27.05.2007 · Schwere Zeiten für die Telekom: Erst kam der Streik, dann das Doping. Vorstandschef Obermann kämpft an allen Fronten. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über Radsport-Sponsoring und die Schäden nach vier Wochen Streik.
Es sind derzeit nicht die besten Zeiten für die Telekom. Neben dem Streik belastet auch der sich immer weiter ausdehnende Doping-Sumpf im Radsport den Konzern. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Telekom-Chef René Obermann über gedopte Radfahrer, die Schäden nach vier Wochen Streik und geht einen Schritt auf die Gewerkschaft Verdi zu.
Herr Obermann, der Radsport versinkt im Doping-Sumpf. Die Telekom bleibt trotzdem Sponsor. Warum?
Weil wir der Überzeugung sind, dass Sponsoren sich nicht nur im Glanz der Erfolge sonnen dürfen, sondern auch in schwierigen Zeiten helfen müssen, das Problem in den Griff zu bekommen. Und weil wir Vertrauen haben in unser Team-Management, das einen sehr konsequenten Weg gegangen ist und weiter gehen wird.
Wie glaubwürdig ist ein Neuanfang, wenn der Sportliche Leiter Rolf Aldag sich selbst als Dopingsünder geoutet hat? Kann so jemand im Amt bleiben?
Über die Zusammensetzung des Teams entscheidet der Teamchef - nicht wir als Sponsor. Der Teamchef, Bob Stapleton, ist einer der besten und konsequentesten Manager, die ich kenne. Der geht einen sehr gradlinigen Kurs. Seine Ansicht, dass Rolf Aldag als reuiger Sünder der effizienteste Kontrolleur ist, respektieren und unterstützen wir.
Fürchten Sie nicht, dass der Ruf des Konzerns dauerhaft ruiniert wird? Jeder Witzbold in Funk und Fernsehen reißt Possen über die gedopte Telekom.
Wir unterstützen den konsequenten Antidopingkurs unseres Teams und setzen uns darüber hinaus für sauberen Sport ein. Wir sind einer von lediglich drei Sportsponsoren in Deutschland, der die nationale Antidopingagentur finanziell unterstützt. Das kommt letztlich allen Sportlern zugute. Ich fände es gut, wenn mehr Sponsoren unserem Beispiel folgen würden und die gute Arbeit der Nada fördern würden. Wenn wir uns jetzt kurzfristig zurückziehen würden, hieße das, sich aus der Verantwortung zu stehlen und den Sport und seine Probleme sich selbst zu überlassen. Ein Sponsor hat Glaubwürdigkeit nur verdient, wenn er auch in schwierigen Zeiten hilft, die Dinge in Ordnung zu bringen. Das kann mittelfristig dem Markenimage helfen.
Der Doping-Skandal trifft Sie auch deshalb ungelegen, weil er der Gewerkschaft im Arbeitskampf Argumente liefert: Da zahlt der Konzern Millionen für halbkriminelle Sport-Stars. Und im Call-Center werden die Löhne gedrückt.
Diese Argumentation mag sich im Moment aufdrängen, sie ist mir aber zu oberflächlich. Unstrittig ist, dass sich ein Unternehmen werblich engagieren muss. Und zu einem Marketing-Mix gehört Sponsoring wie Produktwerbung. In guten Zeiten würden Sie solche Argumente nicht zu hören bekommen. Wenn es mal schwierig wird, fliegen einem halt die Kugeln um die Ohren. Davor schrecken wir nicht zurück.
Wie nah spüren Sie die Kugeln? Aus Berlin wird Druck auf Sie ausgeübt, den Streik schnell zu einem einvernehmlichen Ende zu bringen - ansonsten sei Ihr Job in Gefahr, so ist zu hören.
Ich gebe nichts auf Gerüchte und auf anonyme Stimmen ohne Gesicht. Meine bisherige Kenntnis ist, dass unser Hauptaktionär unseren Kurs unterstützt. Unstrittig ist, dass die Deutsche Telekom schnell und konsequent reformiert werden muss, wenn sie langfristig erfolgreich bleiben soll. Diese Meinung herrscht sicher auch in Berlin.
Man hat den Eindruck, dass die Regierung als Schiedsrichter mit am Tisch sitzt bei den Tarifverhandlungen.
Das ist absolut nicht der Fall, die Regierung hat sich nicht eingemischt. Für uns ist der Aufsichtsrat die maßgebliche Instanz.
Ihre Meinung haben diverse Politiker der großen Koalition sehr wohl geäußert, meist voller Verständnis für den Protest gegen Ihr harsches Sparprogramm - in Übereinstimmung mit der Stimmung im Volk.
Mit einem Reformkurs wie dem, den unser Unternehmen derzeit durchläuft, steigert man seine Popularitätswerte sicher nicht kurzfristig. Aber worum geht es langfristig? Wir haben die Chance, gemeinsam mit Verdi statt Stellenabbau in Deutschland Arbeitsplätze zu sichern, ja sogar neue zu schaffen. Am Ende liegt das im Interesse auch all jener, die jetzt streiken - auch wenn das im Moment schwer zu vermitteln ist. Nur eine konkurrenzfähige Telekom kann langfristig Arbeitsplätze zu guten Bedingungen sichern. Sonst stehen die Menschen mittelfristig ohne Arbeit da. Das treibt mich um. Insofern müssen wir jetzt Kritik und Häme aushalten und das tun, was langfristig im Interesse aller ist. Faule Kompromisse bringen uns da nicht weiter. Wir bauen die neue Deutsche Telekom, die nachhaltig solide Erträge und sichere Arbeitsplätze bieten soll.
Wie hoch ist der Schaden, der dem Konzern bisher durch den Streik entstanden ist?
Wir haben mittlerweile inklusive der Warnstreiks seit gut vier Wochen eine Streiksituation. Das entspricht umgerechnet mehreren hunderttausend Streiktagen. Im Durchschnitt haben seit Streikbeginn 9000 Mitarbeiter pro Tag gestreikt. Im Verhältnis dazu bewegen sich die Auswirkungen noch in einem überschaubaren Rahmen. Es kommt in einigen Bereichen zu Verzögerungen. Dafür bitte ich unsere Kunden um Verständnis. Sie sind in solchen Situationen leider nicht zu vermeiden.
Verdi könnte die Kommunikation beim G-8-Gipfel lahmlegen. Schreckt Sie das?
Wir haben alles geplant, den G-8-Gipfel technisch abzusichern. Im Übrigen appelliere ich an Verdi, ihre Mitverantwortung wahrzunehmen und eine solch wichtige Veranstaltung zu unterstützen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Gewerkschaft das G-8- Treffen wirklich stören will.
Beschleunigt der Streik die Flucht der Kunden? Zwei Motive dafür sind denkbar: Solidarität mit den Streikenden oder Ärger über Verzögerungen.
Das ist nicht unser Eindruck. Die Reaktionen der Kunden sind gemischt: Es gibt Sympathie mit den Streikenden, aber auch viel Verständnis für unseren Reformbedarf. Ein entscheidendes Kriterium für unsere Kunden - auch während eines Streiks - sind wettbewerbsfähige Preise, spätestens da hört die Solidarität nämlich auf. Egal ob Streik oder nicht, unsere Kunden sind nicht bereit, einen Preisaufschlag zu zahlen, nur weil wir deutliche Nachteile in der Kostenstruktur haben. Dieser Realität müssen wir uns stellen, das Management und auch die Arbeitnehmervertreter.
Deren Verständnis dafür wäre größer ohne die offensichtlichen Fehlleistungen des Telekom-Managements. 18 Mal wurde der Konzern umstrukturiert und nichts wurde besser, lautet der Vorwurf.
Das ist mir zu kurz gesprungen und sehr populistisch. Niemand bestreitet, dass auch Führungskräfte Fehler machen, trotzdem ist das Urteil ungerecht: Die Deutsche Telekom hat in den vergangenen Jahren einen ernormen Wandel geschafft; von der Behörde zu einem dynamischen Unternehmen, das sich im internationalen Wettbewerb behauptet.
Schon wird spekuliert, der Streik könnte die nächste Gewinnwarnung provozieren. Können Sie so einen Tiefschlag ausschließen?
Unser Ziel ist klar formuliert. Wir wollen rund 19 Milliarden Euro Gewinn (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) erzielen. Das erste Quartal zeigt, dass wir auf gutem Weg dahin sind. Allerdings: Das ist kein Spaziergang. Wir müssen die Kosten weiter senken und unsere Produkte erfolgreich vermarkten.
Sparen Sie nur beim Personal?
Nein, überall. Beim Marketing, bei den Sachkosten, bei externen Beratern, bei den Reisekosten und vielem mehr. Aber es müssen eben auch die Arbeitskosten sinken. Wir wollen nicht den Abstand zu den Billiganbietern völlig schließen, aber zumindest einen Schritt in Richtung Marktniveau machen.
Da die Verhandlungen mit Verdi stocken, drohen Sie 50.000 Mitarbeitern mit Zwangsversetzung.
Drohen ist das falsche Wort, wir haben schlicht keine andere Alternative, wenn wir langfristig möglichst viele Arbeitsplätze im Konzern halten wollen. Es geht um eine Überführung in andere neue Geschäftseinheiten - innerhalb der Deutschen Telekom wohlgemerkt. Diesen Schritt gehen wir parallel zu unserem eigentlichen Ziel: die Einigung auf einen Tarifvertrag für die Service-Mitarbeiter. Ich kann an Verdi daher nur appellieren, zurückzukehren zu den Verhandlungen auf der Basis unseres mehrfach verbesserten Angebots. Eigene Vorschläge, wie man die Arbeit zu wettbewerbsfähigeren Bedingungen im Konzern halten kann, sind die Arbeitnehmervertreter bisher leider schuldig geblieben. Wir sind gesprächsbereit.
Man könnte den Eindruck gewinnen, Sie wollten Verdi in die Knie zwingen, indem sie mit der kompletten Abspaltung der Servicegesellschaft drohen?
Diese Begrifflichkeit ist völlig falsch gewählt. Es geht hier nicht darum, jemanden in die Knie zu zwingen, sondern um eine realistische Einschätzung des Marktes. Wenn wir im eigenen Konzern Arbeit nicht zu vernünftigen Bedingungen gestalten können, dann kann es nötig sein, Teile davon fremd zu vergeben. Aber: Das wäre die letzte Konsequenz. Das wollen wir nicht, und das kann auch nicht im Interesse der Arbeitnehmervertreter sein.
Noch ganz richtig ?
Uwe Harling (mittelschicht)
- 27.05.2007, 19:10 Uhr
Telekom Vorstand
Michael Lutz (mhwl1955)
- 27.05.2007, 20:17 Uhr
Rad-Profis über Erfolgsdrohung zum Doping gebracht?
Martin Schenk (martinsch)
- 27.05.2007, 22:10 Uhr
Vorstandchef Obermann
Otto F. Hintsch (drhintsch)
- 28.05.2007, 12:50 Uhr
Appell an Verdi: Geben Sie dem Vorstand eine Chance
Werner Schmidt (banker-schmidt)
- 28.05.2007, 21:27 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,22 | +0,69% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2528 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 106,82 $ | −0,41% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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