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Pro & Contra Muss das Internet „neutral“ sein?

Seit die Telekom damit droht, die Surfgeschwindigkeit mancher Dienste zu drosseln, tobt auch in Deutschland der Streit über die „Netzneutralität“. Ein Pro & Contra.

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Pro

Das Internet, wie wir es kennen

Von Fridtjof Küchemann

In unserer Zeit ist das Internet einerseits selbstverständlicher Teil unserer alltäglichen Kommunikation und andererseits kommerziell erschlossen. Wer sich heute auf Ideen beruft, mit denen es von einigen Entwicklern und Enthusiasten einst eingerichtet wurde, wirkt schnell, als sei er von gestern.

Tillmann Neuscheler Folgen:    

Ein Netz ohne Grenzen, Kontrollen, Restriktionen, ein freier Datenfluss mit der Möglichkeit für alle und jeden, nach Belieben Inhalte herauszufischen und einzuspeisen, so abgelegen und sperrig sie auch sein mögen: Nicht nur in Ländern, deren Regime ohnedies für Überwachung und Unterdrückung bekannt sind, ist dieses Ideal unerreicht.

Unsichtbare Einschränkungen

Und doch ist die Lebendigkeit dieses Mediums, die Dynamik, mit der Neuerungen, Erfindungen, Angebote ihre Nutzer finden, undenkbar ohne den Grundsatz, dass jeder Inhalt für jedermann in gleicher Qualität verfügbar ist. Dass Demonstranten der Weltöffentlichkeit mit Direktübertragungen aus ihren Smartphones zeigen können, was in Kairo, Istanbul oder Sanford gerade passiert; dass sich alternative Videoplattformen neben dem Giganten behaupten; dass unsere Wahl eines Netzzugangs nicht zu einer grundsätzlichen inhaltlichen Festlegung führt, sind entscheidende Vorteile des Internets, wie wir es kennen. Sie sind in Gefahr, wenn die Netzneutralität als Grundlage des Datenverkehrs ausgehebelt wird.

Die Telekom hat nicht nur angekündigt, in ihren Neuverträgen eine Datendrosselung ab einem bestimmten monatlichen Volumen festzuschreiben, sondern will eigene datenintensive Angebote von dieser Zählung ausnehmen. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft um abzusehen, wohin dieses Modell führen kann: Die Zugangsanbieter geben entweder den eigenen Diensten den Vorrang oder gehen Kooperationen mit ausgewählten Anbietern an, und selbst wenn, wie oft beteuert, damit kein Angebot wirklich ausgeschlossen, sondern lediglich in der Übertragungsqualität hinter anderen zurückbleiben wird, wird das den Blick der Nutzer auf das Netz verzerren. Wir werden uns in einem Ausschnitt des Internets bewegen, den wir für das ganze halten werden. Und selbst wenn jeder Nutzer aus einer Vielzahl von Zugangsangeboten das passende auswählen kann, wird kaum einer im Blick haben und im Blick behalten, welche Einschränkungen schon seinem Zugang zum Internet eingeschrieben sind.

Schon die Personalisierung von Suchergebnissen, einzelnen Inhalten und ganzen Angeboten, die Blase, die um jeden einzelnen entsteht, macht es den Nutzern schwer, sich wirklich frei im Internet zu bewegen. Die Einschränkungen, die sich aus der Abwendung vom Grundsatz der Netzneutralität ergeben, wären das Ende des Internets, wie wir es kennen.

Contra

Vorfahrt für Zahlungsbereite

Von Tillmann Neuscheler

Wer auch immer sich den Begriff der „Netzneutralität“ ausgegrübelt hat,  er hat damit auch einen Kampfbegriff geschaffen. Denn wer will schon etwas gegen „Neutralität“ einwenden?  Das Wort bekehrt auf Anhieb, und manche Befürworter stellen es so dar, als sei „Netzneutralität“ die Basis des gesamten freien Internets.

Tillmann Neuscheler Folgen:    

Richtig hochgekocht ist der Streit, als die Telekom neue Tarife angekündigt hat, bei denen die Surfgeschwindigkeit für Nutzer gedrosselt wird, sobald ein bestimmtes monatliches Datenvolumen überschritten ist. Nur Dienste von Telekom-Partnern sollen trotzdem schnell bleiben, darin sahen viele eine ungerechtfertigte Diskriminierung. Zuvor schon waren Mobilfunk-Provider in der Kritik, die ihren Kunden den Videochatdienst Skype vorenthalten haben, aus Furcht, dass dann weniger telefoniert wird.

Es ist ein Kampf gegen vermeintliche „Diskrimierung“.  Und das Einstehen für ein freies Internet ist ja auch erstmal sympathisch. Aber worum geht es eigentlich? Beim Datenverkehr im Internet werden alle Dateien (egal ob Videos, Emails, Bilder oder Texte) in  viele kleine Datenpakete zerlegt, die dann einzeln verschickt werden und über unterschiedliche Wege zum Ziel gelangen. Im Kern geht es nun um die Frage, ob alle Datenpakete beim Transport im Internet gleich behandelt werden sollen, oder ob die Eigentümer der Infrastruktur – also zum Beispiel die Telekom – manche Daten schneller transportieren dürfen als andere Daten.

Interessant wird die Frage, wenn es zum Stau im Internet kommt. Und das ist gar nicht so selten, denn die Datenmenge, die sekündlich ihren Weg durch die Leitungen sucht, nimmt seit Jahren zu. Kommt es zum Stau, dann fängt das Livestream-Video an zu ruckeln und bei der Internet-Telefonie hakt der Ton. Nun könnte man verlangen, dass die bestehende Infrastruktur stets soweit ausgebaut wird, dass es nie zum Stau kommt. Aber es ist nicht unbedingt sinnvoll, die Leitungen immer am größtmöglichen Datenvolumen auszurichten. Wenn man nicht grenzenlos ausbaut, muss man aber entscheiden was passiert, wenn es zur Rivalität um die Transportkapazität kommt.

Befürworter der Netzneutralität sagen, auch im Stau müssen alle gleich behandelt werden. Aber warum eigentlich? Es ist nicht der Untergang des freien Internets, wenn es unterschiedliche Geschwindigkeitsklassen gibt. Und auch nicht wenn Videos von Telekompartnern bei Telekomkunden schneller laden als Youtube-Videos. In einer Marktwirtschaft gibt es eben gute und billige Cola. Es wird auch niemand „diskriminiert“, wie oft gesagt wird – solange alle ihre Internetdienstleistungen aus demselben Sortiment auswählen können. Nicht Datenpakete müssen gleich behandelt werden, sondern Nutzer sollen  aus einem großen Angebot frei wählen können. Und wer unbegrenzt und schnell surfen will, soll das tun können, aber er muss auch für die genutzten Ressourcen bezahlen. Es gibt kein Grundrecht auf billige Flatrates.

Ob es schlau ist von der Telekom, die Daten bestimmter Dienste zu „drosseln“, sei dahingestellt. Das muss die Telekom selbst wissen. Es ist das gute Recht der Nutzer, dass sie darauf allergisch reagieren, und das Unternehmen als „Drosselkom“ beschimpfen. Auch Smartphone-Nutzer, die den Video-Dienst Skype nicht nutzen können, dürfen sich beklagen. Solange es Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Anbietern gibt, können sie wechseln.

Eine staatliche Vorschrift, die alle Betreiber dazu zwingt, sämtliche Pakete stets gleich zu behandeln, ist überflüssig. In einer Marktwirtschaft sollte der Staat nicht vorschreiben, welche Preise Unternehmen für ihre Produkte verlangen. Und er sollte auch nicht vorschreiben, welche Produkte Unternehmen anbieten - auch nicht wie schnell er Daten zu transportieren hat. Das wird sich im Wettbewerb ergeben.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 17.07.2013, 15:26 Uhr


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