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Veröffentlicht: 26.05.2008, 21:20 Uhr

Privater Notruf Die letzte Rettung für den indischen Staat

Rettungswagen in Indien brauchen häufig mehrere Stunden, um ihr Ziel zu erreichen - und dann kommt oft jede Hilfe zu spät. Jetzt schafft ein Computerkonzern, was der Regierung nicht gelang: Er baut ein Notrufsystem für das ganze Land auf - auf eigene Rechnung.

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© AFP Schwerer Unfall - schnelle Hilfe?

Noch nicht einmal einen Namen hat das Baby, da ist sein Leben schon in höchster Gefahr. Die Kleine röchelt, ringt nach Luft, läuft blau an. Hilfe gibt es hier draußen nicht: Das Dorf, in dem sie auf die Welt kam, liegt in der indischen Provinz Andhra Pradesh, 300 Kilometer östlich der Hauptstadt Hyderabad. Ein Krankenwagen brauchte zehn Stunden, sie zu erreichen. „Zehn Stunden, von denen sie neun nicht überlebt hätte“, sagt Doktor Shankar Kottapali. Der Hüne sitzt in Jeans und Turnschuhen an seinem Schreibtisch. Er ist zufrieden. Denn gerade hat er das Leben des Neugeborenen gerettet. Per Telefon und Computer.

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„Die Menschen da draußen denken, wir zaubern“, sagt Kottapali. „Oder sie denken, wir seien nicht weit entfernt.“ Niemand von den Bauern, die kaum je ihre Dörfer verlassen haben, kann sich vorstellen, dass der Empfänger ihres Notrufs Hunderte Kilometer entfernt in einem Callcenter vor den Toren Hyderabads sitzt. Genau von dort aus aber greift Kottapali ein. Inmitten eines hochmodernen Zentrums mit Dutzenden Computerarbeitsplätzen sitzen er und seine Kollegen, sind über Kopfhörer und Mikrofon mit der Außenwelt vernetzt und nehmen Anrufe entgegen, wenn Menschen den Notruf mit der Nummer 108 wählen.

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Das wäre noch relativ gewöhnlich. Doch die 108 wird nicht vom Staat betrieben. Hinter dem Notruf steht ein privates Unternehmen: Satyam Computer Services Technology, Indiens viertgrößter Konzern für Informationstechnologie. Er hat das Notrufzentrum Emergency Management and Research Institute (EMRI) gegründet, er finanziert es und betreibt es.

Plattes Land © AP Vergrößern Plattes Land - bis der Krankenwagen hier ankommt, ist es oft viel zu spät

Auf den ersten Blick sieht EMRI aus wie eines der zahlreichen Telefonzentren, in denen Inder zu Billiglöhnen Flugtickets aus Frankreich bestätigen, Konten für Amerikaner eröffnen oder Kreditkarten für Deutsche abrechnen. Venkat Changavalli, der Leiter des Rettungszentrums, sagt: „Wir bedienen uns hier der von uns entwickelten neuesten Technik. Aber wir nutzen sie einzig, um Menschenleben zu retten.“ Changavalli ist Entrepreneur und Unterhändler, Antreiber und Ordnungskraft, Werber und Alleinunterhalter bei EMRI. All das ist auch notwendig. Denn er arbeitet an etwas, was es in Indien noch gar nicht gibt: an einem flächendeckenden Notrufsystem für eine Milliarde Menschen.

Derzeit funktioniert es schon in vier Bundesstaaten. Telefonistinnen nehmen die Notrufe an, suchen am Bildschirm den am nächsten positionierten firmeneigenen Krankenwagen und schicken ihn los. Die Retter können per Telefon einen Arzt einschalten, oder sie bringen die Opfer direkt in ein Krankenhaus. Das behandelt in den ersten 24 Stunden kostenlos - ein Abkommen mit EMRI.

Weder Arzt noch Klinikexperte

Ramalinga Raju, Gründer von Satyam, investierte 100 Millionen Dollar, um die Rettungsinitiative ins Leben zu rufen. Damals war EMRI eine fixe Idee, um die Versäumnisse des indischen Staates nachzuholen. Heute sitzen Indiens früherer Präsident Abdul Kalam, K.V. Kamath, der Vorstandschef der größten Privatbank ICICI, und Krishna Palepu von der Harvard Business School im Aufsichtsrat von EMRI. Denn heute ist das Zentrum zur Brutstätte des ersten landesweiten Notrufdienstes Indiens herangereift.

Die ersten vierzig Krankenwagen kaufte noch Satyam-Gründer Raju. Er ließ seine Techniker das Netz bauen, zog eine Notfallzentrale hoch - und suchte sich Changavalli als Leiter für EMRI aus. Changavalli ist weder Arzt noch Klinikexperte. In den vergangenen elf Jahren hat er das Indiengeschäft des einstigen deutschen Duftherstellers Dragoco Gerberding & Co. AG of Holzminden geleitet. Dann traf er Raju. Und der ließ bei Changavalli nicht mehr locker, bis dieser den Job wechselte und zu EMRI kam. Inzwischen wurde Changavalli für seine Rettungsinitiative mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft. Seinen Berufswechsel bringt er auf einen einfachen Nenner: „In meinem ersten Leben drohte mir im schlimmsten Fall der Verlust eines Kunden. Heute droht mir der Verlust eines Menschenlebens.“

Um das zu verhindern, ist Wachstum für ihn Pflicht. „Im Jahr 2010 werden wir eine Milliarde Inder mit 100.000 Mitarbeitern versorgen, 10.000 Krankenwagen und 22 Callcenter haben“, gibt der Chef als Parole aus. Damit würde aus der erst 2006 gegründeten Initiative mit ihren heute gerade einmal knapp 4500 Mitarbeitern und 600 Krankenwagen in rasantem Tempo ein Konzern im Weltmaßstab.

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