14.03.2006 · Es ärgert Anwender, es plagt Programmierer: Wenn Computerprogramme abstürzen, ist oft nur ein winziges Detail falsch. Nun müssen IT-Fachleute nicht mehr nächtelang suchen. Fehler findet eine Software, die Wissenschaftler aus Saarbrücken entwickelt haben.
Von Thomas ReinholdAbgestürzt, das Programm hängt sich auf. Der Anwender vor dem Rechner flucht, und jetzt will der Software-Hersteller auch noch Hilfe von ihm. Microsoft aber spricht seine Nutzer aus der Distanz fast mürrisch an, weist kryptisch auf einen technischen Fehler hin, zeigt das Dialogfenster „Fehlerprotokoll erstellen, ja/nein“ - und das war´s. Apple ist im Ton etwas freundlicher und bedankt sich bei seinen kooperativen Kunden. Kein Wunder, handelt es sich doch um einen Mausklick, der bares Geld wert sein kann: „Die Informationen, die der Nutzer hier übermittelt, sind die wertvollsten Daten, die der Hersteller über seine Produkte am Markt gewinnen kann“, sagt der Informatiker Andreas Zeller, Professor für Softwaretechnik an der Universität des Saarlandes. Denn IT-Spezialisten verbringen oft lange Nächte mit dem mühseligen Stöbern nach Fehlern. Zeller hat dazu beigetragen, daß sie wieder mehr schlafen können.
Der gebürtige Hanauer hat mit seinem Team eine Software entwickelt, die in großen Programmen vollautomatisch aus Hunderttausenden von Befehlszeilen genau die wenigen bestimmt, die den Fehler verursacht haben. Ohne eine solche Hilfe ist die Suche zeitraubend, nervenaufreibend - und kann bis zur Hälfte der Entwicklungskosten ausmachen. Im Jahr 2003 ging das amerikanische Wirtschaftsministerium davon aus, daß durch verbesserte Verfahren zur Fehlersuche allein in den Vereinigten Staaten Schäden von jährlich 22,5 Milliarden Dollar vermieden werden könnten. Das macht Unternehmen nervös und neugierig. Microsoft hat Zeller, der sich neben vier Amerikanern ganz unprätentiös einen der führenden Köpfe auf seinem Gebiet nennt, bei einem seiner unzähligen Vorträge erlebt und ihn im vergangenen Herbst mit Frau und vierjähriger Tochter fünf Wochen nach Seattle eingeladen.
Erster Forscher in den Microsoft-Datenbanken
Als erster Forscher durfte der 40jährige mit den Fachleuten des Unternehmens die Microsoft-Datenbanken systematisch durchforsten. Dort wird alles dokumentiert. Etwa: „320mal Drucken einer Datei fehlgeschlagen, als der Nutzer gerade auch noch einen Browser öffnete; Fehler war die Programmänderung in Zeile 23 vom 18. November; Fehler behoben.“ Die Analyse ist anspruchsvoll. War es ein komplexer Fehler, hatte er Eigenschaften, die auch in anderen Situationen auftreten, hat sie derselbe Programmierer verursacht oder behoben? Quer über alle unterschiedlichen Datenbanken hat Zeller Wenn-Dann-Aussagen entwickelt und in sein Reparatur-Programm eingearbeitet. „Das ist wie empirische Sozialforschung“, erzählt er, „wer viel ißt, wird dicker. Wir haben kausale Zusammenhänge oder wenigstens Wahrscheinlichkeiten aufgedeckt.“
Doch so banal wird seine Arbeit schon nicht gewesen sein, im Gegenteil. Denn mit konkreten Beispielen muß Zeller geizen. Microsoft hat den Deutschen während seines Forschungssemesters nicht nur hospitieren lassen. Viel zu viel Einblick in die tiefsten Geheimnisse, die Schwächen der namhaften Produkte. Die Amerikaner zogen es vor, ihn mit einem ordentlichen Arbeitsvertrag einzustellen: „Dann können Sie mich leichter verklagen, falls ich plaudere“, sagt lachend der Wissenschaftler, der darauf besteht, sich an nichts mehr erinnern zu wollen. Und dann doch noch ein Hinweis, der die Größe des Problems für die Software-Hersteller erahnen läßt: „Es ist ein Verdienst der Open-Source-Bewegung, daß wir von 300.000 Fehlern wissen, die bei der Entwicklung des Browsers Firefox aufgetreten sind.“
Frei verfügbar im Internet
Auch Zellers Werk ist nun kein Geheimnis. „Forschung sollte frei verfügbar sein“, sagt er so lapidar wie grundsätzlich. Die Software wird zum Herunterladen frei im Internet angeboten (externer Link: Eclipse Plug-Ins, automatisierte Software-Reparatur). Das Internet-Portal Web.de war der erste Kunde, der sie im großen Stil eingesetzt hat. „Die Karlsruher haben die Entwicklungsgeschichte ihres Angebots untersucht, um bestimmten Änderungen konkrete Fehler zuweisen zu können - die sich dann schnell beheben ließen“, freut sich der Informatiker.
Seine Arbeit hat Zukunft. „Die Vision fehlerfreier Programme gibt es seit 30 Jahren“, sagt Zeller, der in der Wissenschaft wie in der Wirtschaft eine einseitige Konzentration auf die Vermeidung von Fehlern erkannt hat und - ganz Realist - nach dem Diplom in Darmstadt und seiner Promotion in Braunschweig schon mit der systematisierten Suche nach Fehlern Professor wurde. Im Mai will er auf einer Konferenz in Shanghai präsentieren, was Microsoft erspart geblieben wäre, hätte das Unternehmen vor einem Jahr das deutsche Werkzeug gehabt. Dann geht der Blick nach vorn. Im kommenden Herbst wird Microsoft das neue Betriebssystem „Vista“ auf den Markt bringen (siehe: Microsoft präsentiert Windows XP-Nachfolger „Vista“). Selbst für dessen Fehler hat Zeller schon Prognosen entwickelt und in einem virtuellen Tresor hinterlegt. Liegt er richtig, winkt ihm ein Beratervertrag, dem Lehrstuhl auch finanzieller Profit.
Lukrativen Angeboten widerstanden
Wäre also nicht längst der Moment gekommen, die Software zu vermarkten, ein eigenes Unternehmen als Spin-Off der Saarbrücker Forschungen zu gründen? Nein, daran hat Zeller kein Interesse. „Das ist ein zu enger Markt, sehr speziell, selbst in Amerika gibt es für eine solche Anwendung zu wenige große Software-Entwickler.“ Lukrativen Angeboten aus der Industrie hat Zeller widerstanden. „Deutschland hat mir mein Studium finanziert, da habe ich die Pflicht, dem Standort auch etwas zurückzugeben“, sagt er wie selbstverständlich. Nicht Gewinn in Form von Geld: Wissenstransfer, das ist der Kick. „Ich bin glücklich, daß Microsoft meine Forschung bezahlt hat, und ich konnte noch ein Buch zum Thema schreiben.“ Doch allein dabei wird es wohl nicht bleiben, das räumt Zeller gerne ein. Die ersten Studenten aus Saarbrücken dürfen bald bei Microsoft arbeiten, daraus könnte mehr werden, hofft der junge Professor: „Erst besucht man sich, dann schickt man sich Leute, später kooperiert man.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |