollar aus, nach einem Verlust von 2,7 Millionen Dollar im Vorjahr. Der Umsatz legte in diesem Zeitraum von 15,5 auf 24,3 Millionen Dollar zu.
Für den Umsatzanstieg war allerdings in hohem Umfang ein Unternehmen verantwortlich, das von einem Erfolg von SCO im Kampf gegen Linux viel zu gewinnen hätte: der Softwarekonzern Microsoft. Zusammen mit dem ebenfalls im Wettbewerb mit Linux stehenden Server-Spezialisten Sun Microsystems hat Microsoft mehr als 10 Millionen Dollar für Softwarelizenzen von SCO ausgegeben, deren Sinn sich vielen Branchenexperten nicht erschlossen hat. Aus diesem Grund gibt es Mutmaßungen, wonach der Softwarekauf von Microsoft nur eine verdeckte Subvention für den Rechtsstreit von SCO gegen Linux ist. An der Börse befindet sich SCO seit der IBM-Klage im Höhenflug. Derzeit notiert die Aktie bei 15,50 Dollar. Auch nach dem Auftauchen des Mydoom-Wurms hat es nur leichte Kursrückgänge gegeben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.380,90 | −0,95% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2447 | −0,33% |
| Rohöl Brent Crude | 105,95 $ | −0,84% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?