18.01.2004 · Versandhandel von Medikamenten ist teuer - Zweistellige Millionenbeträge kommen für Investitionen rasch zusammen. Für fachfremdes Beteiligungskapital bleibt die Tür zur Apotheke verschlossen.
Von Andreas MihmViel ist über den Versandhandel von Arzneimitteln in den vergangenen beiden Jahren gestritten worden. Krankenkassen und Regierung propagierten seine Freigabe, Apotheker hingegen wollten an seinem Verbot festhalten und sammelten Millionen Unterschriften "pro Apotheke".
Gerichte bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof prüften, ob das Bestellen und Verschicken von Arzneimitteln, welche die gesetzlichen Krankenkassen erstatten sollen, bei der niederländischen Internet-Apotheke Doc Morris Rechtens war oder nicht. Seit dem Jahreswechsel ist das Versenden von rezeptfreien wie verschreibungspflichtigen Arzneimitteln auch in Deutschland legal möglich.
"Virtuelle Apotheken" mit realen Versandkosten
Doch von einer Gründungswelle der Versandapotheken ist bisher nichts zu spüren. Kaum eine Handvoll der 21300 in Deutschland zugelassenen Apotheken will oder kann offenbar die Bresche nutzen, die der Bundestag im Zuge der Reform des Gesundheitswesens für erweiterte Vertriebsmöglichkeiten geschlagen hat. Weder den Kassenverbänden noch den besonders wachsamen Apothekervereinigungen sind nach eigenem Bekunden größere Bewegungen aufgefallen.
Im Internet haben einige Apotheker "virtuelle Shops" eröffnet, wie die Robert-Koch-Apotheke aus dem sachsen-anhaltischen Wittenberg - Netzsurfern eher unter dem Namen "Mycare" bekannt. Der Schweizer Versender Mediservice sondiere die Lage, heißt es in der Branche. Im niedersächsischen Bad Laer eröffnet die Sanicare Versandapotheke am kommenden Mittwoch ihr Geschäft. Zur Feier kommt sogar der Staatssekretär aus dem Bundesgesundheitsministerium.
Der Apotheker um die Ecke
Der Sanicare-Inhaber Johannes Mönter ist neben dem Inhaber der Berg-Apotheke aus Tecklenburg, Paul-Christoph Dörr, einer der wenigen, die hierzulande Medikamente im großen Stil versenden wollen. Beide sind schon seit Jahren in dem Geschäft mit dem Versand von Medizinprodukten aktiv. Heil- und Hilfsmittel verschicken sie, auch Impfstoffe, Diabetiker-Bedarf und Wellness-Produkte. Sie beliefern Kliniken und Heime mit Medikamenten und anderem, Ärzte auch mit Praxisbedarf.
Dörr und Mönter sind Apotheker, aber nicht mehr zu vergleichen mit dem traditionellen Pharmazeuten um die Ecke. Sie sind mittelständische Anbieter von Gesundheitsleistungen und Logistikexperten mit zweistelligen Millionenumsätzen. Bei Dörr haben die 90 Beschäftigten für zuletzt 35 Millionen Euro Umsatz gesorgt. Mönter zählt in seiner Unternehmensgruppe gar 350 Beschäftigte und rund 100 Millionen Euro Umsatz. Nur deshalb können sie sich den Einstieg in den Versandhandel leisten.
Tür zur Apotheke verschlossen
Der Aufbau einer Versandapotheke sei teuer, bestätigt Thomas Kerckhoff, Unternehmensberater und Vorsitzender des 2003 als Lobby-Gruppe gegründeten Bundesverbands deutscher Versandhandelsapotheken. Eine Apotheke, die täglich Tausende Medikamentenpakete verschicken wolle, benötige neben Beratung ein sicheres Daten- und Informationssystem, eine ausgefeilte Logistik und verläßliche Spediteure.
Zweistellige Millionenbeträge für die Investition kämen schnell zusammen, sagt Kerckhoff. Das schrecke wohl viele ab, die noch im vergangenen Jahr mit dem Versandhandel geliebäugelt hätten. Der Apotheker dürfe sich nicht so einfach mit Fremdkapital versorgen wie andere Unternehmer. Das Fremdbesitzverbot schreibt vor, daß nur Apotheker Eigentümer einer Apotheke sein dürfen; fachfremdem Beteiligungskapital bleibt die Tür zur Apotheke damit verschlossen.
Bestellen per Post-Rezept
Außerdem ist mit dem Jahreswechsel nicht nur der Versandhandel zugelassen, es haben sich auch die Rechengrößen für die Apotheker geändert. Während früher ihr Anteil mit dem Einkaufspreis stieg, so erhalten sie seit Jahresbeginn eine feste Pauschale von 8,10 Euro je Pillenpackung, von denen sie an die Kassen noch zwei Euro Rabatt abführen müssen. Zudem erhalten sie drei Prozent vom Apothekeneinkaufspreis.
Bei hohen Fixkosten muß eine Apotheke seit Januar erheblich mehr Päckchen versenden, ehe sie in die schwarzen Zahlen kommt, als noch im alten Jahr. Viele Kollegen seien da "sehr zurückhaltend geworden", resümiert der Sanicare-Chef Mönter. Auch bei ihm läuft das Bestellen per Post-Rezept langsam an: "50 bis 70 Anfragen am Tag" hat er gezählt. Doch kann er immerhin auf eine Kartei mit bis zu 60.000 Kunden-Adressen zurückgreifen, die schon bei ihm bestellt haben, beispielsweise als Diabetiker. Darauf will Mönter künftig aufbauen.
Buhlen um Versorgungsverträge
Zudem buhlen die Apotheken mit Krankenkassen um Versorgungsverträge. Doch noch ist unklar, zu welchen Konditionen. Verhandlungen laufen noch. Versender könnten Kassen Sonderpreise anbieten, wenn diese ihnen ausreichend viele Kunden vermitteln. Allerdings müssen die Kassen die Angebote dann ausschreiben.
Andere Überlegungen reichen weiter: Die Krankenkassen könnten mit den Arzneimittelherstellern direkt Abnahmeverträge beispielsweise für chronisch kranke Mitglieder schließen. Die Abwicklung könnten große Versandapotheken übernehmen, die Logistik, Arzneimittelsicherheit und Beratung per Internet oder Telefon böten. Für den Großhandel bliebe dort kein Platz - es sei denn, er stiege selber in das Geschäft ein, was rechtlich noch schwierig ist.
Jene Apotheker, die ein nicht so großes Rad drehen wollen, verfolgen ein anderes Geschäftsmodell. Die Wittenberger Mycare zum Beispiel setzt vor allem auf den seit Januar erlaubten Preiswettbewerb bei nicht rezeptpflichtigen, aber apothekenpflichtigen Präparaten. Mehr als 300.000 Euro habe der Aufbau der Internetplattform gekostet, sagt Sprecher Christian Buse. Doch sei der Server wegen Tausender Besucher ständig überlastet, die nach besonders günstigen Angeboten suchen. Buse verspricht seinen Kunden "mindestens zehn Prozent Rabatt". Hunderte gingen täglich darauf ein. Zunehmend würden auch Rezepte eingesandt, berichtete der Apotheker: "Das Volumen ist zuletzt extrem gestiegen."
Medikamentenhandel
Seit Jahresbeginn ist der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in Deutschland erlaubt. Auch wurde der Preis für nicht verschreibungspflichtige Medikamente freigegeben, was Preisvergleiche im Internet anregt. Medikamente können damit von einer zugelassenen Apotheke nach Hause bestellt werden. Das Originalrezept geht per Post an die Apotheke, bei nicht rezeptpflichtigen Präparaten reicht die Bestellung mittels Telefonanruf oder Internet. Bei zugelassenen deutschen Versandhändlern gelten dabei nach Auskunft des Gesundheitsministeriums die gleichen Maßstäbe für Verbraucherschutz und Arzneimittelsicherheit wie in der Apotheke am Ort. Auch deutsche Versandapotheken müssen bei rezeptpflichtigen Medikamenten die Zuzahlungsgebühr von 5 bis 10 Euro erheben, ausländische brauchen dies nicht. Die Zustellung an den Patienten persönlich oder einen benannten Vertrauten sichern die Versender gewöhnlich binnen 48 Stunden zu. Die Höhe der Versandgebühren ist unterschiedlich. Sanicare verlangt etwa 4,50 Euro je Sendung; diese entfallen bei einem Bestellwert von 100 Euro und mehr. Einzelheiten finden sich auf den Websites der Versender. Der Bundesverband der Versandhandelsapotheken will in den nächsten Tagen ein geschütztes Logo vorstellen, mit dem der Kunde zugelassene und "sichere" Apotheken von anderen unterscheiden können soll. Die deutschen Apothekerverbände bieten einen eigenen Dienst. Über www.aponet.de kann man per Internet Medikamente bestellen, die von einer nahe gelegenen Apotheke geliefert werden. (ami.)
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