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Spielkonsolen Hoch gereizt und viel gewonnen

10.08.2007 ·  Während andere Hersteller auf dem Markt für Spielekonsolen kämpfen, schlägt Nintendo alle Rekorde. Mit der neuen Videospielkonsole „Wii“ landete das Unternehmen den alles entscheidenden Hit.

Von Stephan Finsterbusch
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Nintendo ist da, wo andere gern wären: ganz oben. Während Sony, der skandalgeplagte Branchenprimus der Videospielindustrie, gegen schwere Imageverluste kämpft, der Computerriese NEC seit Jahren an seiner Neuausrichtung werkelt und Hitachi wieder mit Verlusten arbeitet, bricht die kleine, aber erfolgreiche Nintendo-Gruppe alle Rekorde. Kein japanischer Hightechkonzern verbuchte so hohe Gewinnsprünge, kaum einer hat so gute Renditen und keiner ein so klar ausgerichtetes Geschäft wie Nintendo.

Mit der neuen Videospielkonsole "Wii" landete das Unternehmen den alles entscheidenden Hit. Das Modell verkaufte sich seit dem Markteintritt vor knapp einem Jahr zehn Millionen Mal, erschloss quer durch alle Altersschichten neue Kunden und gilt weltweit als gesellschaftliches Phänomen. Die Schar der Spieler spricht von "Nintendomania", die Börse von einer Attraktion. Schwingt sich die Firma aus der alten Kaiserstadt Kyoto doch gerade zu einem der Schwergewichte auf dem Tokioter Handelsparkett auf. Innerhalb von zwei Jahren vervierfachte sich der Aktienkurs. Ein Ende ist nicht in Sicht.

In den Top-Ten des Nikkei

Zwar erlöst Nintendo kaum 6 Milliarden Euro im Jahr. Doch verbuchte die Firma 2006 einen Betriebsgewinn von 1,5 und einen Überschuss von 1,1 Milliarden Euro. Umsatz- und Kapitalrenditen sind hoch. Für 2007 verspricht der Vorstand weitere Steigerungen. Anleger wirken verzückt, die Vorstände begeistert. Gemessen an der Marktkapitalisierung von 50 Milliarden Euro stieg Nintendo im Frühjahr in die Top-Ten des Analystenhauses Nikkei auf. Damit schob es sich auf dem Olymp von Japans Wirtschaft vor Industriegiganten wie Honda oder Mitsubishi und hinter Nippon Telegraph, Canon und Toyota.

Satoru Iwata ist zufrieden. Der Präsident von Nintendo hat hoch gereizt und viel gewonnen. Als er im Frühjahr 2002 von Konzernchef Hiroshi Yamauchi zu einem klärenden Gespräch einbestellt wurde, rechnete er eigentlich mit einer Kündigung. Zu jener Zeit ging es Nintendo finanziell nicht gut. Microsoft machte sich mit einem milliardenschweren Budget daran, die globale Videospielbranche von hinten aufzurollen. Sony fegte Wettbewerber wie Sega und Bandai vom Konsolenmarkt. Nintendo schien das nächste Opfer dieser Auslese zu sein. Der Konkurrenzkampf war hart, Sony und Microsoft konzentrierten sich ganz auf einen Zweikampf.

Iwata rechnete mit blauem Brief

Nintendo verlor Marktanteile, der Umsatz stagnierte, und der Gewinn brach ein. Der amtierende Vorstand suchte nach Auswegen und beschnitt Produktions-, Personal- sowie Investitionskosten. So glaubte Iwata, schon bald einen blauen Brief in Händen zu halten. Doch es kam anders. Der Programmierer war gerade 42 Jahre alt geworden, hörte sich nun die Lebensbeichte seines obersten Chefs an und fand sich im weiteren Verlauf in ein Gespräch über die Strategie der Firma verwickelt. Iwata hatte nichts zu verlieren. Er trug seine Ansichten, Ideen und Pläne vor. Kurz darauf trat sein Chef überraschend zurück.

Yamauchi hatte Nintendo fünfzig lange Jahre geführt. Er hatte die Firma von einem Kartenspiellieferanten der Unterwelt zu einer Hochtechnologiegruppe der Spielindustrie gemacht, hatte ein Vermögen von 3 Milliarden Euro verdient und damit einen Platz unter den reichsten Männern Asiens erobert. Als er Ende der vierziger Jahre an die Spitze von Nintendo rückte, galt er als jung und unerfahren. Das Personal ließ ihn das spüren. Yamauchi reagierte. Er entließ das halbe Management und sah seine Autorität fortan nie wieder in Frage gestellt. Als er hochbetagt im Mai 2002 abtrat, machte er in einer quasi letzten Amtshandlung Iwata zu seinem Nachfolger.

Vorbild Apple

Der hatte schon als Gymnasiast Taschenrechner zu Videospielgeräten umgebaut, studierte Computertechnik am renommierten Tokyo Institute of Technology und arbeitete für den Softwareentwickler HAL-Laboratory. Iwata galt als Tüftler und Bastler, als technisch genial und wirtschaftlich begabt. Mit 33 wurde er Chef von HAL, mit 41 wechselte er in die Planungsabteilung von Nintendo, mit 42 stand er an der Spitze der Firma. In der 120 Jahre währenden Geschichte des Unternehmens wurde er der erst vierte Präsident. Iwata erhielt von der Gründerfamilie Yamauchi Vorschusslorbeeren und von den übrigen Aktionären Kredit. Das zahlte sich aus.

Iwata baute eine neue Führungsmannschaft auf und ging an die Arbeit. Nach dem Vorbild des Computerherstellers Apple lagerte er ganze Produktionsstrecken aus, verpasste den Produkten fetzige Designs, erschloss neue Vertriebskanäle und investierte stark in die Werbung. Sein erstes großes Produkt war die Handkonsole "Nintendo DS". Mit zwei Bildschirmen, einem Touchscreen, Headset, einer Palette klassischer Nintendo-Software sowie einer millionenteuren Marketingkampagne rangierte das Gerät seit 2004 in der Gunst der Kundschaft vor der damals neuen "Playstation-Portable" von Sony. Später sollte Iwata die "DS" als Testlauf bezeichnen.

Alles zum kleinen Preis

Der Test war bestanden, Iwata ging an den ganz großen Auftritt. Im Herbst 2006 brachte er die "Wii-Konsole" auf die weltweiten Märkte. Hatte das Unternehmen mit seinen früheren Konsolen Nintendo-64 und Game-Cube noch versucht, im technischen Wettrennen gegen Sony mitzuhalten, so setzte es mit der Wii ganz auf Minimalismus. Heute verkauft Nintendo mehr als eine halbe Million Geräte im Monat, dabei ist die Konsole kaum größer als drei nebeneinandergelegte CD-Hüllen. In der Box steckt ein halb so leistungsfähiger Chip wie in Sonys Playstation, doch dafür ist das Gerät nur halb so teuer.

Die Rechnung ging auf: ein technisch bescheidenes Gerät, ein paar spezielle Features, eine große Hausbibliothek an Spielen, und das alles zum kleinen Preis. Darüber hinaus peilt Iwata an, die Kundschaft auf ältere Generationen zu erweitern. In wenigen Jahren wird Japan 30 Millionen Rentner haben. Diese finanzkräftige Zielgruppe gewinnt Nintendo nun für sich. So steht das Unternehmen nicht nur in seiner Branche derzeit ganz oben.

Quelle: F.A.Z., 11.08.2007, Nr. 185 / Seite 16
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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