15.07.2010 · Friedrichshafen ist mehr als eine Industriestadt am Bodensee. Vor drei Jahren wurde sie von der Telekom zur T-City auserkoren. Die Stadt ist eine Art Testlabor für alle möglichen neuen Produkte und Dienstleistungen.
Von Susanne Preuß, FriedrichshafenSein Berufsleben hat Jan von der Decken als Flugzeugingenieur verbracht. Jetzt aber, mit 74 Jahren, ist er „Zukünftler“ in Diensten der Telekom. „Das ist spannend“, sagt Jan von der Decken. „Das ist Zukunft: Man weiß nicht, was passieren wird.“ Mit dieser Haltung ist er perfekt geeignet als Versuchskaninchen der Telekom. Und so hat man vorige Woche der Familie ein kleines silbernes Kästchen aufs Klavier gestellt, das vieles im Haus unter Kontrolle hat. „Jetzt kann ich alle Schalter zentral vom iPhone aus steuern, das Licht auch dimmen“, sagt Jan von der Decken begeistert und malt sich schon aus, welchen Vorteil er hat, wenn er auf der Fahrt in den Urlaub plötzlich feststellt, dass ein Fenster geöffnet ist oder das Bügeleisen noch am Strom hängt. Noch braucht er Phantasie dafür: Selbst in Friedrichshafen kommt dann kein Helfer, der das Fenster schließt oder das Bügeleisen aussteckt, aber für abwegig hält man hier die Ideen nicht. Schließlich fungiert die ganze Stadt als eine Art Großlabor für allerlei neuartige Anwendungen der Telekommunikation, seit sie vor drei Jahren von der Telekom zur T-City auserkoren wurde.
„Wir könnten unseren Kunden Zusatznutzen verkaufen, nach dem Motto: fünf Euro für mehr Sicherheit“, erklärt Hans Jürgen Prell, der zuständige Telekom-Manager. Bei den „Zukünftlern“, wie die Telekom ihre Versuchs-Haushalte nennt, wird schon einmal getestet, was alles möglich ist und auch, was die Menschen interessiert.
Der Panikschalter etwa hat es Jan von der Decken angetan: Weil damit alle Lichter gleichzeitig angehen, könnte ein möglicher Einbrecher vertrieben werden. Für die Telekom ist das weit mehr als Kleinkram. Das Home-Network genannte Angebot für Haushalte ist Teil der Strategie, aus der Verknüpfung der zwei Netzwerke für Strom und Telefon neues Geschäft zu generieren - einschließlich neuer Arbeit für die 28 000 Service-Mitarbeiter der Telekom. Für den ganzen Konzern hat Vorstandschef René Obermann das Ziel ausgegeben, die eigenen Investitionen in die Breitband-Infrastruktur für margenstarke Geschäfte besser zu nutzen: „Mit unserem Strategieansatz wollen wir die Deutsche Telekom als offenen Partner für andere Branchen, etwa im Energie-, Software- oder Medienbereich, positionieren“, sagt Obermann.
Bis zu 80 Millionen Euro in Projekte investieren
In Friedrichshafen kann man einiges von dem erahnen, was Obermann vor Augen hat. Haushalte und Unternehmen der Stadt hat die Telekom auf den modernsten Stand der Technik bei Festnetz, Mobilfunk und Internet gebracht. Zusätzlich versprach das Unternehmen, bis zu 80 Millionen Euro in Projekte zu investieren, mit denen in der T-City Anwendungen auf ihre Markttauglichkeit getestet werden.
Die De-Mail ist ein Beispiel dafür. Während in Berlin noch an einem Gesetz für die sichere, rechtsverbindliche E-Mail getüftelt wird, hat der Autozulieferer ZF schon die Lohnabrechnung per De-Mail erprobt, technische Hürden ausgeräumt und neue Anwendungsfelder entdeckt. Ein anderes Beispiel ist Gluco-Tel, eine Anwendung für Diabetiker. Hier fungiert das Telefon als automatischer Übermittler von Zuckerwerten, auf die der Arzt reagieren kann, wenn er es für angemessen hält.
In den Augen von Projektarzt Germar Büngener kann das Gerät die Rettung für so manchen Diabetiker sein. „Die Patienten schreiben aus Scham oft falsche Werte auf, wohl wissend, dass die Sahnetorte des Guten zu viel war“, berichtet Büngener aus der Praxis und verweist auf Zigtausende Amputationen, die nötig sind, weil Diabetiker falsch eingestellt sind. Was sich für die Krankenkassen rechnen könnte, muss für die Telekom noch kein Geschäft sein, räumt Projektleiter Kurt Bächle ein. Kundenbindung, Imagegewinn - das immerhin scheint gesichert mit einem solchen Angebot.
Mehrfach-Reservierungen und Planungschaos sind jetzt in Friedrichshafen passé
Ausgerechnet im Kindergarten ist die Telekom schon weiter. Mit einer sogenannten Cloud Community für die Online-Anmeldung erschließt sich das Unternehmen einen großen Markt. „Die Eltern mussten sich durchfragen, und wir konnten oft nicht weiterhelfen“, berichtet Ulrike Schulta, die seit 27 Jahren im Kindergarten des Stadtteils Kluftern arbeitet, von den Mühen der Kindergartensuche. Mehrfach-Reservierungen und Planungschaos sind jetzt in Friedrichshafen passé. Das Problem, so banal es klingt, ist zigtausendfach bekannt, auch in Schulen und Universitäten, und für die Telekom schon deshalb ein Geschäft. Studenten in ganz Deutschland werden von der Erfahrung in Friedrichshafen profitieren, wenn sie zum Wintersemester 2011 erstmals ihren Studienplatz über das in T-City erprobte System reservieren können.
Die Innovationslust scheint auch den Oberbürgermeister von Friedrichshafen erfasst zu haben. „Man wird im nächsten Jahr über eine Verlängerung des Projekts verhandeln“, kündigt Andreas Brand mit Blick auf das Vertragsende im März 2012 schon einmal an. Brand, der noch weitab von Friedrichshafen tätig war, als sich die Stadt im Wettbewerb der Telekom gegen 52 andere Kommunen durchsetzte, macht sich indes keine Illusionen darüber, dass T-City längst nicht bei allen Bürgern auf großen Widerhall stößt. Die „Häfler“, wie sie sich selbst nennen, seien sehr anspruchsvoll: Mit einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent, einem hohen Anteil an Arbeitsplätzen in Forschung und Entwicklung und einer außergewöhnlich guten Ausstattung dank der Zuwendungen der Zeppelinstiftung müsse die Telekom schon Außergewöhnliches bieten.
Die Erlösung vom Dauerstau am Bodensee beispielsweise: „Im Zeitalter von GPS und iPhone kann es doch nicht richtig sein, mit Vor-Wegweisern zu arbeiten“, gibt der Oberbürgermeister den Arbeitsauftrag vor: „Ich will keine Schilderbrücken, sondern Infos in den Autos.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |