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Sonntagsökonom Das Gute an den Monopolen

25.09.2006 ·  Wenn in einer Marktwirtschaft alle das gleiche tun, wird das Leben manchmal leichter. Microsoft zeigt, daß das funktioniert.

Von Patrick Welter
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In der Marktwirtschaft ist es manchmal gut, wenn alle das gleiche tun. Es ist effizient, wenn viele Menschen auf ihren Computern das gleiche Betriebssystem installiert haben, weil sie so leichter Dateien austauschen können. Es ist vorteilhaft, wenn Benutzer von Videorecordern das gleiche System nutzen, weil sie dann leichter Filme tauschen können und in Videotheken ein größeres Angebot vorfinden. Kurzum, es ist sinnvoll, wenn sich Standards entwickeln und durchsetzen.

Für Ökonomen sind Standards Güter, die sich durch Netzwerkexternalitäten auszeichnen. Der erste Käufer eines Faxgerätes steht ziemlich einsam da. Einen Wert erhält das Gerät erst, wenn auch andere Menschen Faxgeräte besitzen und man Faxe hin- und herschicken kann. Je mehr Menschen sich dem Netzwerk anschließen, desto größer ist der Wert des Faxgerätes für jeden einzelnen. Liegen Netzwerkexternalitäten vor, steigt der Nutzen eines Gutes für jeden Anwender mit der Zahl der Menschen, die sich für das Gut entscheiden. Deshalb ist solchen Märkten eine Tendenz zur Monopolisierung eigen. Schädlich müssen solche Monopole nicht sein, denn es ist in diesen Fällen ja sinnvoll, daß viele Menschen das gleiche Produkt oder den gleichen Standard verwenden.

Standards entwickeln Beharrungskraft

Ist ein Standard erst einmal eingeführt, entwickelt er eine enorme Beharrungskraft. Innovative, bessere Standards haben es am Markt dann schwerer, weil für einzelne Nutzer die Kosten eines Wechsels prohibitiv hoch sind. Wenn alle Microsoft Windows als Betriebssystem für ihre Computer verwenden, ist es für niemanden ratsam, als einziger eine andere Software zu verwenden.

Damit sich ein neuer Standard durchsetzt, bedarf es einer kritischen Masse von Nutzern. Märkte mit Netzwerkexternalitäten sind deshalb durch Pfadabhängigkeiten gekennzeichnet: Der erste Standard, der viele Nutzer vereint, kann für sehr lange Zeit das Angebot dominieren. Die Nutzer bleiben in dem Netzwerk, weil die Vorteile, dazuzugehören, überwiegen. So könnte der historische Zufall und nicht die wettbewerbliche Innovation die Entwicklung eines Marktes bestimmen.

Die Fabel von Qwerty

Ökonomen sind für ihr Mißtrauen bekannt. Könnte es sein, daß die Marktwirtschaft versagt, weil die Konsumenten in ineffizienten Netzen gefangen sind? In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es populär, Pfadabhängigkeiten als Marktversagen zu untersuchen. Als Beispiel mußte die Qwerty-Buchstabenbelegung auf Schreibmaschinen herhalten. Mit Q-W-E-R-T-Y beginnt auf den Tastaturen amerikanischer Schreibmaschinen die erste Buchstabenreihe. In Europa müßte es Qwertz heißen, weil hier das Z an der Stelle des amerikanischen Y sitzt.

Der Qwerty-Standard entstand nach Analyse des Ökonomen Paul David aus einer technischen Notwendigkeit heraus. Auf mechanischen Schreibmaschinen sei es sinnvoll gewesen, häufig angeschlagene Buchstaben weit entfernt voneinander anzuordnen, damit die Buchstabentypen sich in der Maschine nicht verhedderten. Diese Schwierigkeiten gibt es auf modernen Computern nicht mehr. Dennoch tippen wir alle noch nach Qwerty. Ist das sinnvoll? Könnten wir mit einer anderen Buchstabenbelegung schneller und mit weniger Fehlern tippen?

In den dreißiger Jahren entwickelte August Dvorak in Amerika eine angeblich bessere Tastaturbelegung, die er sich patentieren ließ. Die Dvorak-Tastatur setzte sich nicht durch, obwohl eine vielzitierte Studie der amerikanischen Navy aus den vierziger Jahren ihre Vorteile bestätigte. Die Kosten des Umstiegs auf das Dvorak-System waren zu hoch, nachdem Qwerty zum Standard geworden war, analysiert David. Freilich wurde die Navy-Studie wahrscheinlich unter Leitung von Dvorak selbst durchgeführt, und andere Studien kamen zum gegenteiligen Schluß. Für viele Ökonomen hält die Geschichte der Qwerty-Tastatur dennoch als Beleg her, daß Netzwerkexternalitäten zu Marktversagen führen.

Betamax gegen VHS

Mancher mag sich auch noch an das Videosystem Betamax von Sony erinnern, das in den achtziger Jahren im Kampf der Standards den VHS-Bändern unterlag. Auch hier wird kolportiert, daß Betamax technisch überlegen war, sich aber gegen das schnell Verbreitung findende VHS-System nicht habe durchsetzen können. Doch auch hier widerlegt die Geschichte die Theorie, wie Stan Liebowitz und Stephen Margolis zeigen. Sony hatte den Startvorteil und war mit Betamax ganze zwei Jahre vor den VHS-Konkurrenten am Markt.

Doch verlor das Unternehmen dann rasant Marktanteile, weil VHS im Gegensatz zu Betamax die Aufzeichnung ganzer Spielfilme am Stück ermöglichte, was die Kunden schätzten. Die Geschichte des Videostandards zeigt damit gerade keine Ineffizienz, im Gegenteil: Trotz Netzwerkexternalitäten setzte sich der Standard durch, den die Verbraucher bevorzugen.

Vereinigte Staaten gegen Microsoft

Bei genauer Betrachtung spricht auch in der Theorie einiges dafür. Solange Standards durch Patentrechte geschützt sind, schöpfen Unternehmen die Vorteile ihrer Verbreitung als Gewinn ab. Im Wettbewerb am Markt werden die Netzwerkexternalitäten internalisiert, wie Ökonomen sagen - und sie bieten den Unternehmen gerade den Anreiz, um die Verbreitung ihrer Standards zu wetteifern. Im Rennen um die Vorherrschaft gilt es, schnell viele Kunden anzuziehen, um dann über die Netzwerkvorteile weitere Kunden zu gewinnen. Deshalb lohnen sich subventionierte Einführungspreise. Den längsten finanziellen Atem in diesem Wettlauf hat dabei üblicherweise das Unternehmen, dessen Standard größeren Nutzen bietet.

Obwohl die Theorie der schädlichen Nebenwirkungen von Netzwerkexternalitäten schwach fundiert ist, hat sie Prominenz gewonnen. Sie war ein Argument der Anklage im Prozeß Vereinigte Staaten gegen Microsoft. Das Unternehmen habe wegen der Netzwerkexternalitäten Monopolmacht gewonnen und diese ausgenutzt. Aus Verbrauchersicht ist diese Anklage nicht nachvollziehbar: Microsoft hat mit jeder Version sein Betriebssystem verbessert, neue Funktionen wie den Internet-Explorer eingebaut, und dennoch wurde das Programm billiger. Genau das erwarten Verbraucher von einem Unternehmen im Wettbewerb. Greifen Regierungen hier bestrafend ein, mindern sie den Anreiz für andere Unternehmen, Microsoft die Vorherrschaft streitig zu machen. Das ist Politik-, aber nicht Marktversagen.

Paul David: Clio and the Economics of Qwerty. American Economic Review, Bd. 75, Mai 1985, S. 332-337.
S.J. Liebowitz und Stephen Margolis: The Fable of the Keys. Journal of Law and Economics, Bd. 33, April 1990, S. 1-26.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.09.2006, Nr. 38 / Seite 36
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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