07.10.2004 · Das „Shared Service Center“ des Softwarekonzerns in Prag, der Lohnbuchhaltung oder Reisekostenabrechnung übernehmen könnte, geht 2005 in Betrieb. Die IG Metall sieht 1300 Arbeitsplätze gefährdet.
Der Softwarekonzern SAP plant die Verlagerung von Verwaltungsaufgaben aus der Konzernzentrale in Walldorf und seinen europäischen Ländergesellschaften nach Prag.
Nach Angaben eines SAP-Sprechers könnten Funktionen wie beispielsweise Lohnbuchhaltung oder Reisekostenabrechnung im neuen sogenannten Shared Service Center in der tschechischen Hauptstadt europaweit gebündelt werden. Die Entscheidung für den Standort Prag sei gefallen, bestätigte er. Die Kapazität des neuen Standortes, der nächstes Jahr seine Arbeit aufnehmen soll, stehe allerdings noch nicht fest.
"Die Zahlen stimmen nicht, sie sind absurd"
Es sollen allerdings keine kompletten Abteilungen aus Walldorf nach Prag verlagert oder in Deutschland Arbeitsplätze in großem Umfang abgebaut werden. Das allerdings befürchtet die IG-Metall-Verwaltungsstelle in Heidelberg. 1300 Arbeitsplätze seien in Walldorf gefährdet, hieß es von dort. Andere Quellen wollen sogar von 1500 Stellen wissen. "Die Zahlen stimmen nicht, sie sind absurd", entgegnete der SAP-Sprecher. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen in der Größenordnung von SAP ist die IG Metall im Aufsichtsrat des Softwarekonzerns nicht vertreten. Die Interessen der Beschäftigten übernehmen in dem Gremium von der Belegschaft gewählte Vertreter.
Derzeit werden in Walldorf, wo SAP rund 8.500 Mitarbeiter beschäftigt, bestimmte Funktionen identifiziert, die künftig in Prag angesiedelt werden. Dann werde geprüft, welche Arbeitsplätze betroffen seien. Diejenigen Arbeitnehmer, deren Aufgaben nach Prag verlagert werden, sollen dann in anderen Stellen im Konzern aufgefangen werden. Durch die Verlagerung der Verwaltungsfunktionen "wird es keinen Arbeitsplatzabbau im großen Stil geben", betonte er, "Einzelfälle" wollte der Sprecher allerdings nicht ausschließen. Er wies darauf hin, daß SAP bereits angekündigt habe, in diesem Jahr weltweit rund 2.500 neue Stellen zu schaffen, davon entfallen auf Deutschland (wo insgesamt 13.700 Beschäftigte tätig sind) rund 500.
Nur ein Viertel der Kosten in Tschechien oder Ungarn
Die künftige Präsenz von SAP in Deutschland sei grundsätzlich davon abhängig, wie stark die Möglichkeiten von Verlagerungen genutzt werden. "Wenn nicht, dann stecken wir hier in der Kostenfalle." Es sei ein "Irrglaube, daß beispielsweise Stellen, die nicht nach Tschechien verlagert werden, hier erhalten bleiben". Als eine Art Blaupause für Prag dient die Zentralisierung von Verwaltungsfunktionen in Amerika und Asien. Dort hat SAP schon vor Jahren sogenannte Shared Service Center aufgebaut. In Newtown Square (Bundesstaat Philadelphia) ist das Personalwesen für die Verkaufsregion Amerika (Nord- und Südamerika, Kanada) angesiedelt und in Singapur die Finanzsparte für die Verkaufsregion Asien (China, Südostasien, Japan, Australien).
Die Verlagerung und Zentralisierung von Verwaltungsaufgaben hatte Vorstandsvorsitzender Henning Kagermann im Mai dieses Jahres im Gespräch mit dieser Zeitung angekündigt. "Arbeitsplätze, die in Deutschland zu teuer sind, müssen nach draußen", sagte er. In Tschechien oder Ungarn liegen die Preise etwa für die Gehaltskostenabrechnung oder die Buchhaltung bei einem Viertel, rechnete er vor. Die Leute seien gut ausgebildet, kulturell klappe es auch. Und bis das Wohlstandsniveau dort so hoch sei wie in Deutschland, vergehen noch zehn Jahre. "Dann kann man immer noch überlegen, ob man dort bleibt oder woanders hingeht."
Indien, China und Osteuropa wachsen
Die Verlagerung finde in der Industrie schon seit Jahren statt, jetzt folgten die Dienstleister, auch SAP. In den vergangenen Monaten waren im Softwarekonzern interne Unternehmensberater unterwegs, um nach verlagerungsfähigen Prozessen zu suchen. Fündig wurden sie beispielsweise beim telefonischen Kundendienst oder im Reportingbereich des Controlling. Letzteres ist nach Kagermanns Angaben eine sehr personalintensive Arbeit, die sich gut verlagern lasse. Prinzipiell verlagerungsfähig nannte der SAP-Chef im Frühjahr außerdem Bereiche wie die Gehaltsabrechnung und die Kreditoren- und Debitorenbuchhaltung.
"Von den Vereinigten Staaten nach Irland, von Deutschland nach Osteuropa oder Indien und von Australien und Japan in asiatische Länder", beschrieb Kagermann allgemein die wichtigsten Wanderwege der Arbeitsplätze bei globalen Unternehmen. Es lohne sich nicht mehr, alles in allen Ländern zu machen. Folglich werde zunächst zentralisiert und dann der günstigste Standort gesucht. In der bisher weitgehend am SAP-Heimatstandort Walldorf zentralisierten Softwareentwicklung zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Wenn es etwa darum gehe, in die SAP-Software für die Personalverwaltung gesetzliche Anforderungen kleinerer Länder einzuarbeiten, werde das für englischsprachige Länder am indischen SAP-Standort Bangalore gemacht. Zwar werde Deutschland der größte Entwicklungsstandort für SAP bleiben, aber Indien, China und Osteuropa wachsen, sagte Kagermann.
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