04.07.2007 · „Zwangsehe“, „Notfusion“ oder „dümmster Deal des Jahrzehnts“: Der Vorschlag der ehemaligen Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina, den Computerkonzern mit dem Wettbewerber Compaq zusammenzuschließen, stieß auf vernichtende Resonanz. Erfolge stellten sich erst spät ein.
Von Roland Lindner und Uta BittnerEs kommt häufig vor, dass eine Übernahme nicht auf Applaus stößt. Selten aber dürfte ein so vernichtendes Urteil auf breiter Front gefällt worden sein wie nach der Ankündigung des amerikanischen Computerkonzerns Hewlett-Packard (HP) im Jahr 2001, den Wettbewerber Compaq zu kaufen. Analysten höhnten, der Zusammenschluss habe keinerlei Sinn, Worte wie „Zwangsehe“ und „Notfusion“ machten die Runde. Wettbewerber Michael Dell, der mit seinem nach ihm benannten Computerhersteller zu diesem Zeitpunkt gerade Oberwasser hatte, sprach vom „dümmsten Deal des Jahrzehnts“.
Die Aktie von HP ging auf Talfahrt. Die Kritiker schienen lange Zeit recht zu behalten. Die damalige HP-Chefin Carly Fiorina schaffte es nicht, ihre Logik für den Zusammenschluss mit guten Ergebnissen zu belegen. Schließlich wurde Fiorina im Jahr 2005 entlassen. Heute, unter ihrem Nachfolger Mark Hurd, steht HP wieder glänzend da - und Fiorina erhebt im Nachhinein den Anspruch, mit ihrer Strategie all die Zeit richtig gelegen zu haben.
Zusammenschluss kommt im Abschwung
Zunächst einmal war es ein harter Kampf, bis die Transaktion überhaupt zustande kam. Im September 2001 kündigten HP und Compaq zur Verblüffung der Branche ihren Zusammenschluss an. Der Markt für Personal Computer (PC) und Netzwerkrechner (Server), in dem beide Unternehmen vertreten waren, befand sich zu diesem Zeitpunkt im Abschwung. HP und Compaq kämpften mit niedrigen Margen, nicht zuletzt weil Dell das Preisniveau im Markt aggressiv drückte. Compaq hatte außerdem schwere Zeiten hinter sich, das Unternehmen hatte sich einige Jahre vorher mit Zukäufen wie dem Wettbewerber Digital Equipment verhoben.
Fiorina rechtfertigte die geplante Übernahme als Schritt zur Konsolidierung, der HP Größenvorteile im Computergeschäft bringe. Zudem könne HP so das lukrative Dienstleistungsgeschäft stärken. Analysten argumentierten dagegen, die Produktpaletten der beiden Unternehmen würden sich viel zu stark überschneiden. Außerdem meinten sie, der Kauf von Compaq würde die Ertragsperle von HP - das Geschäft mit Druckern - verwässern.
Der Sohn des Unternehmensgründers rebelliert
Bald regte sich Opposition. Walter Hewlett, Sohn des Unternehmensgründers William Hewlett, schwang sich zum Wortführer auf und zettelte eine monatelange Kampagne gegen die Transaktion an. Höhepunkt war eine Kampfabstimmung bei einer außerordentlichen Hauptversammlung im März 2002. Mit einer knappen Mehrheit sprachen sich die Aktionäre für die Übernahme aus, und Fiorina war am Ziel: Am 7. Mai 2002 startete das neue Unternehmen. Der Name Compaq verschwand aus der Firmierung. In Deutschland fand der rechtliche Zusammenschluss gut ein halbes Jahr später statt. Der Kauf von Compaq kostete HP knapp 19 Milliarden Dollar in eigenen Aktien. Fiorina blieb nach der Übernahme Vorstandsvorsitzende, Compaq-Chef Michael Capellas fungierte zunächst als President und damit gewissermaßen als rechte Hand von Fiorina, die das Unternehmen aber bald verließ.
Nach dem Zusammenschluss hat es Fiorina zwar geschafft, die versprochenen Synergien zu heben, was mit dem Abbau von rund 15 000 Arbeitsplätzen verbunden war. Ihr gelang es aber nicht, HP zu dem erhofften schlagkräftigen, breit aufgestellten Technologiekonzern zu machen. Aus rund 1200 Standorten bestand nun der neu entstandene PC-Riese. Das Informationstechnologie-(IT-)Unternehmen stand nun vor der Aufgabe, seine eigene IT-Infrastruktur zu konsolidieren. In Zahlen bedeutete dies: 215.000 Standgeräte (Desktops), 49.000 Netzwerkgeräte und mehr als 7000 IT-Anwendungen mussten von heute auf morgen aufeinander abgestimmt und neu ausgerichtet werden. Und während der Zusammenführung sollte das Tagesgeschäft mit der Produktion und dem Verkauf von Computern und Servern möglichst nicht behindert werden. Keine kleine Aufgabe, denn allein der Kommunikationsfluss über 280.000 E-Mail-Postfächer musste sichergestellt werden. Das bedeutete, dass die 26 Millionen E-Mails, die wöchentlich bei HP und Compaq versendet wurden, auch weiterhin ihren Weg durch das elektronische Netz finden sollten.
Nicht alle behalten ihren Arbeitsplatz
In Deutschland begrüßten Ende 2002 5800 HP-Mitarbeiter ihre 2800 neuen Kollegen vom vormaligen Konkurrenten Compaq in ihren Reihen. Doch nicht alle konnten ihre Arbeitsplätze behalten. So spürte man auch weit weg vom Heimatmarkt Amerika die Auswirkungen der Übernahme: 1100 Stellen sollten an den deutschen Standorten wegfallen, vor allem in der Verwaltung. Zum 31. Oktober 2003 - nach dem ersten „gemeinsamen“ Geschäftsjahr - beschäftigte der neue HP-Konzern in Deutschland 7500 Mitarbeiter. Damit war die Integrationsphase aber noch nicht beendet. Die Zusammenfassung der weit mehr als 20 einzelnen Geschäftsstellen, die HP und Compaq in den größeren deutschen Städten besaßen, zog sich bis ins Jahr 2004 hin. Ziel war es, durch die Konsolidierung auf zwölf Standorte weitere Kosten zu sparen. Eine großangelegte Marketingkampagne, die Anfang 2003 anlief und unter dem Motto „You and HP - Everything is possible“ (Du und HP - alles ist möglich) stand, sollte zudem die Kunden vom neuen Auftritt des fusionierten Unternehmens überzeugen und die Marke HP - die nun auch die von Compaq übernommenen Produkte umfasste - neu positionieren.
Trotz aller Anstrengungen lagen die Zahlen von HP wiederholt unter den Erwartungen von Analysten. Ein Tiefpunkt kam bei der Vorlage eines Quartalsberichts im August 2004, als die Serversparte überraschend hohe Verluste auswies und das ganze Geschäft des Konzerns verhagelte. Auch mit Compaq änderte sich nichts am alten Problem von HP, wonach die hochprofitable Druckersparte die anderen kränkelnden Bereiche mit durchschleppen muss. Fiorina war zwar eine Meisterin darin, schillernde Visionen für HP in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Es haperte aber an der Umsetzung in die operative Praxis. Im Februar 2005 zog der Verwaltungsrat von HP die Konsequenzen und drängte Fiorina zu einem abrupten Rücktritt (HP entläßt Chefin Fiorina). Sie wurde durch Mark Hurd ersetzt, der vom amerikanischen Technologiekonzern NCR kam.
Spekulationen nach Rücktritt von Fiorina
Nach dem Führungswechsel überschlugen sich die Spekulationen, ob HP den Konzern völlig neu aufstellt. So wurde gemutmaßt, HP könnte sich wie kurz vorher IBM vom Geschäft mit Personal Computern trennen und damit die Compaq-Übernahme teilweise rückgängig machen. Auch eine Abspaltung der profitablen Druckersparte galt als mögliches Szenario. Mark Hurd, der sich mehr als Mann für das Tagesgeschäft und weniger als Visionär sieht, tat nichts dergleichen. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, die Ergebnisse in den einzelnen Sparten zu verbessern. So ordnete er beispielsweise drei Monate nach Amtsantritt einen weiteren Stellenabbau an. Allein in Deutschland waren 1100 Arbeitsplätze betroffen. Die Einsparungen und das konsequente Verfolgen brachten auch den langersehnten Erfolg, denn HP hat zuletzt immer bessere Zahlen vorgelegt. Auch die Segmente außerhalb des Druckergeschäfts lieferten zuletzt nennenswerte Gewinne ab, und bei den PCs hat HP den mittlerweile schwächelnden Wettbewerber Dell wieder als Weltmarktführer abgelöst.
Carly Fiorina, die im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht (Fiorina, Carly: Mit harten Bandagen) und sich darin sehr verbittert über ihre Entlassung gezeigt hat, sieht sich heute in ihrer Strategie bestätigt. „Es ist nicht alles mein Verdienst, aber es ist zum Teil mein Verdienst“, betonte sie kürzlich.
Chronologie
17. Juli 1999: Carleton S. (Carly) Fiorina wird Vorstandsvorsitzende von Hewlett-Packard (HP).
3. September 2001: HP und Compaq geben überraschend bekannt, dass HP den Konkurrenten Compaq übernehmen wird.
6. November 2001: Walter Hewlett, der Sohn des HP-Mitgründers William Hewlett und Aufsichtsratsmitglied, kündigt an, dass die Familie gegen die Fusion stimmen wird.
19. März 2002: In einer Kampfabstimmung auf der Hauptversammlung wird die Übernahme mit knapper Mehrheit gebilligt.
3. Mai 2002: Die 19 Milliarden Dollar teure Übernahme wird vollzogen. Die neue HP setzt 80 Milliarden Dollar um und beschäftigt 150 000 Mitarbeiter. Fiorina kündigt die Entlassung von 15 000 Mitarbeitern an.
1. November 2002: Rechtlicher Zusammenschluss von HP und Compaq in Deutschland. 1100 Arbeitsplätze sollen hierzulande wegfallen.
März 2003: Dell steigt in das Geschäft mit Druckern ein und überholt HP wieder als größter Hersteller von Personal Computern.
12. August 2004: Äußerst schlechte Quartalszahlen lassen den Kurs von HP um 15 Prozent fallen.
7. Februar 2005: Fiorina gibt nach Auseinandersetzungen mit dem Aufsichtsrat ihr Amt ab.
1. April 2005: Mark Hurd, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von NCR, tritt die Nachfolge von Fiorina als CEO bei HP an.
14. Juni 2005: HP trennt beide Sparten Computer und Drucker organisatorisch wieder.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,22 | +0,69% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2528 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 106,82 $ | −0,41% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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