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Software Microsoft und die Standards

10.04.2008 ·  Der größte Softwarekonzern der Welt hat viele Feinde. Denn zur Verteidigung der Marktposition hat Microsoft zu Mitteln gegriffen, die nichts mit fairem Wettbewerb zu tun hatten. Wahr ist allerdings auch, dass die Dominanz von „Windows“ und „Office“ vielen Anwendern Vorteile gebracht hat. Jüngst sorgte das Dateiformat mit dem Namen „Office Open XML“ für Aufregung.

Von Carsten Knop
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Der größte Softwarekonzern der Welt hat viele Feinde. Das ist nachvollziehbar. Nicht so sehr zum Aufbau seiner dominanten Marktposition, wohl aber zu ihrer Verteidigung hat Microsoft zu Mitteln gegriffen, die nichts mit fairem Wettbewerb zu tun hatten. Dafür wurde das Unternehmen vor viele Gerichte gezerrt – und verließ den Saal nie als strahlender Sieger. Der große Prozess in den Vereinigten Staaten zur Frage, ob Microsoft seine Monopolstellung missbräuchlich ausgenutzt hat, endete zwar 2002 mit einem Vergleich, in dessen Rahmen Microsoft nur geringe Auflagen erfüllen musste. Die Auseinandersetzung mit der Europäischen Kommission ging für den Konzern im Februar 2008 aber nicht so glimpflich aus: Microsoft zahlt nun insgesamt 1,68 Milliarden Euro Strafe und muss gravierende Auflagen umsetzen. In den Jahren zwischen diesen Auseinandersetzungen in Washington und in Brüssel liegen diverse Vergleiche – der teuerste wurde im Jahr 2004 geschlossen, als das Unternehmen 1,6 Milliarden Dollar wegen Verletzung des Java-Standards an dessen Erfinder Sun Microsystems zahlen musste.

Weitere Vorwürfe an Microsoft lauten, dass das Unternehmen selbst überhaupt keine Innovationen (mehr) entwickle und Zukunftstechniken stets von Dritten zugekauft werden müssten. Jüngstes Beispiel hierfür scheint das Versagen von Microsoft beim Aufbau eines erfolgreichen Online-Portals und einer gewinnträchtigen Online-Werbeplattform zu sein, das zum laufenden Versuch einer Übernahme des Internetportals Yahoo geführt hat.

„Windows“ und „Office“ haben einen Industriestandard gesetzt

Wahr ist allerdings auch, dass es ohne den Erfolg von Microsoft-Programmen wie dem Betriebssystem „Windows“ oder dem Büroprogrammpaket „Office“ mit der darin enthaltenen Textverarbeitungs-, Tabellenkalkulations- und Präsentationssoftware „Word“, „Excel“ und „Powerpoint“ den unglaublichen Produktivitätsschub der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte in der elektronischen Datenverarbeitung wohl nicht gegeben hätte. Denn „Windows“ und „Office“ haben mit ihren Marktanteilen von jeweils deutlich oberhalb von 80 Prozent einen Industriestandard gesetzt, der Unternehmen und Verbrauchern Investitionssicherheit gegeben hat. Das hat schwerwiegende Folgen für viele: Wer die Programme bedienen kann, hat bei einem Wechsel seines Arbeitsplatzes die Sicherheit, sich auch in der neuen beruflichen Umgebung schnell zu Hause fühlen zu können – jedenfalls am Computer.

Inzwischen ist die Informationstechnologie im Umbruch. Öffentliche Auftraggeber, aber auch immer mehr Privatkunden wollen sich mit der Entscheidung für ein neues Büroprogrammpaket nicht mehr auf ein damit verbundenes Dateiformat festlegen, das einem Softwareunternehmen gehört, das es in 40 Jahren vielleicht nicht mehr gibt oder in der Zwischenzeit einen Wechsel des jeweiligen Anbieters sehr schwierig macht. Gesucht wird also nach einem neuen, „offenen“ Standard, nach einem Dateiformat für die Computer der Zukunft, das zwei Bedingungen erfüllen muss: Es muss die alten Dateien in das neue Format „übersetzen“ können. Und es muss ohne irgendwelche Hürden dritten Softwareanbietern offenstehen, die eigene Produkte in das Rennen gegen Microsoft schicken wollen. Zwei solcher Standards gibt es inzwischen. Einen von Microsoft – und schon länger einen zweiten, der von Wettbewerbern wie Sun oder IBM unterstützt wird. Beide sind von den unabhängigen Normungsorganisationen offiziell anerkannt. Das ist für alle Einkäufer von Softwareprodukten eine missliche Situation. Und der Laie fragt sich: Warum braucht man zwei Standards? Wie viel sind solche sogenannten Standards dann überhaupt noch wert?

Microsoft kann seine alten, nicht offenen Formate langfristig nicht verteidigen

In diesem Zusammenhang hat die erst wenige Tage alte Entscheidung, auch die Microsoft-Variante des neuen Dateiformats mit dem Namen „Office Open XML“ zu standardisieren, für böses Blut gesorgt. Es geht zum einen darum, dass Microsoft-Gegner unterstellen, die Entscheidung sei mehr oder weniger erpresst oder gekauft worden – was das Deutsche Institut für Normung (DIN) zurückgewiesen hat. Zum anderen wird der Microsoft-Standard gegenüber dem konkurrierenden „Open Document Format“ (ODF) als technisch unterlegen und als zu kompliziert charakterisiert. Zudem beherrsche selbst das Programmpaket „Office 2007“ das Standardformat gar nicht richtig.

Unbestritten ist hingegen, dass es hilfreich wäre, wenn es künftig einen einzigen – tatsächlichen – Standard gäbe, auf den man bei seinen Kaufentscheidungen bauen könnte. So weit kommt es, zumindest jetzt, noch nicht. Aber zur Bildung von Standards gehört eben auch, dass Kompromisse eingegangen werden. Und deshalb muss und wird auch Microsoft sein neues Dateiformat (und die heutige Variante in „Office 2007“) weiter verändern. Die Richtung stimmt nach der Entscheidung der internationalen Normungsorganisation ISO zur Standardisierung von „Open XML“ also: Microsoft wird, selbst wenn man weiterhin übelste Tricks unterstellt, nicht in der Lage sein, seine alten, nicht offenen Formate langfristig zu verteidigen. Das ist für alle eine gute Nachricht, womöglich auch für Microsoft.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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