19.11.2005 · Die Fernsehpläne des Axel-Springer-Verlags drohen zu scheitern. Nach F.A.Z.-Informationen hat das Bundeskartellamt schwerwiegende Bedenken gegen die Übernahme des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat.1.
Von Marcus Theurer, MünchenDas Bundeskartellamt hat schwerwiegende Bedenken gegen die Übernahme des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat.1 durch den Axel Springer Verlag. Die Bonner Behörde habe in einem Zwischenbescheid klargestellt, daß sie das Vorhaben nach bisherigem Stand verbieten werde, teilte Springer am Freitag abend mit und bestätigte so Informationen dieser Zeitung. Damit ist eine Vorentscheidung gegen den Zusammenschluß des größten deutschen Zeitungshauses mit einer der beiden führenden Privatfernsehgruppen in Deutschland gefallen. Springer kann in den kommenden Wochen das Kartellamt noch umstimmen. Bei anderen Fusionsprüfungsfällen ist dies dem Verlag mehrmals gelungen. Eine endgültige Entscheidung der Wettbewerbsaufseher wird bis Jahresende erwartet. Das Kartellamt äußerte sich am Freitag nicht zu dem Fall.
Springer Vorstandschef Mathias Döpfner gab sich am Freitag abend gelassen. „Wir haben gute Argumente“, sagte Döpfner. Er sei weiter zuversichtlich. Springer hatte Anfang August mitgeteilt, den Münchner Fernsehkonzern für einen Preis bis zu 4,2 Milliarden Euro komplett übernehmen zu wollen. Bisher war der Verlag mit 12 Prozent an der Senderkette beteiligt. Für den Konzern wäre der Kauf die größte Übernahme in seiner Geschichte. Springer beherrscht mit seiner „Bild“-Zeitung den Markt für Boulevardzeitungen. Pro Sieben Sat.1 kontrolliert mehrere der zuschauerstärksten deutschen Privatsender. Sollte es beim Veto des Kartellamts bleiben, wäre dies vor allem für die börsennotierte Pro Sieben Sat.1 ein schwerer Schlag. Die bisherigen Eigentümer um den amerikanischen Medieninvestor Haim Saban müßten dann nach einem anderen Käufer Ausschau halten. Einige Branchenfachleute halten für diesen Fall einen Einstieg ausländischer Medienkonzerne für wahrscheinlich.
Überraschende, aber deutliche Kritik
Das Kartellamt begründet seine ablehnende Haltung nach Springers Angaben damit, daß sich durch die Übernahme der Wettbewerb auf dem Fernsehwerbemarkt verschlechtern würde. Die Behörde argumentiere, daß Springer durch den Kauf von Pro Sieben Sat.1 mit dem Gütersloher Konkurrenten Bertelsmann gleichziehen würde. Die Kartellwächter befürchten, daß sich Springer und Bertelsmann dann in Zukunft keinen Wettbewerb mehr machen würden. Auch Bertelsmann ist im Verlagsgeschäft tätig und kontrolliert zudem die Fernsehgruppe RTL. Ferner erwartet das Kartellamt, daß sich die marktbeherrschende Stellung von Springer im Zeitungsgeschäft durch die Fernsehexpansion verstärken würde.
Die deutliche Kritik der Behörde kommt überraschend. Kartellrechtler hatten Springer bislang gute Chancen auf eine Genehmigung eingeräumt. Allerdings hatte Kartellamtspräsident Ulf Böge bereits angekündigt, die bisherigen Maßstäbe für die Fusionskontrolle im Mediengeschäft zu überprüfen. Die Erwartung, die Übernahme sei praktisch schon genehmigt, bezeichnete Böge bereits im Sommer in einem Gespräch mit dieser Zeitung als „völlige Fehlinterpretation“.
Springer: „Crossmediale“ Vorteile gibt es nicht
Bei Wettbewerbern und Medienaufsehern waren die Pläne des Verlags auf teilweise heftige Kritik gestoßen. So haben sich die Großverlage Holtzbrinck („Handelsblatt“) und DuMont Schauberg („Kölner Stadt-Anzeiger“) gegen das Vorhaben gewandt. Bedenken hat auch die öffentlich-rechtliche Sendergruppe ARD und im Kreis der für die Aufsicht des Privatfernsehens zuständigen Landesmedienanstalten. So gibt es die Befürchtung, die Zeitungen und Sender von Springer könnten künftig gegenseitig Werbung füreinander machen und so die Konkurrenz benachteiligen. Springer argumentiert dagegen, solche „crossmedialen“ Vorteile gebe es nicht.
Kartellamtspräsident Ulf Böge hat allerdings zu verstehen gegeben, daß die Behörde ihre bisherige Marktabgrenzung nun überprüfe.
Probleme könnte Springer zudem mit der Medienkonzentrationsaufsicht KEK bekommen. Auch diese prüft den Kauf von Pro Sieben Sat.1 und könnte mit einem Veto die Pläne von Springer verhindern. Die Medienaufseher werden voraussichtlich bis Ende Dezember eine Entscheidung treffen.
| Name | Kurs | Prozent |
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