04.01.2008 · Keine deutsche Internetseite hat so viele Besucher wie das Netzwerk StudiVZ. Es bedient die Eitelkeit von Jugendlichen. Doch das allein reicht nicht zum Geldverdienen.
Von Patrick BernauSie ist die Überraschung des Jahres, die Studenten-Website StudiVZ: Gerade mal zwei Jahre ist sie alt - und sie hat doch die großen Platzhirsche im deutschen Internet deklassiert. Als der Medienkontrolleur IVW im Mai erstmals die Seitenaufrufe von StudiVZ zählte, setzte sich die Website direkt auf Platz eins der Rangliste - vor den großen Anbietern wie T-Online und Yahoo. Seitdem hat StudiVZ seine Abrufe verdoppelt. Und auf dem zweiten Platz steht wahrscheinlich bald der jüngere Ableger SchülerVZ - mit fast genauso vielen Abrufen, sagen die Macher von StudiVZ.
Rund zwei Millionen Studenten gibt es in Deutschland, StudiVZ hat aber auch andere junge Leute und viele Uni-Absolventen angezogen und kommt damit auf vier Millionen Mitglieder. Durchschnittlich besucht jeder Nutzer die Seite 38 Mal im Monat.
StudiVZ hat fast alle deutschen Studenten erreicht
Das Besondere an StudiVZ ist: Wohl noch nie hat ein Unternehmen die Studenten so vereinnahmt. Dabei probieren es viele. Handyfirmen, Banken und Versicherungen: Sie alle umwerben ihre künftigen Kunden, die noch ein langes kaufkräftiges Leben vor sich haben. Doch es waren drei junge Leute in den letzten Semestern ihres Studiums, die als Gründer von StudiVZ fast alle deutschen Studenten erreicht haben: Die StudiVZ-Macher starteten im Oktober 2005 als Nachbau der amerikanischen Website „Facebook“. Die Idee dahinter: Die Nutzer können Lieblingsbücher, Hobbys, Fotos und die besuchten Vorlesungen zeigen und mit ihren Freunden Nachrichten austauschen. Und die Freunde der Freunde kennenlernen. Oder eben Menschen mit ähnlichen Interessen.
Der Erfolg ist enorm. Im Januar 2007 kaufte der Holtzbrinck-Verlag die Seite für etwa 80 Millionen Euro. Damals hatte StudiVZ schon zwei Drittel der deutschen Studenten als Mitglieder. Das andere große deutsche Freizeitnetzwerk, „Lokalisten“, ist hingegen weit abgeschlagen.
„Netzwerk-Effekt“
Ökonomen wissen: Sobald die Nutzerzahl erst mal eine kritische Masse erreicht hat, wächst sie zuverlässig weiter. Denn für jeden einzelnen Studenten lohnt es sich umso mehr mitzumachen, je mehr seiner Freunde dabei sind. Als „Netzwerk-Effekt“ bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler dieses Phänomen. Man kann es im Fall des StudiVZ auch „Gruppendruck“ nennen.
Doch warum hat das StudiVZ - das letztlich nur ein Poesiealbum mit elektronischen Mitteln ist - überhaupt solch eine kritische Größe erreicht? Die Antwort: weil es den Nutzern hilft, die eigenen Freundschaften zu pflegen. „Es geht darum, eine persönliche Öffentlichkeit zu schaffen“, sagt der Hamburger Soziologe Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. „Die Leute wollen ausdrücken, wie sie sind.“ Ob sie gerne Paulo Coelho lesen, sich am liebsten mit Wodka betrinken oder für Klausuren immer erst auf den letzten Drücker lernen - all das lässt sich im StudiVZ zeigen, auch Gleichgesinnte finden sich schnell. Und wer ein neues Lieblingsbuch hat, kann das seinen Freunden mitteilen, ohne sie zu belästigen, indem er das im StudiVZ vermerkt. Schmidt sagt: Dass das auch andere lesen können, spiele keine große Rolle.
Eine ordentliche Portion Eitelkeit
Für so eine Einstellung mag eine ordentliche Portion Eitelkeit nötig sein, aber die wird ohnehin häufiger, wie die Soziologin Jean Twenge festgestellt hat. Sie hat Umfragen unter Jugendlichen verglichen, zum Beispiel die Reaktion auf Sätze wie: „Ich bin eine wichtige Person.“ Unter den 12- bis 14-Jährigen der fünfziger Jahre stimmten nur zwölf Prozent diesem Satz zu, doch seit den späten achtziger Jahren steht die Zustimmungsrate bei 80 Prozent.
Obwohl sich viele Internetnutzer offen zeigen, ist es nicht allen egal, wenn ihre eingetragenen Daten zu Geld gemacht werden. Das zeigte sich in den vergangenen Wochen auch bei StudiVZ: Als das Unternehmen neue Geschäftsbedingungen ankündigte, um die gesammelten Daten seiner Nutzer besser für Werbung verwenden zu können, begannen viele StudiVZ-Nutzer zu protestieren. Sie hatten Angst, dass ihre Daten verkauft werden. StudiVZ veröffentlichte eilends eine strengere Fassung der Geschäftsbedingungen, doch die beruhigte nicht alle Mitglieder. Wie der Streit ausgeht, entscheidet sich im Januar: Dann lässt StudiVZ nur noch die Nutzer auf die Seite, die den neuen Regeln zugestimmt haben.
Probleme mit dem Datenschutz
Dabei hatte schon das Vorbild Facebook Probleme mit dem Datenschutz: Sobald eines der Mitglieder im Versandhandel etwas bestellte, wurden dessen Freunde auf der Facebook-Seite darüber informiert. Der Ärger war groß, denn auf diese Weise erfuhren einige der Freunde, was sie zu Weihnachten geschenkt bekommen.
Kein Wunder, dass StudiVZ und Facebook neue Einnahmen suchen: Trotz der vielen Seitenaufrufe verkauft beispielsweise StudiVZ eben nur die Aufmerksamkeit von vier Millionen Nutzern plus zwei Millionen beim SchülerVZ. Das drückt die Werbepreise, denn der alte Internet-Platzhirsch T-Online hat 14 Millionen unterschiedliche Nutzer pro Monat.
Im kommenden Jahr soll das Unternehmen Geld verdienen
Mit originellen Werbeformen, die gut auf die Eigenschaften der Nutzer abgestimmt sind, könne die Reklame im StudiVZ zwar die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich ziehen, glaubt der Marketing-Experte Mark Pohlmann, und dann könnte das StudiVZ wieder mehr verlangen - aber diese Werbeformen habe noch keiner gefunden. Außerdem seien gar nicht alle Studenten für die Werbung interessant, sondern hauptsächlich diejenigen, die bald anfangen zu arbeiten und Geld zu verdienen. Und die müsse man herausfiltern. Dazu sei eben nötig, dass die Werbung auf die Nutzer zugeschnitten wird.
Ohne diese Funktion wird das Geldverdienen für StudiVZ schwer. Im kommenden Jahr solle das Unternehmen endlich als Ganzes Geld verdienen, sagt StudiVZ-Chef Marcus Riecke - wenn sich der Umsatz wie geplant mehr als verdoppelt. Und dazu sei personalisierte Werbung nötig.
Derzeit reichen nach Rieckes Angaben nur die Einnahmen der deutschen StudiVZ-Seite um diese Sparte in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die Seiten in anderen Ländern und das SchülerVZ schreiben Verluste.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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