18.09.2005 · Am Montag will Siemens-Chef Klaus Kleinfeld ein Notprogramm für seine drei Verlustbringer präsentieren: die Konzernbereiche Kommunikation, IT-Dienstleistungen und Logistik. Tausende Stellen könnten der Sanierung zum Opfer fallen.
Von Georg MeckDie Wahl des Termins ist pikant, angeblich aber keine Absicht. Am Montag, direkt nach der Bundestagswahl, wird Siemens-Chef Klaus Kleinfeld die Details zum Umbau des Konzerns und dem damit verbundenen Stellenabbau präsentieren. „Wir werden uns zum weiteren Vorgehen in den drei Bereichen äußern, die im letzten Quartal Verluste gemacht haben“, bestätigte ein Sprecher dieser Zeitung. Der Termin sei nicht aus Rücksicht auf die Union auf den Tag nach der Wahl angesetzt worden, betonte er, sondern auf Grund „von internen Abläufen und der gesetzlich vorgeschriebenen Beteiligung der Mitarbeiter an der Entscheidungsfindung“.
Stellen auslagern oder streichen, Sparten verkaufen oder Standorte schließen - das sind die Optionen, die Vorstandschef Kleinfeld bei seinen Krisenherden zur Verfügung stehen. Gewerkschafter fürchten bereits den Wegfall von 10 000 Jobs. Drei der zwölf Siemens-Sparten haben im letzten Quartal Verluste eingefahren: IT-Dienstleister (SBS), Kommunikation (Com) und Logistiksysteme (L&A).
Strikte Vorgabe
Dies zwingt Kleinfeld zu einem gewaltigen Kraftakt, will er seine hochgesteckten Renditeziele erreichen. Ähnliche Marken gab es auch schon unter seinem Vorgänger Heinrich von Pierer. Mit dem Unterschied, daß unter dessen Regie die Fristen für die Problemkinder verlängert wurden, wenn sie die Margen nicht erreicht hatten.
Kleinfeld führt den Konzern straffer. Jedes Jahr soll der Umsatz doppelt so stark wachsen wie das weltweite Bruttosozialprodukt, so seine strikte Vorgabe. Beim Profit gibt es keine Gnadenfrist. „Ich persönlich stehe dafür ein, daß alle Unternehmensteile innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monaten auf Linie sind“, sagte er im Frühjahr.
Dissens innerhalb der Siemens-Führung
Mit solchen öffentlichen Ankündigungen erhöht Kleinfeld intern den Druck, schärft das eigene Profil als „tough guy“ - und verbreitet gehörige Unruhe im Konzern. Eine Stärke von Siemens sei es gerade gewesen, langfristig zu denken, wenden Kleinfelds Kritiker ein - sonst fänden sich heutige Perlen wie die Medizintechnik längst nicht mehr im Portfolio.
Die Auseinandersetzung offenbart einen grundsätzlichen Dissens innerhalb der Siemens-Führung. Die eine Fraktion, angeführt von Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, will den Konzern stärker an den Bedürfnissen der Investoren ausrichten, will schnell allen Ballast abwerfen, der auf den Aktienkurs drückt. Das heißt: Abspaltung von weniger profitablen Teilen, um den Konglomeratsabschlag an der Börse zu reduzieren.
Entscheiden, bevor es richtig kracht
Kleinfeld, vor allem aber sein Vorgänger, der heutige Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer, setzt auf eine längerfristige Linie, ohne sich von den Kapitalmärken „verrückt machen zu lassen“. Die Debatte wogt im Moment hin und her, so ist im Konzern zu hören, und muß „schnell entschieden werden, bevor es richtig kracht“. Die Sanierung der drei Problemsparten wird da zum Testfall für die künftige Strategie.
Die IT-Dienstleister (SBS) haben dem Konzern noch nie viel Freude bereitet. Strategien wie Manager wechselten häufig. Gebracht hat alles nichts, auch nicht die Kampfpreise, mit denen die Sparte als letzte Waffe in den Wettbewerb gezogen ist. Nun sucht Kleinfeld offensichtlich einen Partner für SBS. Montag früh um zehn Uhr werden die Mitarbeiter unterrichtet. Schön wird es nicht, was sie da zu hören bekommen: SBS muß mehr als eine Milliarde Euro an Kosten einsparen. Nachdem dieses Jahr schon die Streichung von knapp tausend Stellen verkündet wurde, werden 2006 mindestens noch einmal genauso viele wegfallen.
Der unerwartete Krisenfall bei Siemens
Die Kommunikationssparte (COM) war vor einem Jahr kaum zusammengefügt worden (unter der Regie von Kleinfeld übrigens), da krachte es schon an allen Ecken und Enden. Die defizitäre Handy-Sparte wurde nach einigem Gewürge an Taiwanesen vermacht, inklusive 300 Millionen Euro Mitgift geht sie zum 1. Oktober an BenQ über. Zum selben Termin startet die (profitable) Schnurlos-Sparte mit 3700 Mitarbeitern als ausgegliederte eigenständige Firma. Außerdem soll ein großer Teil des Firmenkundengeschäftes in ein eigenes Unternehmen ausgegliedert werden. Davon betroffen sind 4600 Mitarbeiter. Als möglicher Partner für diesen Bereich wurde mehrfach Nortel genannt. Die Kanadier haben ihre Roßkur bereits hinter sich und zwei Drittel der Beschäftigten entlassen.
Die Logistik ist der jüngste und unerwartete Krisenfall bei Siemens. Der Bereich „Logistics & Assembly Systems“, wie er offiziell heißt, ist nach eigenen Angaben der weltgrößte Anbieter von industriellen Logistikanlagen. Außerdem ist er „nicht mehr in der bisherigen Form“ fortzuführen, bestimmte Klaus Kleinfeld, nachdem die Sparte das letzte Quartal mit einem Verlust von knapp 50 Millionen Euro abgeschlossen hatte. Um die Zielmarge von 7 bis 9 Prozent zu erreichen, gliedert der Siemens-Chef jetzt 5000 Mitarbeiter in eine neue Tochtergesellschaft aus. Auch hier fürchtet die IG Metall, das sei nur der Anfang vom Ende.