Home
http://www.faz.net/-gqm-rg51
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Technologie Festplatte oder Speicherchip?

12.10.2005 ·  In der Konsumelektronik kämpft die fast 50 Jahre alte Festplatte ihren ersten Überlebenskampf. Die Digitalisierung der Konsumelektronik ist schuld.

Von Carsten Knop
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Die Digitalisierung der Konsumelektronik ist schuld: Der Siegeszug von Digitalkameras und digitalen Musikspielern wie dem "iPod" von Apple führt dazu, daß Privatleute große Datenmengen jederzeit mit sich herumtragen wollen. Die Daten müssen sicher gespeichert werden, sie sollen den Akku der jeweiligen Geräte nicht lange belasten. Und man will schnell auf die Daten zugreifen können. Deshalb hat eine Frage die Welt der Technikfreaks verlassen und wird jetzt am Wochenende beim Familienfrühstück diskutiert: Soll es lieber ein Musikspieler sein, der die Lieder auf einer Festplatte speichert oder auf einem Speicherchip (Flash memory)? Wo werden die vielen Digitalbilder gespeichert, die im nächsten Urlaub entstehen werden? Auf einer Festplatte oder auf einem noch größeren Speicherchip?

Die Fragen zum Frühstück versetzen eine traditionsreiche Branche in Aufregung. Denn die Festplatte gibt es nun schon seit rund 50 Jahren - und die Hersteller, die sich auf diesem Markt noch gehalten haben, dachten nach der Konsolidierung der vergangenen Jahre eigentlich, sie hätten das Schlimmste überstanden. Die Zahl der Anbieter ist deutlich geschrumpft, der Markt wird jetzt von fünf Herstellern dominiert. Neben Weltmarktführer Seagate und den amerikanischen Konzernen Maxtor und Western Digital sind das Ableger großer asiatischer Konzerne wie Hitachi, Toshiba und Samsung. IBM, der Erfinder der Festplatte, hatte sein entsprechendes Geschäft 2003 an Hitachi verkauft.

Interessante Rolle für Toshiba und Samsung

Toshiba und Samsung stecken in einer besonders interessanten Rolle. Denn sie bieten neben den Festplatten auch die konkurrierenden Speicherchips an - und können nun etwas entspannter als die anderen verfolgen, für welche Technik sich die Kunden künftig bevorzugt entscheiden werden. Besonders interessant ist dabei das Verhalten des kalifornischen Computerherstellers Apple.

Die Produkte von Apple dokumentieren den Wettstreit der Technologien wie unter einem Brennglas: Apple wird aller Voraussicht nach in der Mitte dieser Woche einen digitalen Musikspieler aus seiner "iPod"-Reihe vorstellen, der in der Lage ist, Videos abzuspielen. Dieses Gerät wird mit einer Festplatte zur Datenspeicherung ausgestattet sein. Doch erst Anfang September hatte Apple mit dem "iPod nano" einen Musikspieler vorgestellt, der die Lieder eben nicht mehr auf einer Festplatte, sondern auf Speicherchips hinterlegt. Das Gerät hat mit dem "iPod mini" den bis dahin marktführenden Musikspieler ersetzt - und der war noch mit einer Festplatte ausgestattet. Die Folge: Rund 40 Prozent der Flash-Speicher-Kapazität von Marktführer Samsung gehen nach der Vermutung von Branchenkennern im zweiten Halbjahr nur an Apple. Die Marktforscher von iSupply schätzen, daß Apple einen enormen Nachlaß auf die marktüblichen 54 Dollar je 2 Gigabyte Speicher bekommt.

In der Branche war diese kleine Technikrevolution bei Apple als Argument dafür gewertet worden, daß die Festplatte ihre besten Zeiten hinter sich hat. Denn die Konsumelektronik ist der interessanteste Absatzmarkt für die Branche. Sie wächst sehr viel schneller als der klassische Markt der PCs oder Netzwerkrechner (Server).

Wachstumsperspektive schien glänzend zu sein

Für Manfred Berger, den für neue Technologien zuständigen Manager beim Festplattenhersteller Hitachi Data Systems, ist das Ende der Festplatte aber noch lange nicht gekommen. "Unter der Annahme, daß die Anbieter von Festplatten auf dem heutigen Stand von Technik und Kapazität stehenbleiben, würde es fünf Jahre dauern, bis die Speicherchipanbieter unsere heutige Position erreicht hätten", sagt Berger. Das setze zudem voraus, daß sich die Kapazität der jüngsten Speicherchipgeneration jedes Jahr verdopple und die Zahl der verkauften Chips jährlich um 50 Prozent steige. Dies sei aber unwahrscheinlich. "Zugleich müßten Milliardenbeträge in neue Fabriken investiert werden und Käufer von Laptops bereit sein, erheblich mehr Geld für ihre Rechner auszugeben." Zu erwarten sei auch, daß Speicherchips mit steigender Kapazität Schwierigkeiten mit der Abwärme bekämen.

Das Speichern großer Datenmengen wird nach seiner Meinung in der Zukunft eine Domäne der traditionellen Festplatte bleiben. Aber der Siegeszug der Speicherchips nimmt den Festplattenanbietern eben doch einen Teil der Hoffnung auf goldene Zeiten im neuen Absatzmarkt der Konsumelektronik. Die Markforschungsagentur Trend Focus geht davon aus, daß 2004 rund 17 Millionen Konsumelektronikprodukte mit Festplatten verkauft worden sind. Die Wachstumsperspektive schien glänzend zu sein, nun relativiert sich dieser Eindruck. Das räumt auch Berger ein: "Aus dem Markt der Speicherkarten für Kameras ziehen wir uns Schritt für Schritt zurück. Dort wächst der Bedarf nicht so schnell wie unser Angebot an Speicherkapazität."

Bei den digitalen Musikspielern wie dem "iPod" hingegen wird die Schlacht noch geschlagen. "Anfang des kommenden Jahres wird sich bei den digitalen Musikspielern zeigen, ob wir bei Modellen mit 8 Gigabyte Speicherkapazität wieder zum Zuge kommen." Beim "iPod nano" mit seinen Speicherchips ist zur Zeit bei einer Kapazität von 4 Gigabyte Schluß. Und sollte die Videoversion des "iPod" in dieser Woche tatsächlich kommen, dürfte an der Festplatte kein Weg vorbeiführen.

Quelle: F.A.Z., 12.10.2005, Nr. 237 / Seite 24
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

Jüngste Beiträge

Gläubiger dritter Klasse

Von Holger Steltzner

Wenn in Griechenland in Kürze der Schuldenschnitt vollzogen wird, ist die EZB fein raus. Ein juristischer Trick schützt die Bilanz der Zentralbank. Mitten im Spiel werden einfach die Regeln geändert. Mehr 1 1

17.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.848,03 +1,42%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.