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Soziale Netzwerke am Arbeitsplatz Nur mal kurz geklickt

04.06.2011 ·  Soziale Netzwerke lenken Mitarbeiter von ihren Aufgaben ab, so lautet der gängige Vorwurf. Forscher halten dagegen: Wenn Unternehmen einen toleranten Umgang mit sozialen Netzwerken pflegen, können sie sogar profitieren.

Von Tomasz Kurianowicz
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Sie chatten auf Skype, posten auf Facebook und surfen auf Xing. Mitarbeiter, die soziale Netzwerke ausgiebig nutzen, können für Arbeitgeber zum Problem werden, wenn sie ihren Schreibtisch zur digitalen Spielwiese verwandeln. Soziale Medien und häufige E-Mails senken die Produktivität der Büroarbeiter, hat eine Studie des Marktforschungsunternehmens Usamp jüngst ergeben. Danach arbeiten 45 Prozent der Arbeitnehmer höchstens 15 Minuten am Stück, ohne unterbrochen zu werden. Doch anstatt das Gespräch zu suchen, wissen sich Unternehmensleiter oft nicht anders zu helfen, als die Internetzugänge des gesamten Personals einzuschränken. Vor allem in Deutschland gleicht die Online-Nutzung am Arbeitsplatz immer noch dem heimlichen Naschen an einer verbotenen Frucht: Viele Firmen sperren hochfrequentierte Seiten wie Youtube, Facebook und Einkaufsportale wie Ebay und Amazon, damit sich die Mitarbeiter wieder auf das fokussieren können, wofür sie bezahlt werden: aufs Arbeiten.

Doch trägt diese restriktive Anti-Internet-Politik überhaupt zu erhöhter Produktivität und Leistungsbereitschaft bei? Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Kopenhagen behauptet das Gegenteil: Darin heißt es, dass es geradezu kontraproduktiv sei, Mitarbeitern das Surfen im Netz zu verbieten. Die Psychologen erklären ihre Untersuchungsergebnisse mit einer einfachen Argumentation: Das Abstrafen von Mitarbeitern, die viel Zeit im Internet verbringen, zerstöre die Arbeitsmoral und führe zu demotivierendem Frust.

Ein eingeschränkter Internetzugang wirke wie ein vorgeschriebener Diätplan

Anstatt sich produktiv an seine Herausforderungen zu machen, ist der digital kastrierte Angestellte enttäuscht über das Misstrauen, das ihm vom Unternehmen entgegengebracht wird, und über die ihm entzogene Freude, die er sich zwischen den Aufgaben gönnt - wie etwa durch den Klick auf sein Facebook-Profil oder ein amüsantes Video bei Youtube. Die Studie legt dar, dass die Energie, die der Mensch zur Kontrolle seiner digitalen Bedürfnisse aufbringen müsse, anschließend bei der Problembewältigung fehle. Ein eingeschränkter Internetzugang wirke also wie ein vorgeschriebener Diätplan - so, als ob man eine Keksdose und eine Schüssel mit Radieschen vorgesetzt bekommt und vom Chef den Satz hört, dass nur das Verspeisen der Radieschen gestattet sei.

Dabei ist an kurzer digitaler Zerstreuung nichts auszusetzen: In Maßen konsumiert, könne das Internet sogar leistungssteigernde Wirkung entfalten. Das haben die Kopenhagener Psychologen innerhalb eines Experiments herausgefunden, in dem ausgewählte Männer und Frauen in zwei Gruppen einen Arbeitsalltag simulierten - die eine Gruppe bekam ein lustiges Youtube-Video zu sehen, bei der anderen erschien auf dem Monitor die Meldung, dass das Anschauen von Youtube-Videos verboten sei. Währenddessen hörte die eine Gruppe die andere lachen. Als dann beide Gruppen vor die gleiche Aufgabe gestellt wurden, waren jene, die sich das Video ansehen durften, entspannter, effektiver und ergebnisorientierter als jene, denen der Klick auf das Video untersagt war.

Nicht in engen Toiletten mit Smartphones verstecken

Es fand also der gegenteilige Effekt statt, den man gemeinhin annimmt: Nicht die Youtube-Nutzer fühlten sich beim Lösen der Aufgabe abgelenkt und zerstreut, sondern gerade diejenigen, die über einen eingeschränkten Internetzugang verfügten. Der Psychologe Roy Baumeister erklärt diese auffällige Reaktion damit, dass strikte Verbote negative Gefühle wie Hemmungen und Enttäuschungen freisetzen würden. Wer etwas unbedingt will und es nicht bekommt, arbeitet mit halber Kraft, weil er mit Frustverarbeitung beschäftigt ist.

Deshalb fordern die dänischen Psychologen dazu auf, Angestellten einen ausgewogenen Umgang mit dem Internet zu ermöglichen, anstatt sie zu zwingen, sich in engen Toiletten mit Smartphones zu verstecken und in einer Atmosphäre des Schreckens ihren Bedürfnissen nach digitaler Stimulanz nachzugehen. Ein freies Internetzeitfenster wäre eine Lösung oder die stille Akzeptanz eines tolerierbaren Surfverhaltens.

Diese Erkenntnis setzt sich langsam auch in Deutschland durch - gerade in jenen Firmen, die in der Vergangenheit für eine strikte Internetpolitik bekannt waren. Die Allianz-Versicherungsgruppe ist so ein Unternehmen, das vormals gesperrte Seiten wieder frei schaltet, weil immer mehr Bereiche im Arbeitsalltag auf Neue Medien angewiesen sind. „Ich glaube, dass es keinen Sinn macht, bestimmte Seiten wie Youtube und Xing zu sperren, weil wir ja als Unternehmen diese Seiten selbst produktiv nutzen, um neue Kunden und Personal zu akquirieren“, sagt Vera Werner, Sprecherin für Personalthemen bei der Allianz. Das heiße zwar nicht, dass das Internet privat genutzt werden könne. Doch seien soziale Netzwerke ein so wichtiger Bestandteil des beruflichen Alltags geworden, dass es absurd wäre, das Potential dieser Seiten - wenn es denn den Interessen des Unternehmens diene - nicht zu nutzen.

„Bitte erst nach Feierabend!“

Das sieht auch Markus Walter so, Social Media Communicator bei der Allianz. Für ihn ist das Ablenkungspotentzial des Internets keine neue Thematik, sondern eher eine grundsätzliche Frage der persönlichen Arbeitsmoral: „Mitarbeiter, die während der Arbeitszeit Zerstreuungen gesucht haben - sei es nun der Blick in eine Zeitung oder der aus dem Fenster -, gab es schon immer. Auch vor der Erfindung des Internets. Der Knackpunkt ist vielmehr: Am Ende des Tages kommt es darauf an, dass jeder die mit seinem Vorgesetzten vereinbarte Leistung erbringt. Wenn die sozialen Medien oder auch die Lektüre der Tagespresse ihn dabei unterstützen - umso besser. Wenn nicht, kann der Chef berechtigterweise sagen: „Bitte erst nach Feierabend!“

Das Fazit der dänischen Psychologen lautet: Wer ab und zu sein Facebook-Profil nutzt, tankt seine Ressourcen auf und steigert seine Motivation. Das ist dann nichts anderes als die analoge Zigaretten- oder Kaffeepause, die noch im 19. Jahrhundert als irrsinnige Forderung galt und heute zu den Selbstverständlichkeiten des Arbeitsalltags gehört. Wer würde heute schließlich noch auf den Gedanken kommen, einem Mitarbeiter den lebensrettenden Gang zur Kaffeemaschine zu verbieten?

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