19.04.2005 · Wieder gibt es Spekulationen, daß Springer seine bisherige Minderheitsbeteiligung beim Fernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 gerne aufstocken würde - womöglich zur Mehrheit. Kartellrechtlich stehen die Chancen für eine Übernahme recht gut.
Von Marcus TheurerDaß der Verlag ihrer Tageszeitung auch im Fernsehgeschäft aktiv ist, kann Lesern der Tageszeitung "Die Welt" spätestens seit letzter Woche nicht mehr verborgen geblieben sein. Auf Seite eins erfuhren sie am vergangenen Dienstag, daß beim Privatsender Pro Sieben eine neue Fernsehserie namens "Desperate Housewives" beginne, die bereits den amerikanischen Fernsehpreis Golden Globe erhalten habe und im Ausland immens erfolgreich sei. Über die Meldung setzten die "Welt"-Blattmacher gar ein großes Farbfoto, auf dem die "Verzweifelten Hausfrauen" von Pro Sieben adrett posierten.
Ob der Axel Springer Verlag die Leser seines publizistischen Flaggschiffs "Welt" demnächst wohl öfter prominent übers Fernsehprogramm informiert? Jedenfalls interessiert man sich beim größten deutsche Zeitungsverlag ("Bild") nicht erst seit vergangener Woche sehr fürs Fernsehen.
Haim Saban will rasch Kasse machen
Schon seit Monaten ist bekannt, daß Springer seine bisherige Minderheitsbeteiligung beim Münchner Fernsehkonzern Pro Sieben Sat.1 von derzeit 11,8 Prozent gerne aufstocken würde - womöglich zur Mehrheit. Zu Wochenbeginn kochten die Spekulationen erneut hoch (F.A.Z. vom 19. April). Und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner wird wohl auch auf der an diesem Mittwoch anstehenden Hauptversammlung des Verlagskonzerns nach diesem Thema gefragt werden. Die Chance scheint jedenfalls greifbar nahe, denn wichtige Gesellschafter bei Pro Sieben Sat.1 sind offenbar zum Verkauf bereit.
Bislang wird die Senderkette, die gemeinsam mit dem zu Bertelsmann gehörenden Konkurrenten RTL das deutsche Privatfernsehen beherrscht, mehrheitlich von einem Konsortium um den amerikanischen Medienunternehmer Haim Saban kontrolliert. Doch dessen Partner aus der Finanzbranche wollen angesichts stattlicher Kursgewinne seit dem Einstieg vor anderthalb Jahren dem Vernehmen nach rasch Kasse machen. Übernähme Springer-Chef Döpfner diese Anteile komplett, könnte der Verlag schon bald sogar die Stimmenmehrheit bei Pro Sieben Sat.1 erlangen.
Medienmanager glauben fest an „Synergievorteile“
Aus unternehmerischer Sicht wäre das Zusammenfügen von Fernsehsendern, Zeitungen und Zeitschriften reizvoll. Durch das Zusammenschalten der verschiedenen Medien - wie etwa bei "Desperate Housewives" - können sich im Idealfall Verlag und Sender Zuschauer und Leser gegenseitig zuschanzen. Schließlich ist Springer ja auch im Programmzeitschriften-Geschäft stark vertreten.
In der Praxis klappt das Zusammenspiel zwar nicht immer, doch die meisten Medienmanager glauben fest an solche "Synergievorteile". Zudem wäre auch im Werbegeschäft die Position von Springer und Pro Sieben Sat.1 zusammen gewaltig. Schon der gescheiterte frühere Pro-Sieben-Eigentümer Leo Kirch hing deshalb dem Traum vom allumfassenden Medienimperium an, biß sich allerdings am Widerstand von Friede Springer, der Mehrheitsaktionärin des Großverlags, die Zähne aus.
„Langfristige publizistische Zielsetzung“
Was Kaufleuten wie Döpfner und Saban Appetit macht, sorgt bei Medienexperten für Bedenken. "Das wäre eine medienpolitische Katastrophe", sagt Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut. "Eine solche publizistische Machtballung hätte Deutschland noch nie gesehen", warnt der Medienwissenschaftler.
Es gibt allerdings auch andere Stimmen: "Ich fände es wünschenswert, daß Springer und Saban Pro Sieben Sat.1 gemeinsam führen", sagt Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), dessen Behörde den Münchner Fernsehkonzern beaufsichtigt. Es sei schließlich auch für die Programmqualität besser, wenn die Sendergruppe von Eigentümern "mit einer langfristigen publizistischen Zielsetzung" geführt werde, statt von branchenfremden Finanzhäusern mit kurzem Investitionshorizont, argumentiert Ring.
Starke Stellung auf „verwandten Märkten“
So offensichtlich der Zuwachs an Medienmacht durch einen Zusammenschluß von Springer und Pro Sieben Sat.1 wäre: Medien- und kartellrechtlich stehen die Chancen, den Coup genehmigt zu bekommen, nach Einschätzung von Fachleuten gar nicht so schlecht. Medienrechtlich sehen Röper und Ring gar keine Hindernisse: Privatfernsehbetreiber dürfen in Deutschland einen Zuschauermarktanteil von rund 25 Prozent kontrollieren. "Pro Sieben Sat.1 liegt klar unter dieser Schwelle", sagt Ring.
Bleibt als weitere Hürde das Bundeskartellamt. Nach dem Rundfunkstaatsvertrag darf die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) keine Genehmigung erteilen, wenn eine vorherrschende Meinungsmacht eines einzelnen Unternehmens zu erwarten ist. In der Regel wird diese bei einem Zuschauer- oder Höreranteil anteil von 30 Prozent angenommen. Von dieser Schwelle ist Pro Sieben mit seinen insgesamt sechs Fernsehprogrammen und einem Zuschaueranteil von rund 22 Prozent weit entfernt. Allerdings könnte die KEK strengere Maßstäbe anlegen, weil Springer auf "verwandten Märkten", nämlich den Privatradios, bereits eine starke Stellung hat. Unabhängig von der medienpolitischen Bewertung prüft das Bundeskartellamt, ob die Übernahme eine marktbeherrschende Stellung verstärkt oder entstehen läßt. Eine Anmeldung liegt bisher nicht vor.
Woher die Milliarden nehmen?
Jedoch: "Auch kartellrechtlich wäre es schwierig, einen solchen Zusammenschluß zu verbieten", erwartet Medienexperte Röper. Der hohe Zuschauermarktanteil von Pro Sieben Sat.1 sei für das Kartellamt nicht relevant, weil die Behörde sich nur für Marktbeziehungen interessiere: Die Sender sind aber kostenlos zu empfangen. Auch die Machtballung im Werbemarkt hält er für kein entscheidendes Hindernis: "Bisher jedenfalls hat das Kartellamt, Fernsehwerbe- und Anzeigengeschäft immer als getrennte Märkte angesehen." Und auch wenn die Werbemärkte zusammen betrachtet werden, könne Springer immer noch auf das Gegengewicht durch Rivalen Bertelsmann verweisen, sagt Röper. Der Gütersloher Medienkonzern ist mit RTL und Gruner + Jahr ("Stern", "Financial Times Deutschland") auch im Fernsehen und im Verlagsgeschäft aktiv.
Liegen die Beobachter richtig, dürfte das Hauptproblem zumindest für die Übernahme der Mehrheit von Pro Sieben Sat.1 durch Springer ein finanzielles sein. Dafür müßte der Großverlag, der vergangenes Jahr selbst 2,3 Milliarden Euro Umsatz machte, nämlich voraussichtlich einen Milliardenbetrag lockermachen. Und der müßte vermutlich mit Krediten finanziert werden. Eine Kapitalerhöhung ist dagegen unwahrscheinlich, weil Friede Springer ihre in den vergangenen Jahren mühsam zusammengekaufte knappe Kontrollmehrheit wohl kaum wieder aus der Hand geben will.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,66 | +0,50% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2528 | −0,10% |
| Rohöl Brent Crude | 106,87 $ | −0,36% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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